Facebook zu Gesellschaftseigentum zu machen, darum ging es im HAU.  
Foto: HAU/Andrè Wunstorf

BerlinWas den Achtundsechzigern ihr „Enteignen Springer“ war, das soll für unsere Gegenwart „Kollektiviert Facebook“ werden – wenigstens, wenn es nach dem Künstler Jonas Staal und dem Anwalt Jan Fermon geht. Die beiden Niederländer haben sich vorgenommen, im September  in Genf beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen eine Sammelklage gegen den amerikanischen Internetkonzern einzureichen.

Ihr Ziel: das Aktienunternehmen soll zum Gesellschaftseigentum werden, das nicht mehr in erster Linie der Profitmaximierung dient, sondern dem Gemeinwohl. Über die Website collectivize.org kann sich jeder der Klage anschließen. Dort findet sich auch eine Anklageschrift, in der dem Unternehmen auf mehr als 60 Seiten auf Deutsch und in Englisch die Leviten gelesen werden.

Das Vorhaben wurde bei dem Theaterfestival „Spy on me 2“ vorgestellt, das vom Hebbel am Ufer (HAU) organisiert wurde und wegen des Coronavirus nun im Internet stattfinden konnte. Auf dem YouTube-Kanal des Theaters führten Staal und Fermon ihre Thesen ein: Facebook mit inzwischen mehr als zwei Milliarden Nutzern beeinflusst unser soziales, ökonomisches und politisches Leben auf historisch nie dagewesene Weise. Seit Facebook Instagram und WhatsApp aufgekauft hatte, gäbe es kaum noch Alternativen zu den Angeboten des Konzerns.

Das Verfahren, das Staal und Fermon anstrengen wollen, mag zunächst wie ein Sturm im Wasserglas wirken – was wollen zwei Leute schon gegen ein internationalen Konzern mit gigantischen Gewinnen und riesiger Rechtsabteilung ausrichten? Nun: Der Österreicher Mac Schrems erreichte durch eine Klage, dass die europäischen Safe-Harbor-Regeln abgeschafft wurden, die es erlaubten, dass persönliche Daten auch außerhalb der EU weiterverarbeitet werden dürfen, wenn bestimmte Grundsätze eingehalten werden.

Dafür muss man allerdings hartnäckig bleiben. Jonas Staal scheint umtriebig zu sein: Der Künstler gründete schon Botschaften für staatenlose Völker und organisierte Konferenzen mit Vertretern von international gebrandmarkten Gruppen wie der baskischen ETA oder der National Democratic Front of the Philippines, stellte das Volksparlament von Rojava im Museum nach und präsentierte den amerikanischen Rechtsaußen Steve Bannon wie einen Künstler in einer Retrospektive. Seine Arbeiten, die sich mit dem niederländischen Politiker Geert Wilders beschäftigten, brachten ihm ein Gerichtsverfahren ein, zu dem er einlud, als ob es eine Performance wäre.

Durch besondere Nähe zu Themen wie den sozialen Medien und Internetpolitik ist Staal bislang nicht aufgefallen. Während er für seine vorangegangen Arbeiten immer wieder aufwendige und visuell eindrucksstarke Installationen schuf, war sein Auftritt bei YouTube blass: Der Künstler beließ es bei einigen einleitenden Bemerkungen, die von einer Art Power-Point-Präsentation begleitet wurden, bevor er das Wort dem holländischen Menschenrechtsanwalt Jan Fermon überließ. Der hielt einen 20-minütigen Vortrag direkt in die Kamera wie ein Influencer vor zehn Jahren. Eine Online-Performance hatte man sich irgendwie fesselnder vorgestellt.