Hübsche, weiße Blütenblätter, lieblich verziert mit ein paar Akzenten in Rosa und Gelb. Ein kleines botanisches Kunstwerk scheint sich da im Regenwald Südostasiens entfaltet zu haben. Malerisch und harmlos. Doch plötzlich fliegt die Täuschung auf, als die vermeintliche Orchideenblüte ein paar Schritte macht. Kronenfangschrecken haben die Kunst der Verkleidung im Laufe der Evolution perfektioniert.

Nicht nur ihre Farbe, auch ihre Form ähnelt verblüffend ihrem pflanzlichen Vorbild. Mimikry nennen Biologen solche Täuschungsmanöver, bei denen Lebewesen das Aussehen und Verhalten anderer Arten nachahmen. Etliche Beispiele für diese Tricksereien sind zwar schon seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Doch noch immer kommen neue Details über die Raffinesse der tierischen Imitatoren ans Licht.

Andere jagen und sich selbst schützen

Den Kronenfangschrecken zum Beispiel unterstellen Wissenschaftler schon länger aggressive Motive: Täuschen diese Insekten harmlose Blütenbesucher, um sie leichter in eine Mahlzeit zu verwandeln? In etlichen Versuchen sind James O’Hanlon von der Macquarie University im australischen Sydney und seine Kollegen diesem Verdacht nachgegangen.

Demnach ist die Farbe des raffinierten Räubers für Insektenaugen tatsächlich kaum von der einer Orchidee zu unterscheiden. Offenbar wirken die Fangschrecken sogar anziehender als echte Blüten – und sie zögern nicht, die Opfer dieser gefährlichen Illusion zu fangen und zu verspeisen. Ihr Erfolg beruht dabei allerdings nicht nur auf ihrer guten Tarnung. Japanische Forscher um Takafumi Mizuno vom Kyoto Institute of Technology haben herausgefunden, dass die Tiere zusätzlich auch noch die Lockstoffe ihrer Opfer imitieren. Die trickreichen Jäger setzen also auf eine Kombination aus optischer und chemischer Mimikry.

Doch nicht jedes Tier, das sich sein Aussehen von einer anderen Art abschaut, will auf diesem Wege Beute fangen. Im Gegenteil: Manchem geht es in erster Linie darum, sein eigenes Leben zu retten. Vielleicht lassen sich Feinde ja täuschen, wenn man eine besonders wehrhafte Art nachahmt? Das dunkle Zickzack-Band, wie es sich auf dem Rücken der giftigen Kreuzottern abzeichnet, scheint durchaus auch harmlose Reptilien vor Angreifern zu schützen.

Nachahmung von Aussehen und Verhalten

Wolfgang Wüster von der University of Wales und seine Kollegen haben das mit Knetgummischlangen herausgefunden, die sie in Großbritannien und Finnland im Gelände verteilt haben. An Exemplaren mit dem typischen Kreuzotter-Muster fanden sich später nur halb so oft die Spuren von hackenden Vogelschnäbeln wie an solchen mit einfarbigem Design.

Einige schlängelnde Nachahmer aber begnügen sich nicht mit oberflächlichen Ähnlichkeiten, sondern imitieren auch das Verhalten ihrer giftigen Vorbilder. Die harmlosen Vipernattern können ihren Kopf zum Beispiel in die flache, dreieckige Form einer angreifenden Viper bringen und starten sogar Scheinangriffe.

Selbst das bedrohliche Zischen der Tiere könnte Teil der Mimikry sein, vermuten Fabian Aubret und Alain Mangin von der Forschungsstation für Experimentelle Ökologie im französischen Moulis. Ihre Analysen haben ergeben, dass diese Laute vor allem tiefe Frequenzen zwischen 200 und 400 Hertz umfassen und kaum von denen der giftigen Aspisviper zu unterscheiden sind. Die mit der Vipernatter verwandte Ringelnatter dagegen gibt sich nicht als Giftschlange aus und zischt entsprechend in ganz anderen, hohen Tonlagen zwischen 5 000 und 10 000 Hertz.

Das Verhalten einer Giftschlange nachzuahmen, hilft zwar gegen hungrige Vögel und Säugetiere. Andere Feinde aber erfordern andere Tricks, wie sie etwa wehrhafte Ameisen beherrschen. Sie haben eine gute Strategie entwickelt, um sich vor Spinnen-Attacken zu schützen. Wie erfolgreich sie ist, haben Miriama Malcicka von der Vrije Universiteit Amsterdam und ihre Kollegen bei einer parasitischen Wespe namens Gelis agilis getestet.

Dieses kleine Insekt hat nicht nur die Größe und Figur einer Schwarzen Wegameise, auch seine Bewegungen erinnern verdächtig an diese häufigste Ameisenart Mitteleuropas. Und wenn sie sich bedroht fühlt, stößt die Wespe einen ganz ähnlichen chemischen Alarm- und Abwehrstoff aus wie ihr krabbelndes Vorbild. Der Aufwand für dieses vielschichtige Täuschungsmanöver scheint sich tatsächlich zu lohnen. Denn in den Experimenten der Forscher verspeisten Wolfsspinnen zwar mit Begeisterung Taufliegen und verschiedene andere Insekten. Unbehelligt ließen sie jedoch die Schwarzen Wegameisen und ihre Imitatoren.

Viele schlechte Doppelgänger

Nun gibt sich längst nicht jedes Tier so viel Mühe mit dem Nachahmen – es sind erstaunlich viele schlechte Kopien im Umlauf. So haben sich etliche amerikanische Schlangen der Gattung Lampropeltis die giftige Harlekin-Korallenotter zum Vorbild genommen und hüllen sich in ein schwarz-gelb-rotes Ringelmuster. Allerdings unterscheidet sich die Breite und Anordnung der Streifen deutlich vom Original.

Auch die Imitatoren des giftigen Schmetterlings Battus philenor, der in Nord- und Mittelamerika lebt, nehmen es mit der Ähnlichkeit nicht so genau. Um Fressfeinde abzuschrecken, haben Arten wie der Schwarze Schwalbenschwanz Papilio polyxenes ihre dunklen Flügelunterseiten zwar mit orangefarbenen Flecken und schillernd blauen Streifen dekoriert. Die bilden allerdings ein ganz anderes Muster als beim giftigen Vorbild.

Das müsste doch eigentlich auch der dümmste Gegner bemerken. Warum hat die Evolution solche schlechten Nachahmer also nicht aussortiert? „Feinde scheinen sich bei der Auswahl ihrer Opfer nur auf ein paar wichtige Merkmale zu konzentrieren“, erklärt Baharan Kazemi von der Stockholm- Universität. Er und seine Kollegen haben das in einem Versuch mit Blaumeisen beobachtet. Die Vögel lernten zunächst, dass sich nur unter Papierstücken mit einem bestimmten Design ein schmackhafter Mehlwurm verbarg. Als Nächstes bekamen sie Varianten vorgesetzt, bei denen mal die Farbe, mal die Form oder das Muster von den ursprünglichen Modellen abwich.

Dabei kam heraus, dass Meisen bei der Auswahl ihrer Beute vor allem auf die Farbe achten. Hatten sie die Botschaft „Magenta lohnt sich nicht“ einmal verinnerlicht, verschmähten sie alle Schnipsel mit dieser Farbe – unabhängig von deren Form und Muster. Ein Insekt, das Meisen-Attacken vermeiden will, muss ein ungenießbares Opfer also nicht täuschend echt imitieren. Es genügt, wenn die Farbe stimmt.

Die Imitation muss also nicht perfekt sein, ein bisschen Ähnlichkeit genügt manchmal schon.