Neue Aids-Therapie: Mit Antikörpern gegen HIV

Experimente mit Rhesusaffen wecken bei Forschern die Hoffnung, Infektionen mit HI-Viren eines Tages heilen zu können. Zwei US-Teams haben jetzt eine neue, äußerst potente Generation sogenannter monoklonaler Antikörper erprobt. Diese im Labor hergestellten immunologisch aktiven Eiweißstoffe (siehe Kasten) injizierten sie ins Blut von Rhesusaffen, die an einer HIV-ähnlichen Infektion litten.

Schon nach ein bis zwei Antikörper-Spritzen reduzierte sich die Zahl der Viren im Körper der Tiere drastisch, berichten die Forscher im Fachmagazin Nature. Darüber hinaus versetzten die Antikörper das Immunsystem offenbar auch in die Lage, HIV-infizierte Körperzellen zu bekämpfen.

Das Team um den Virologen Dan Barouch vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston und die Gruppe um Masashi Shingai von den National Institutes of Health in Bethesda gingen nach einem ähnlichen Prinzip vor. Die Forscher infizierten zunächst Rhesusaffen mit SHIV, der Affenversion von HIV.

Einige Monate später testeten sie die Wirkung verschiedener monoklonaler Antikörper, die sich gezielt an Strukturen auf der Hülle der HI-Viren binden. Die Antikörper wurden entweder nur einmal oder im Abstand von sieben Tagen ins Blut injiziert. Darüber hinaus experimentierten die Forscherteams mal mit nur einer Sorte von Antikörpern und mal mit einem Mix aus zwei oder drei.

Der Effekt war erstaunlich: „Die Behandlung mit den Antikörpern bewirkte einen schnellen und extrem starken Rückgang der Viren im Blut und im Gewebe der infizierten Affen“, berichtet Barouch. In den meisten Fällen hielt die Wirkung allerdings nur gut fünfzig Tage an. Dann waren die hilfreichen Antikörper aus dem Blut so gut wie verschwunden und die im Körper der Tiere verbliebenen Viren vermehrten sich wieder.

„Bemerkenswert ist jedoch, dass bei einem Teil der Tiere, und zwar bei denjenigen die zu Beginn der Therapie eher geringe Virusmengen im Blut aufwiesen, der Effekt anhielt und die Viren nicht nachweisbar blieben“, sagt Barouch. Es ist gerade diese Beobachtung, die Forscher nun hoffen lässt, dass HI-Viren sich vielleicht ganz aus dem Körper entfernen lassen.

Eher skeptisch sieht das der deutsche HIV-Forscher Klaus Überla von der Ruhr-Universität Bochum. „Die Experimente sind zwar sehr überraschend in Hinblick auf ihre starke therapeutische Wirksamkeit. Es ist jedoch fraglich, ob eine prinzipielle Heilung auf diesem Weg zu erreichen ist“, sagt Überla. Was ihn zweifeln lässt: Im Körper von HIV-Infizierten gibt es immer auch Zellen, die das Virusgenom in sich tragen, ohne das HIV-Hüllprotein auszubilden. „Diese Zellen werden von den Antikörpern aber nicht erkannt. Sie können die Infektion jederzeit aufflackern lassen“, erläutert der Bochumer Forscher.

Dennoch ist er unbedingt dafür, die Antikörper-Therapie nun auch bei Menschen zu erproben. Barouch zufolge sind entsprechende klinische Studien bereits geplant. Er setzt vor allem auf eine Kombination der Antikörper mit den herkömmlichen antiviralen Mitteln. „Beide zusammen könnten die Behandlung intensivieren, prophylaktisch eingesetzt werden und helfen, die Viren auszulöschen“, sagt er.

Ermutigende Ergebnisse

Eine Infektion mit HIV ist auch heute schon gut behandelbar und führt nicht mehr wie früher zu einem frühen Tod. Moderne antivirale Medikamente machen die Krankheit beherrschbar. Voraussetzung ist aber die lebenslange tägliche Einnahme mehrerer Tabletten. Sie verhindern, dass das Virus neue Zellen infiziert. Die Nachteile: Die Mittel haben zum Teil gravierende Nebenwirkungen und die Viren schlagen ihnen oft mit der Zeit ein Schnippchen und entwickeln Resistenzen.

Ob HIV sich mit der Zeit auch gegen monoklonale Antikörper zu wehren weiß, ist noch offen. Die bisherigen Ergebnisse sind jedoch ermutigend: In den Studien an Rhesusaffen wurden keinerlei Resistenzentwicklungen beobachtet.

Die von den US-Forschern eingesetzten monoklonalen Antikörper stammen ursprünglich aus dem Körper von HIV-infizierten Menschen, deren Immunsystem die Krankheit gut kontrolliert, und wurden mit gentechnischen Methoden in Zellkulturen vermehrt. „Um diese vier bis fünf neuen, äußerst potenten Antikörper zu finden, wurden tausende weitere untersucht“, berichtet Überla. In der Studie von Barouch stach besonders ein Antikörper hervor, der die Bezeichnung PGT121mAB trägt. Er unterdrückte auch bei alleiniger Anwendung bei einigen Tieren für längere Zeit die Viren.

Gegenüber der herkömmlichen Therapie mit antiviralen Tabletten haben die monoklonalen Antikörper zwar den Nachteil, dass sie nicht einfach geschluckt, sondern gespritzt werden müssen. Sie bieten jedoch den großen Vorteil, dass sie nicht nur die Vermehrung der Viren unterdrücken, sondern auch die Immunabwehr gegen die tückischen Eindringlinge ankurbeln. „Die Antikörper entfernen sowohl die frei im Blut vorhandenen Viruspartikel als auch HIV-infizierte Zellen“, sagt Überla (siehe Grafik).

Ein großes Manko hat die Antikörper-Therapie jedoch: Ihre Kosten sind immens. Überla schätzt sie auf 5000 bis 10.000 Euro pro Monat und Antikörpertyp. „Diese Strategie wird also, wenn sie denn erfolgreich ist, den reichen Ländern vorbehalten sein“, sagt Überla. Dennoch sieht er für die abwehrstarken Zellen eine Zukunft: „Es muss uns gelingen, den Körper zum Beispiel durch eine Impfung dazu zu bringen, diese potenten Antikörper selbst herzustellen“, sagt er. Eine solche prophylaktische Immunisierung sei wesentlich preiswerter und auch in armen Regionen denkbar.