Die Verantwortlichen bei Netflix haben sich wohl kaum darüber geärgert, dass die neueste große Eigenproduktion des Streamingdienstes wieder einmal eine Welle der Entrüstung ausgelöst hat. Kontroverse, das weiß jeder Marketingpraktikant, ist gut für das Geschäft. Mit ein wenig Zynismus könnte man Netflix gar unterstellen, die Firma hätte es mit dem am vergangenen Freitag freigeschalteten Original „To the bone“ auf leidenschaftliche Proteste angelegt.

schließlich ist man damit in der jüngeren Vergangenheit gar nicht so schlecht gefahren. Erst in diesem Frühjahr nahmen die Diskussionen um die Netflix-Serie „13 Reasons Why“ ans Hysterische grenzende Ausmaße an. Das Ergebnis war für Netflix erquicklich. Der Dienst enthüllt zwar keine Zuschauerzahlen, doch mehr als drei Millionen Tweets über die Serie alleine in der ersten Woche sprachen dafür, dass „13 Reasons Why“ eine der am meisten beachteten Produktionen der Saison war.


Düster und romantisierend

Netflix zögerte kaum, die bewährte Herangehensweise zu wiederholen: Ein sensibles Thema für Teenager und junge Erwachsene – eine besonders attraktive Zielgruppe – wurde ausgesucht und in drastischer Deutlichkeit dargestellt. Viele Erwachsene werden schockiert sein, die Jugendlichen werden es erst recht schauen und sich darüber unterhalten. Buzz heißt das im PR-Englisch.

Das Thema von „13 Reasons Why“ ist der Suizid einer Schülerin, die Serie ähnelt einem düsteren Highschool-Drama. Kritiker warfen der Serie vor, das Thema Suizid zu romantisieren. Andere hielten dagegen, dass die Thematik mit großer Offenheit behandelt wurde. Ähnlich verlaufen die Fronten in der Diskussion um den neuen Netflix-Film „To the Bone“. Dabei geht es um ein Problemfeld, mit dem besonders junge Frauen zu kämpfen haben: Magersucht. Hauptfigur ist die 20 Jahre alte Ellen – gerade noch jung genug, um der immer stärker in den Blick der Werbewirtschaft rückenden Generation Z anzugehören. Über beinahe zwei Stunden begleitet der Zuschauer sie bei ihrem Kampf gegen die Anorexia Nervosa.

Unterstützt wird Ellen von ihrer Therapiegruppe, einer Ansammlung ähnlich gefährdeter junger Frauen sowie einem Quotenmann, die je ihren eigenen zähen Kampf mit der tödlichen Krankheit führen. Menschen, die noch nie persönlich mit der Krankheit zu tun hatten, lernen in „To the bone“ viel über Magersucht.

Man bekommt mitfühlend einen Eindruck davon, welche Panik ein Teller voll mit Essen bei den Betroffenen auslöst. Der Zuschauer erhält mit selbstironischer Distanz einen Eindruck pathologischer Verhaltensweisen wie das obsessive Kalorienzählen. Vor allem aber erzählt der Film, wie ernst und grausam dieses Leiden ist. Kritiker wenden ein, dass der Film die Krankheit glorifziere. Ellen und ihre Therapiegenossen seien zu hübsch, zu cool und zu gut angezogen, der Soundtrack zu sorgsam ausgewählt. Unter dieser Ästhetisierung gehe die Brutalität des Leidens verloren. Zudem zeige der Film Bilder, wie die des knochigen Körpers von Ellen, die bei Anorexia-Erkrankten Suchtverhalten auslösen könnten.

Comeback des Problemfilms

In der Tat sind dies genau die Probleme, mit denen eine solche Produktion zwangsläufig ringt. Ein Thema wie die Anorexie in seiner ganzen Schwere unterhaltsam in einem Spielfilm darzustellen, erfordert einen Drahtseilakt zwischen Schock und Weichzeichnung. Doch akzeptiert man den Kontext einer Unterhaltungsproduktion, ist Regisseurin Marti Noxon, selbst eine Betroffene, dieser Akt recht gut geglückt.

Dem Film gelingt, was die Netflix-Strategen sich von ihm versprochen haben: Wie schon „13 Reasons Why“ wird mittels eines schockierenden Themas ein Massenpublikum erreicht. Und das in einer attraktiven wie labilen Zielgruppe der bis zu 20-Jährigen. Die Altersgruppe, die konventionelles Fernsehen praktisch nicht mehr kennt und 65 Prozent ihres Unterhaltungsbedarfs durch Netflix deckt, ist ein wichtiges Klientel für den Dienst. Mit Produktionen wie „13 Reasons Why“ und „To the bone“ versucht Netflix zu demonstrieren, dass sie diese Altersgruppe versteht. In einem Klima der Hypersensitivität gegenüber Trauma-Auslösern mag das viele zartbesaitete Liberale provozieren. Tatsächlich ist es jedoch nicht mehr als das Comeback des guten alten Problemfilms. Der Bedarf danach – als Gegengewicht zu seichtem Eskapismus – ist auch im digitalen Zeitalter und in der Generation der um das Jahr 2000 Geborenen ungebrochen.