Gibt es ein Leben nach dem Tode? Man möchte diese uralte Frage fast bejahen, liest man eine Geschichte, die in diesen Tagen durchs Internet geistert und tausendfach bei Facebook verbreitet wird. „162 Jahre alter russischer Mönch“ – „Das Wunder von Ivolginsk“ – „Den Tod überwunden“. So lauten die Überschriften. Man könnte es lächelnd übergehen, als Fantasie von Esoterikern abtun. Aber so einfach ist es nicht. Denn der Fall, der schon länger bekannt ist, beschäftigte auch bereits die Forscher. TV-Sender wie ZDF und Arte haben darüber berichtet und den Mythos damit eher verstärkt als entkräftet.

Es geht um einen angeblich verblüffend gut erhaltenen Mönch, der im Glasschrein eines Klosters in Burjatien sitzt, einer russischen Teilrepublik in Sibirien an der Grenze zur Mongolei. Der 1852 geborene Mönch wurde 1911 zum Chambo Lama, dem Oberhaupt der Buddhisten Burjatiens, gekürt. Sein Name: Daschi-Dorscho Itigelow. 1927 soll er die Mönche versammelt und ihnen erklärt haben, in die andere Welt hinübergehen zu wollen. Er bat sie, ihn nach dreißig Jahren aus dem Grab zu holen. Er werde nicht verwesen. Er soll im Lotussitz meditierend aus der Welt gegangen sein. In der Sowjetzeit, während der Verfolgung der Buddhisten, trauten sich die Mönche nicht, Itigelow zu exhumieren. Dies geschah erst 2002. Der Zustand des Körpers soll alle verblüfft haben.

Lücke im Universum

„Er ist weder einbalsamiert noch mumifiziert“, sagte Alexander Chatschaturow, der in einer ZDF-Dokumentation als Leiter der Moskauer Chemisch-Technischen Universität vorgestellt wurde. „Er hat weiche Haut, die dem Druck nachgibt. Die Gelenke sind elastisch. Er reagiert auf die Umgebung, nicht schnell, aber er reagiert. Ab und zu macht er den Mund auf, ab und zu die Augen.“ Sein Blut sei geleeartig, sein Gewebe ähnele dem lebender Menschen. „Wenn ein System von sich aus aktiv ist, dann kann man sagen: Es ist lebendig“, sagte Chatschaturow. „Es ist eine Existenzform, von der wir nichts wissen, aber es ist lebendig.“

Der exhumierte Itigelow fand seinen Platz im buddhistischen Kloster (Dazan) im burjatischen Dörfchen Ivolginsk. Er habe mit spiritueller Kraft die Grenze zwischen Leben und Tod verschoben, sagen die dortigen Mönche. „Im Universum, in der Zeit, existiert eine Lücke“, erklärte sein Nachfolger, der Chambo Lama Daschi Ajuschejew. Dort sei Itigelow. Zeit spiele für ihn keine Rolle.

Nicht wenige Leute greifen solche Thesen begeistert auf. Groß ist die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Doch Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben, äußern Zweifel an den geschilderten Lebensäußerungen. „Es handelt sich hierbei unzweifelhaft nicht um eine neue Lebensform, sondern um das Phänomen der natürlichen Mumifikation, das wir in der Rechtsmedizin zuweilen sehen“, sagt Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité. „Unter sich ändernden Umgebungstemperaturen können solche postmortalen ,Bewegungen’ durchaus stattfinden.“ Eine gründliche rechtsmedizinische Untersuchung würde diese „Lebensform“ schnell entzaubern.

Dass Itigelows Zellen noch lebten, wie ebenfalls behauptet wird, sieht Tsokos als ausgeschlossen an. „Der ist tot. Keine Frage.“ Zellen sind auf den Tod programmiert. In ihnen ticke eine biologische Uhr, sagt Leonard Hayflick, Zellbiologe aus San Francisco. Der Mensch könne eine Lebensspanne von etwa 120 Jahren nicht überschreiten. Während sich die Zellen eines Neugeborenen noch 80 bis 90 Mal teilen können, reicht es bei den Zellen eines 70-jährigen Menschen nur noch für 20 bis 30 Teilungen, bevor die Zellen sterben.

„Leben existiert nur als konstanter Energieverbrauch“, sagt der Genetiker Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. „Kein Energieverbrauch – kein Leben.“ Versuche von Esoterikanhängern, sich nur per „Lichtnahrung“ am Leben zu erhalten, haben auch in Deutschland schon zu Todesfällen geführt, innerhalb weniger Tage. Wie sollte dann der lebensnotwendige Stoffwechsel 75 Jahre lang im Sarg funktionieren?

Auch wenn die These vom Weiterleben Itigelows klar ins Reich des Glaubens gehört, bleibt die Frage nach dem guten Zustand des Mönchs. „Das ist keine Mumie“, behauptet Juri Tampolejew, Pathologe im Krankenhaus der burjatischen Hauptstadt Ulan-Ude, „weil die Mumifizierung einer Leiche den vollständigen Verlust von Flüssigkeit aus dem Gewebe voraussetzt.“ Tampolejew durfte Itigelow ein einziges Mal untersuchen. Er berichtete, dass beim Druck auf die Haut weiches Gewebe zu spüren gewesen sei.

„Ich habe so etwas noch nicht gesehen und auch noch nicht davon gehört“, sagt der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos. „Denn wie soll das Ganze feucht bleiben?“