Das Mikrofon hält er fest in der linken Hand, mit der rechten setzt er sich eine Sonnenbrille auf. „Wenn Sie das nächste Mal am Strand sind, schauen Sie in den Himmel“, fordert Christopher Kyba das Publikum auf. „Und machen Sie dazu diese Bewegung.“ Er schaukelt seinen Kopf wild von links nach rechts. „Dann denkt jeder, dass Sie ein Idiot sind.“ Die Zuschauer lachen. Der Forscher hat aber auch eine ernsthafte Erklärung für sein Gezappel. „So können Sie den Himmelskompass sehen“, sagt er. Er entstehe durch gebrochenes Licht, das Kreise bildet, die immer im 90-Grad-Winkel zur Sonne stehen. „Tiere orientieren sich daran,“ sagt Kyba. In der Nacht funktioniere das ähnlich. Mittlerweile sei es in den Städten aber so hell, dass die Tiere den Mond und seine Strahlen kaum noch sehen können.

Christopher Kyba ist Physiker am Geoforschungszentrum in Potsdam. Hier auf der Bühne bei einem Science Slam hat er jedoch nur zehn Minuten Zeit, um sein Forschungsgebiet zu erklären. Am Ende gewinnt er den Wettbewerb. Der Auftritt ist bei Youtube zu sehen. Der 36-Jährige erforscht die Lichtverschmutzung von Städten – das Verschwinden der nächtlichen Dunkelheit durch künstliche Beleuchtung. Als er damit 2009 in Berlin angefangen hat, war er der erste Wissenschaftler weltweit. Bis dahin wusste man erst wenig darüber, wie die immer helleren Nächte Mensch und Tier beeinflussen.

Am Sonnabend, 14. März, will Kyba den Verlust der Nacht mit der Hilfe von ganz normalen Bürgern in Berlin und Brandenburg messen. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er eine kostenlose App entwickelt, die sich jeder im Internet herunterladen kann. Über sie kann der Nutzer auf dem Display seines Smartphones nach den Sternenbildern am Berliner Nachthimmel suchen und angeben, ob die jeweiligen Sterne am Himmel sichtbar sind. In einem zweiten Schritt lässt sich ermitteln, wie stark sie funkeln. Je stärker die Lichtverschmutzung ist, desto weniger sieht man die Sterne. Mithilfe der Bürgerwissenschaftler will Kyba Jahr für Jahr verfolgen, ob die Nächte noch heller werden.

„Am Spreebogen in Berlin-Mitte kann man ungefähr 100 Sterne sehen“, schätzt der Forscher. „Das ist ziemlich wenig, denn es gibt ja Zig- tausend.“ Im Sternenpark im Havelland kann man sogar die Milchstraße erkennen. Und dabei ist Berlin noch nicht einmal stark lichtverschmutzt – trotz der Straßenbeleuchtung, Industriegebiete und Flughäfen. Kyba hat zusammen mit Kollegen mehr als 2 500 Nachtbilder von Berlin ausgewertet. Deshalb weiß er genau, wo sich die größten Lichtquellen befinden. „Etwa ein Drittel des künstlichen Lichts kommt von den Straßen – also Laternen, Autoscheinwerfer und Werbetafeln“, erklärt der Physiker. Der Flughafen Tegel trage mit drei Prozent dazu bei.

Im internationalen Vergleich sind die Deutschen allerdings etwas sparsamer, was Licht angeht. In Spanien sei es zum Beispiel viel heller als bei uns. „In Madrid sind überall auf der Autobahn Laternen angeschaltet“, sagt Kyba. „Im Gegensatz dazu ist der Berliner Ring (A10) nur an wenigen Stellen beleuchtet.“

Der gebürtige Kanadier wusste zwar nicht, dass er einmal Experte für Lichtverschmutzung werden würde. Doch er war sich schon in der fünften Klasse sicher, dass er Physik studieren will. Nach seinem Abschluss an der Universität von Alberta in Kanada, zog er für seine Promotion in die USA und forschte in Philadelphia im Bereich Teilchenphysik, später in der Radiologie, wo er daran arbeitete, geringe Lichtmengen mit speziellen Geräten nachzuweisen.

In Philadelphia lernte Kyba auch seine deutsche Frau kennen, mit der er 2008 nach Deutschland zog und sich zunächst ein Jahr lang nur um die gemeinsame Tochter kümmerte. „Meine ersten deutschen Worte habe ich von meinen Schwiegereltern beim Skat spielen gelernt“, sagt Kyba. Deutschkurse habe er zwar auch belegt. „Aber am meisten habe ich gelernt, wenn ich mit meiner Tochter auf dem Spielplatz war. Dort habe ich viel mit ihr und den anderen Kindern geredet.“

Seine Vorträge beim Science Slam hat er bisher auf Englisch gehalten. Dieses Jahr will er es auf Deutsch probieren. Dabei geht es ihm aber weniger um die Sprache als um gute Vorträge. Anschaulich erklärt er mit Comic-Hamstern, wie sehr künstliches Licht die Tiere beeinflusst. Dass Hamster sterben, wenn der Mensch ihnen mit Lampen vorgaukelt, es sei Sommer statt Winter. Sie brauchen die dunkle Jahreszeit für die Regulierung ihrer Körpertemperatur. Er berichtet, dass der Mensch Jetlags hat, weil sein Körper nicht erwartet, dass die Sonne scheint, wenn Stunden vorher auch schon Tag war.

In seiner jüngsten Studie haben Kyba und ein internationales Team die Helligkeit an 50 Orten weltweit untersucht. Sie haben getestet, wie viel heller der Himmel über den Orten im Vergleich zum natürlichen Nachthimmel ist. Im niederländischen Schipluiden war es 10 000 Mal heller als über dem dunkelsten Ort der Studie, Kitt Peak in den USA. So extrem war es zwar nicht in allen Städten und Dörfern. Aber in 30 der 50 untersuchten Orte war der Himmel mehr als doppelt so hell wie ein natürlicher Nachthimmel.

Welche Auswirkungen die erleuchtete Nacht auf Mensch und Tier hat, ist bisher nur vereinzelt wissenschaftlich belegt. Die Forschung steht auch hier noch am Anfang. „Aber bewiesen ist, dass Frauen öfter an Brustkrebs erkranken, wenn sie in stark beleuchteten Stadtvierteln wohnen“, erklärt Kyba. „Außerdem sagen viele Menschen, dass ihr Schlaf durch Laternenlicht gestört wird, wenn es direkt ins Zimmer scheint.“

Auch auf Tiere haben die hellen Nächte negativen Einfluss. Sie können sich nur schwer orientieren und haben Probleme bei der Beutejagd. „Die Lösung ist aber nicht, alle Laternen in der Stadt auszuschalten und das Brandenburger Tor nicht mehr anzustrahlen“, sagt Kyba. Lampen müssten so konzipiert sein, dass sie gezielt dahin leuchten, wo Licht gebraucht wird: auf Fußwege und nicht in den Himmel.