Der Blog pattydoo ist bekannt für seine anfängerfreundlichen Nähanleitungen, die als Videos viele Tausend Nutzer begeistern.
Foto: Pattydoo

BerlinEine halbe Millionen Nutzer gehen monatlich zu „pattydoo.de“, dem größten deutschen Näh-Blog. Ina Fischer (40) und ihr Partner Christian Jähnel haben ihn in Berlin gegründet. Besuch in ihrem Studio in Charlottenburg, wo auf zwei Etagen insgesamt zwölf Angestellte beschäftigt sind. Ein Gespräch darüber, was Pattydoo so erfolgreich gemacht hat und warum das Selbermachen eine neue Faszination erfährt. 

Pattydoo ist der erfolgreichste deutsche Näh-Blog. Wie haben Sie das geschafft?

Christian Jähnel: Wir bekommen sehr oft das Feedback, dass Menschen mit uns das Nähen gelernt haben. Schon Kinder versuchen mit unseren ausführlichen Näh-Videoanleitungen, ihre ersten Taschen zu nähen. Das Praktische ist, dass heutzutage fast jeder ein Smartphone hat. Wenn man das Handy neben die Nähmaschine legt, kann man mit den Anleitungs-Videos alle unsere Schnitte Schritt für Schritt nachnähen.

Auch der Preis spielt sicherlich eine Rolle. Mit 2,99 Euro pro Schnitt liegen Sie deutlich unter dem Durchschnitt.

Christian Jähnel: Die Schnittmuster bei uns im Online-Shop kann man als E-Books sofort herunterladen und zu Hause ausdrucken. Ein PDF-Schnittmuster ist ein Digitalprodukt. Ein Song auf iTunes kostet auch nur einen Euro. Für ein digitales Produkt fünf bis acht Euro zu nehmen, finde ich zu viel. Das würde ich auch nicht ausgeben. Ich denke, die meisten Menschen kaufen lieber drei Schnittmuster für je drei Euro, als nur eines für acht Euro.

Ina Fischer: Der Unterschied ist: Der Preis ist bei uns nicht die Hemmschwelle. Für drei Euro nimmt man auch mal ein Schnittmuster mit, das dann möglicherweise etwas länger auf seinen Einsatz warten muss. Das ist bei Stoffen doch oft auch so: Man kauft sie erstmal und dann liegen sie einige Zeit im Regal.

Ina Fischer und Christian Jähnel sind die Gründer des erfolgreichsten deutschen Näh-Blogs Pattydoo.
Foto: Pattydoo

Bei Ihnen auch?

Ina Fischer: Privat ja, in unserem Nähatelier ist das Lager überschaubar. Das hat auch einen einfachen Grund. Wenn wir mit einem neuen Schnitt herauskommen und Nähbeispiele dazu zeigen, möchten die Leute sie genauso nachnähen. Daher sollte der Stoff möglichst „frisch“, also auch erhältlich sein.

Christian Jähnel: Vor einigen Wochen habe ich gelesen, dass die Ikea-Inhaber sagen, sie hätten die Möbelbranche demokratisiert. Mit schönen Sachen, die sich jeder leisten kann, erreicht man ganz viele Leute. So ähnlich ist das bei uns wohl auch. Mit uns kann sich jeder leisten zu nähen.

Womit hängt der Näh-Boom noch zusammen?

Ina Fischer: Die Leute hängen vor dem Smartphone und lassen sich berauschen. Aber wenn du einmal etwas selber genäht hast und das dann fertig in den Händen hältst – das ist ein ganz besonderes Gefühl. Man schafft etwas, das eben nicht nur digital existiert, sondern ganz real. Mir geht das auch immer noch so: Ich nähe eine Tasche und dann kommt der große Moment des Wendens. Und ich denke einfach nur: Cool! Und viele Hobbynäher verschenken auch gern Selbstgenähtes.

Sie auch?

