Es ist der 26. Juni 1967, am Strand von Arroyo Bermejo, 70 Kilometer von Havanna, umgeben von Palmen und Mangrovensümpfen, bei 35 Grad im Schatten“, erzählt der Sprecher aus dem Off, während paradiesische Bilder aus Kuba über die Leinwand flimmern. Männer in Badeshorts sitzen mit Tauchausrüstung in einem Boot, fahren im Sonnenschein über das Wasser. Im Fahrtwind flattert die Fahne der DDR. „Wenn es nur ums Tauchen ginge, wäre die Expedition für uns ein Spaß“, berichtet die Männerstimme weiter.

Doch das Team habe eine komplizierte Sache vor: „Wir sollen hier ein Korallenriff abbauen. Zehn Meter lang, drei Meter hoch, für das Naturkundemuseum in Berlin.“ Dieser Ausschnitt stammt aus dem Kurzfilm „Telegramm aus Cuba“ und ist eine Produktion der Defa über eine wahnwitzig anmutende Expedition. Der Sprecher ist niemand geringerer als Manfred Krug.

Die Szene ist Teil eines neuen Films, der nun im Naturkundemuseum zu sehen ist. Der Film ist eines von vier künstlerischen Projekten, die sich mit der Forschung und der Geschichte des Museums beschäftigen. Sie sind von Mittwoch, 30. Januar, bis zum 29. April zu sehen.

Ein brachiales Vorhaben

Neben dem Film von Regisseur Assaf Gruber, der die Kuba-Expedition thematisiert, sind Installationen des amerikanischen Künstlers Mark Dion und der Britin Elizabeth Price zu erleben sowie eine Mikrooper von Ulrike Haage und Mark Ravenhill. Diese Interventionen, wie sie das Museum selbst nennt, geben Künstlern seit 2014 einmal im Jahr die Möglichkeit, Kunst und Wissenschaft zu verknüpfen. „Die Künstler haben keine Vorgaben“, sagt die Projektverantwortliche Anita Hermannstädter vom Naturkundemuseum. Sie sollen selbst, etwa durch Gespräche mit Mitarbeitern und Forschern des Museums oder durch Sammlungsstücke, Inspiration für ein künstlerisches Projekt bekommen.

So war es auch bei Assaf Gruber. Der Filmemacher hat von Historikerin Manuela Bauche über die Kuba-Expedition von 1967 erfahren. Für ihn sei diese Geschichte wie ein Katalysator gewesen. Diese Korallen, sagt Gruber, sind für ihn nicht nur ein Stück Natur, sie sind ein kulturelles Objekt. „Sie helfen uns viele Aspekte anzusprechen und zu verstehen: Geschichte, Politik, die Menschheit und uns selbst.“

Damit spielt der Regisseur auf das kolonialistisch anmutende Vorhaben der DDR an: „Es ist eine brachiale Aktion, in ein Gebiet zu kommen und von dort ein großes Stück Riff entfernen zu wollen – um es im Museum auszustellen“, sagt Assaf Gruber. Eigentlich wirke es so, als ob die DDR ihre mächtigere Position gegenüber Kuba ausgespielt habe.

Auch Manuela Bauche, die sich seit 2015 mit dieser Expedition beschäftigt, hat sich diese Frage gestellt. Sie hat für ihre Untersuchung zahlreiche Dokumente geprüft, das Archiv durchforstet und war auf Recherchereise in Kuba. „Da sind immer noch viele Fragezeichen bei dieser Expedition, aber es gab offenbar damals von kubanischer Seite kein Interesse an Korallenriffen und auch keine Bedenken, es in so gigantischen Mengen zu sammeln“, sagt die Historikerin.

Das wäre Mitte der 1970er-Jahre schon wieder anders gewesen. „Aber im Jahr der Expedition war das Land noch im Umbruch, die kubanische Revolution war erst acht Jahre her. Auch die wissenschaftlichen Institutionen ordneten sich gerade neu.“ Kuba sei mit vielen ehemalig sozialistischen Ländern eine wissenschaftliche Kooperationen eingegangen – auf Augenhöhe.

70 Kisten und ein Lkw

Doch die Expedition von 1967 war eher ein Unterfangen der DDR, kein Gemeinschaftsprojekt beider Staaten. Für die gesammelten Korallen hat Kuba auch nie etwas zurückbekommen. Um das gewaltige Riffstück nach Berlin zu holen, reisten Präparatoren, Wissenschaftler, Taucher und ein Arzt nach Kuba. Die zehn Männer waren üppig ausgestattet, sie nahmen nicht nur 70 Transportkisten mit Nahrung, Zelten und Booten mit, sondern auch einen Lkw. Geplant waren acht Wochen für die Expedition. Die Taucher arbeiteten mit Hammer und Meißel unter Wasser, um die Korallen abzutragen.

Bald mussten sie ihren Plan ändern. Auf einem zehn Meter langen, zusammenhängenden Riff wären nur wenige unterschiedliche Arten zu sehen gewesen. Deshalb nahm man Korallen von verschiedenen Orten des Riffs. Acht bis zwölf Tonnen Korallen in 41 Kisten wurden nach Berlin verschifft. Im Naturkundemuseum angekommen, lagerten sie über Jahrzehnte fast unangetastet. Dabei war von staatlicher Seite Ende der 1950er-Jahre beschlossen worden, dass Museen viel mehr als Ausstellungshäuser dienen sollten, weniger als Forschungseinrichtung. Deshalb sollte das Korallenriff geholt werden: als große Attraktion für die Ausstellung.

1974 wurden zum 25. Jahrestag der DDR einige Kisten geöffnet, um die Korallen auszustellen. Aber erst nach dem Jahr 2000 wurden sie ganz ausgepackt und in die Sammlung integriert. Dieser Widerspruch war auch für Regisseur Gruber interessant: „Die Korallen schienen den Verantwortlichen so wichtig zu sein, warum wurden sie nie gezeigt?“ Er hofft, dass die Zuschauer seines Films sich künftig öfter fragen, wie die Objekte einer Ausstellung eigentlich dort hingekommen sind.