Berlin - Reiselustige Menschen können nichts gebrauchen, was sie beschwert. So erging es auch Alexander von Humboldt. Schon als junger Student ahnte er, dass er selbst nie ein eigenes Archiv an Naturschätzen haben würde. Zwar fand er ständig interessante Pflanzen und Steine, verschenkte sie aber gleich wieder. „Und wenn ich heute etwas Seltenes habe und morgen seh’ ich, dass es einem Dritten mehr Freude macht, so geb’ ich es weg. So komm’ ich freilich nie zu einer Sammlung“, schrieb er 1791 in einem Brief.

Damals konnte Humboldt nicht ahnen, dass  zu seinem 250. Geburtstag  im Berliner  Museum für Naturkunde  zahlreiche Stücke, die er auf seinen Reisen fand, wieder vereint werden würden. Die neue Ausstellung „Humboldt-Intervention“ zeigt zum Jubiläum ausgewählte Mineralien und Steine, die durch den berühmten Naturforscher in die Sammlung des Museums kamen. Die Schau ist Teil eines Themenjahres, zu dem in der ganzen Stadt das Leben und Schaffen Humboldts mit vielen Veranstaltungen gefeiert wird.

„Alexander von Humboldt und Berlin – das ist eine untrennbare Geschichte“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller zur Eröffnungsfeier im Dinosauriersaal. Der Forscher sei aber auch ein Pionier des globalen Denkens gewesen, der schon damals gewusst habe, was heute in Zeiten des Klimawandels besonders offensichtlich wird. „Nur wenn wir uns öffnen, vernetzt denken und handeln, werden wir Erfolge erzielen, die uns allen zugute kommen“, sagte Müller.

Humboldt brachte das Wissen der Welt nach Berlin. Vor allem seine Reisen nach Amerika und Russland schrieben Expeditionsgeschichte. Der wissbegierige Wissenschaftler legte dabei Strecken zurück, die für seine Zeit einzigartig waren. Er bewegte sich im Kanu, im Sattel und als unermüdlicher Wanderer zu Fuß, war oft in Gefahr, von tropischer Hitze und Insekten  geplagt.

Mineralogie war Modefach

Die Sammlungen, die er auf seinen abenteuerlichen Reisen zusammengetragen hat, bereichern heute das Museum für Naturkunde, wobei Mineralien und Gesteine einen Schwerpunkt bilden. „Es sind nicht immer die schönsten Objekte, die Humboldt mitgebracht hat, sie sind aber historisch und wissenschaftlich unheimlich wichtig“, sagte Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums.

Um die Ausstellung zu konzipieren, konnten die Mitarbeiter seines Hauses nicht einfach eine Humboldt-Schublade aufziehen. Die Objekte waren kreuz und quer auf viele Orte, Schränke und Kästen verteilt. Es mussten Kataloge gewälzt und der genaue Weg bestimmter Stücke über andere Sammlungen recherchiert werden. Dabei half ihnen auch die Digitalisierung der Bestände, die für die Mineraliensammlung mittlerweile zu 90 Prozent abgeschlossen ist. So lässt sich nun erstmals sagen, wie viele Humboldt-Objekte es überhaupt dort gibt. Nach derzeitigem Stand sind es 512 Stücke, die direkt über Humboldt in die Sammlung gelangten, 604 hat der Mineraloge Gustav Rose mitgebracht, der ihn auf der Russlandreise begleitete.

Ein Vermögen für Amerika

Humboldts Interesse galt neben Pflanzen und Tieren schon früh dem Gestein. Ab 1791 studierte er an der Bergakademie in Freiberg. „Die Mineralogie war damals eine Modewissenschaft“, sagte Ursula Klein, Historikerin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte bei einem Podiumsgespräch während der Ausstellungseröffnung. Nach dem siebenjährigen Krieg wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die ersten staatlich organisierten Bergakademien gegründet. Im Zuge dessen wurde auch die Mineralogie als Einzelwissenschaft gefördert. Humboldt wurde als Bergbeamter mit der Untersuchung des oberfränkischen Bergbaus betreut. In kurzer Zeit stieg er zum Oberbergrat auf.

Von seiner Mutter erbte er 1796 ein so großes Vermögen, dass er sich den Traum von einer großen Expedition nach Amerika erfüllen konnte. Bei der Organisation halfen ihm sein Ruf als Bergbauexperte, zudem sein gekonntes Auftreten am Hof in Madrid, wo er sein Anliegen auf Spanisch vortrug. So konnte er zwischen 1799 und 1804 mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland die spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika erforschen. Zahlreiche Fundstücke von dort sind in der Ausstellung zu sehen – weiße Dolomite und dunkle Eisenmeteorite aus Mexiko, grauer Antimonit oder roter Cinnabarit aus Peru.

In den Anden bestieg Humboldt auch zahlreiche Vulkane und untersuchte deren Gesteine. Einen großen Teil von dem, was er dort fand, übergab er an das königliche Mineralienkabinett in Berlin. Manche, wie der blutrote Feueropal aus Mexiko, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, erregten aufgrund ihres Äußeren zunächst große Aufmerksamkeit. Die Analyse ergab dann aber, dass er „nur“ aus Kieselerde, Wasser und ein wenig Eisenoxid bestand.

Nach Russland mit 60

1829 unternahm Humboldt gemeinsam mit dem Mineralogen Gustav Rose eine Russlandreise, von der die Männer zahlreiche Objekte aus dem Ural und dem Altai-Gebirge mitbrachten. Humboldt war damals schon 60 Jahre alt. „Dass er in diesem Alter noch eine solche Reise unter den damaligen Bedingungen unternahm, kann man nur auf seine große wissenschaftliche Neugierde zurückführen“, sagte Gerhard Heide, Professor an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg.  Humboldt prophezeite damals voraus, dass man im Ural Diamanten finden könnte. Kurze Zeit später bekam er einen zugeschickt. Das krümelgroße Geschenk des Grafen von Polier ist in der Ausstellung zu sehen. Ebenso wie die Kopie eines  riesigen Goldnuggets aus dem Ural  – ein Präsent des  russischen Finanzministers Georg Ludwig Graf Cancrin.

„Durch seine Reisen ist Humboldt zum international vernetzten Wissenschaftler geworden“, sagte Ursula Klein. „Er war ein großer Teamplayer, was für seine Zeit außergewöhnlich war.“ Um seine vielfältigen Forschungen aus den verschiedensten Bereichen von Botanik über Ethnologie bis zu Geowissenschaften oder Meteorologie zu verwirklichen, sei er auf Daten angewiesen gewesen, die ihm Menschen aus der ganzen Welt vermittelten. Stets habe er gewusst, dass so etwas nur gemeinsam durch Arbeitsteilung möglich sei.

Die  Bedeutung der Vielfalt

Humboldts Sicht auf die Welt vor mehr als zwei Jahrhunderten mutet heute extrem modern an.  Er begriff die Natur als Ökosystem, in dem alles miteinander in Verbindung steht – vom kleinsten Pflänzchen bis zum größten Säugetier. In der Einheit der Natur betonte er auch immer die große Bedeutung ihrer Vielfalt. Was würde er wohl heute zur industriellen Ausbeutung der Natur sagen, die auch insbesondere die Mineralien betrifft?, fragten sich die Gäste bei der Ausstellungseröffnung. Insbesondere für die Handyproduktion werden einige mineralische Stoffe heute so intensiv abgebaut, dass sie in den nächsten 100 Jahren zur Neige gehen werden – darunter Zink und Silber.