Ina Fischer: Ja, natürlich. Bei uns im Pattydoo-Atelier werden so viele Sachen genäht, dass ich die gar nicht alle behalten kann und deshalb gerne mal verschenke. Um aber speziell etwas für jemanden Bestimmten als Geschenk zu nähen, dazu fehlt mir leider die Zeit. Nähen ist zum Beruf geworden, Zeit für das Hobby Nähen habe ich kaum – wenn, dann nähe ich meist doch was für Pattydoo.

Nähen Sie denn im Berufsalltag tatsächlich viel?

Ina Fischer: Nein, meine Arbeit bei Pattydoo findet hauptsächlich am Computer statt. Gemeinsam mit unserem Team entwickle ich die Schnitte, erstelle die Dokumente, schreibe den wöchentlichen Newsletter, und mit Christian drehe ich die Videos. Wenn es mal ein komplizierteres Projekt ist, wie unsere Hemden im Sommer, dann nähe ich auch mal, um die Arbeitsschritte vor einem Dreh noch mal durchzugehen. Ansonsten übernimmt das Nähen unsere Schneiderin im Team.

Sind Sie traurig darüber?

Ina Fischer: Ja, klar. Ich würde gern mehr nähen. Aber ich bin zum Glück trotzdem ganz nah dran, verbinde mein Hobby mit dem Beruf. Wir berücksichtigen viele Ideen und Wünsche der Community, aber trotzdem steckt immer noch ganz viel Ina in den Schnitten. Die Tasche „Adora“ war zum Beispiel ein richtiges Herzensprojekt.

Mit dieser alten Veritas-Nähmaschine hat Pattydoo-Gründerin Ina Fischer das Nähen gelernt.
Foto: Pattydoo

Als das Nähen noch Hobby war, wie sind Sie dazu gekommen?

Ina Fischer: Ich bin ein Kind der DDR. Meine Mama hatte eine Veritas-Nähmaschine. Als junges Mädel habe ich schon Kuscheltiere genäht und mich dafür interessiert, wie Klamotten gemacht sind. Damals musste man noch nähen, wenn man etwas besonders Schönes zum Anziehen haben wollte. Zur Einschulung hatte ich einen Stufenrock an, den meine Mutter genäht hatte.

Und nach der Schule haben Sie beschlossen, Bekleidungstechnik zu studieren?

Ina Fischer: Nein, ich habe erst einmal eine Ausbildung zur Modeschneiderin gemacht. Damals fand ich das ätzend, ich musste jeden Morgen um sieben Uhr anfangen – mit Stechuhr. Im Nachhinein bin ich so froh! Was ich von den Frauen im Nähatelier gelernt habe, ist das, was ich heute weitergeben kann und möchte. Es sind die Kleinigkeiten, die nicht im Nähbuch stehen und die man eben am besten im Video vermitteln kann.

Damals haben Sie über Pattydoo vermutlich noch nicht ansatzweise nachgedacht?

Ina Fischer: Ich habe danach erstmal Bekleidungstechnik studiert. Der Bekleidungstechniker verhält sich zum Modedesigner wie der Bauingenieur zum Architekten. Kreativ sein ist das eine, das Know-how zu haben, das andere.

Pattydoo entstand aus der Not, weil Sie beide unzufrieden in Ihren bisherigen Jobs waren. Ein Glücksfall.

Ina Fischer: Wir haben beide in der Krise gesteckt, ich habe noch einmal ein zweites Studium begonnen: Medieninformatik. Ich wollte mich von der Modebranche entfernen. Nach einigen Jahren bei großen Firmen, war das alles nicht mehr das Richtige für mich. Es ging nicht um Kreativität, sondern um Verkaufszahlen. Als ich im Studium der Medieninformatik ein Praxisprojekt machen musste, war ich – wie viele – auch durch die Geburt meiner Tochter schon wieder zum Nähen gekommen und hatte festgestellt, wie digital Nähen geworden ist. Irgendwann habe ich dann denn Blog gestartet.

