Jedes Jahr werden etwa 16.000 neue Arten von Tieren und Pflanzen entdeckt. Das klingt großartig, ist aber eigentlich eine mickrige Ausbeute. Denn von den schätzungsweise 8 bis 10 Millionen Arten, die es auf der Erde gibt, sind erst 1,5 Millionen entdeckt. „Wir müssen das Tempo der Erfassung erhöhen, wenn wir herausfinden wollen, mit wem wir die Erde teilen“, sagt Michael Ohl vom Berliner Museum für Naturkunde.

Seine Ungeduld ist zu verstehen. Denn es ist nicht nur so, dass es mit dem jetzigen Tempo der Artentdeckung mehr als 400 Jahre dauern würde, bis alle Tiere und Pflanzen ihren Namen haben (siehe Grafik). Die Zeit drängt auch, weil die Natur zunehmend bedroht ist – durch den Klimawandel, Umweltgifte und andere Eingriffe des Menschen. „Wir haben es heutzutage mit einem gravierenden Artensterben zu tun. Viele Tiere sterben bereits aus, bevor sie entdeckt werden“, sagt Ohl.

Mit seiner Arbeit will er nun die Taxonomie, wie die Entdeckung, Beschreibung und Benennung neuer Arten auch genannt wird, vorantreiben. Am Berliner Naturkundemuseum wurde zu diesem Zweck das Zentrum für integrative Biodiversitätsentdeckung eingerichtet, dessen kommissarischer Leiter Michael Ohl ist. Am gestrigen Montagabend fiel der Startschuss für die Arbeit im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Titel „Wie bekommt die Natur ihre Stimme zurück?“.

Zwanzig neue Stellen

Das Naturkundemuseum setzt mit dem Zentrum einen deutlichen Schwerpunkt: 20 neue Stellen werden für die neue Abteilung ausgeschrieben, die wie der Rest der Museumsforscher an der Invalidenstraße in Mitte angesiedelt ist. Der Etat von 2,3 Millionen Euro pro Jahr wird je zur Hälfte vom Bund und vom Land Berlin finanziert. So ist es üblich bei Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft, zu denen das Museum für Naturkunde gehört.

Die Suche nach dem künftigen Leiter des Zentrums, der zugleich eine Professur am Institut für Biologie der Humboldt-Universität erhält, soll nach den Sommerferien beginnen. Bis er sein Amt antritt, übernimmt der Insektenspezialist und Leiter der Abteilung Biodiversitätsentdeckung, Michael Ohl, den Aufbau. Er hat viel vor: „Wir wollen neue Arten künftig zehnmal so schnell wie bisher entdecken“, sagt er.

Um das zu erreichen sei es notwendig, neue genetische Methoden und konventionelle Verfahren zu kombinieren und zu automatisieren. „Bisher haben Taxonomen einzelne Tiere gesammelt und sie anhand ihrer äußeren Gestalt beschrieben und erfasst“, erläutert der Experte. Künftig würden Proben aus der Umwelt entnommen, die möglichst viele Arten enthalten. Das Erbgut der Tiere soll dann robotergestützt sortiert und sequenziert werden.

Bei Insekten lassen sich Umweltproben zum Beispiel mithilfe von Malaise-Fallen nehmen – das sind Zelte, die fliegende Insekten aus der Luft abfangen und direkt in ein mit Alkohol gefülltes Gefäß leiten. Auch Umweltproben vom Boden oder aus dem Wasser sind denkbar, um viele Arten zugleich einzusammeln.

Hauptteil der Artenvielfalt in den Tropen und Suptropen

Die Biodiversität zu erkunden, ist dabei nicht nur eine Frage des Entdeckergeistes, sondern hat auch praktischen Nutzen. Landwirte interessierten sich zum Beispiel für Möglichkeiten der biologischen Schädlingsbekämpfung, sagt Ohl. Und für Mediziner seien tropische Mückenarten zunehmend wichtig, weil sie neue oder an Bedeutung gewinnende Krankheitserreger wie das Zika-Virus übertragen können.

Weltweit gebe es keine Einrichtung, die wie das Berliner Zentrum die Biodiversitätsentdeckung verbessern und beschleunigen will, sagt Ohl. Trotzdem haben die Forscher des Naturkundemuseums natürlich nicht vor, die ganze Arbeit alleine machen. „Uns geht es auch darum, Methoden zu entwickeln, die dann von anderen Forschern angewendet werden können“, sagt Ohl.

Das Thema Artenvielfalt sei ohnehin nur global zu denken. „Der Hauptteil der noch zu entdeckenden Biodiversität befindet sich in tropischen und subtropischen Ländern wie Brasilien und Indonesien. Mit Forschern dort streben wir eine enge Zusammenarbeit an.“ Für andere Entdeckungen müssen die Berliner gar nicht reisen. Denn sie können im Haus gemacht werden – in der großen Sammlung, die noch lange nicht komplett gesichtet ist.

Das Archiv des Naturkundemuseums verfügt über etwa 30 Millionen Objekte, die Hälfte davon sind Insekten. „Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Objekte sind noch gar nicht oder nicht ausreichend bearbeitet“, berichtet der Insektenspezialist.

Die Forscher werden ihre neuen Methoden also auch an diesen Objekten erproben können. Unter dem Stichwort „Innenrevision“ läuft dieses Vorhaben. Dabei geht es um mehr als ums Aufräumen. „Da es sich zum Teil um recht alte Funde handelt, haben wir dann nicht nur Referenztiere in unserer Sammlung, sondern können auch erkunden, ob es die jeweiligen Arten an den damaligen Fundorten noch gibt“, sagt Ohl.

Die Geschichte der Monsterwespe

Im Jahr 2012 hat ihm die Berliner Sammlung schon einmal gute Dienste erwiesen. Damals war einer Kollegin aus den USA auf der indonesischen Insel Sulawesi eine extrem große Wespe in die Falle gegangen. Als Ohl davon hörte, erinnerte er sich, ein ähnliches Exemplar schon einmal im Archiv des Hauses in einer Sammlung aus dem Jahr 1930 gesehen zu haben. „Unbekannte Grabwespe“ lautete die magere Beschriftung.

Als Ohl und seiner Kollegin Lynn Kimsey von der University of California in Davis auch das frisch gefangene Exemplar vorlag, wurde klar, dass es sich um eine eigene Gattung von Wespen handelt. Sie tauften die Monsterwespe Megalara garuda.

Vielleicht gibt es solche Entdeckungen nun bald wie am Fließband. Vor allem in der Welt der Insekten scheint die Vielfalt unerschöpflich zu sein. Schon jetzt stellen sie mit 1 von 1,5 Millionen mit Abstand die meisten Arten. Auch in Zukunft werden sie wichtig sein. Denn sie machen Schätzungen zufolge auch den weitaus größten Teil der 8 bis 10 Millionen Arten aus, die wohl insgesamt auf der Erde leben.

Buchpräsentation: Der Insektenspezialist

Michael Ohl vom Naturkundemuseum Berlin stellt sein neues Buch „Stachel und Staat“ (Verlag Droemer Knaur) bei einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 4. Juli, um 19.30 Uhr im Museum für Naturkunde, Invalidenstr. 43, 10115 Berlin vor. Anmeldung erbeten unter der E-Mail-Adresse: evolution@mfn.berlin