Christian Jähnel: Ich habe zeitgleich angefangen BWL zu studieren. In meinem Hauptfach musste ich einen Business-Plan erstellen und was lag näher, als den für Pattydoo zu machen! Da haben wir begonnen zu realisieren, dass das was werden kann.

Fachsimpeln im Pattydoo-Studio: Ina Fischer und Reporterin Dajana Rubert tauschen sich aus.
Foto: Berliner Zeitung/ Dajana Rubert

Was waren denn Ihre ersten Schritte?

Ina Fischer: Nach dem Blog war die kleine Kosmetiktasche „Susi“ mit den Kellerfalten unser erstes Anleitungsvideo-Projekt.

Christian Jähnel: Schon nach wenigen Wochen waren wir bei 100.000 Aufrufen des Videos. Da haben wir endgültig gemerkt: Hier geht was. Die Leute schauen sich das gern an. Es gab extrem viel Interaktion. Nach einem Jahr hatten wir monatlich 100.000 Blog-Leser und das erste Schnittmuster zum Verkauf angeboten.

Ina Fischer: Das war die Handytasche „Bowie“. Die sollte etwas Besonderes haben, das war die Schleife.

Christian Jähnel: Wir waren extrem aufgeregt, ob die Leute nun drei Euro für den Schnitt bezahlen. Da wir auf dem Blog schon so viele Leser hatten, brauchten wir dort nur über die Tasche zu berichten. Und plötzlich konnten wir allein von dem einen kostenpflichtigen Schnitt leben. Mittlerweile haben wir sogar zwölf Mitarbeiter.

Haben Sie Angst, dass der Näh-Boom irgendwann wieder abflacht? Dann wäre auch Ihr Business in Gefahr.

Christian Jähnel: Wir haben ein sehr schönes, organisches Wachstum über die Jahre hinweg. Das fällt nicht runter wie ein Stein. Die Branche diskutiert seit Beginn, wie lange der Boom wohl anhält. Aber eigentlich ist der Konsens: Alles hängt zusammen. Die Menschen achten wieder mehr auf ihren Körper, machen Workouts, gehen in den Bioladen, legen Wert auf Nachhaltigkeit. Und das wird auch nicht plötzlich aufhören. Der Mann werkelt zu Hause an der Bank – Holz macht stolz, sagt man. Und die Damen nähen, häkeln, stricken eben. Do-it-yourself, DIY, ist ein Milliardengeschäft – vor allem auch online.

Apropos. Mittlerweile bekommt man im Internet alles, was das Näh-Herz begehrt. Shoppen Sie lieber on- oder offline?

Ina Fischer: Wenn ich die Zeit hätte, würde ich lieber in den Laden nebenan gehen. Natürlich fasse ich Stoffe lieber an und begutachte sie in Ruhe.

Geht das, dass Sie in Ruhe nach Stoffen schauen? Oder werden Sie an jeder Ecke von Fans angesprochen – immerhin posten regelmäßig Nähbegeisterte Fotos mit Ihnen, posieren neben Ihnen wie neben einem Popstar?

Ina Fischer: Das geht schon. Hin und wieder werde ich angesprochen, viele trauen sich jedoch auch nicht. Wenn ich mitbekomme, dass sich jemand nicht traut, gehe ich auch gerne mal auf die Leute zu und plaudere mit ihnen über Nähkram.

Was nähst du am liebsten?

Ina Fischer: Bei Taschen gibt es nie Passformprobleme – das ist schon toll. Aber Klamotten sind auch super. Wobei ich ein Fan von einfachen Schnitten bin, die ich mit schönen Stoffen umsetze. Aufwendige Softshell-Jacken würde ich privat eher nicht selber nähen, aber ich finde es toll, dass unsere Fans es gerne machen und dass ich für die Videos dann auch mal wieder solche Herausforderungen habe.

Wie viel Prozent des Inhalts Ihres Kleiderschranks ist selbst genäht?

Ina Fischer: Ich kaufe auch gern Klamotten ein. Etwa 50 Prozent meiner Sachen sind selbstgenäht.