Bei der Wahl seiner Opfer ist das Masernvirus nicht wählerisch. Fußballfans, Schulklassen, Pilgerer – wichtig ist ihm vor allem, dass sie in Gruppen auftreten. Die Hundezüchter-Show, die Anfang November vergangenen Jahres im slowenischen Vrtojba stattfand, kam dem Keim deshalb sehr gelegen. Sie hatte 1100 Besucher aus 27 Ländern – es war paradiesisch für einen global agierenden Erreger. Das Virus verbreitete sich schnell in dem Balkanstaat. Kein großer Ausbruch, 44 Fälle – gegen Berlins aktuelle rund 782 ein Klacks.

Die Epidemie in dem Balkanland ist dennoch interessant, denn sie deutet an, welche Probleme Deutschland noch bevorstehen könnten. Was die Masern angeht, ist Slowenien eigentlich ein Vorzeigeland. Sechs Jahre vor den Deutschen, 1968, führte die damals noch jugoslawische Regierung bereits die Impfung ein. Impfquoten von bis zu 96 Prozent – lange Zeit waren die Masern aus Österreichs südöstlichem Nachbarstaat verschwunden.

Die Hundezüchter brachten das Virus nun zurück – und steckten dabei oft Slowenen an, die sich eigentlich niemals hätten anstecken dürfen. Fast jeder zweite Infizierte war in seiner Jugend gegen die Masern geimpft worden, jeder Vierte sogar zweimal. Die meisten hatten die Spritzen jedoch 30 Jahre hinter sich.

„Es scheint so, als könne die Impfwirkung bei manchen Menschen nach einigen Jahrzehnten nachlassen“, sagt Hartmut Hengel, Leiter des Instituts für Virologie in der Freiburger Uniklinik und Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (RKI) , die in Deutschland die offiziellen Impfempfehlungen erarbeitet.

Immunsystem aus der Übung

Eine ähnliche Vermutung hatten vor sechs Jahren Wissenschaftler aus Finnland geäußert. Auch ihr Land zählt zu den Aushängeschildern des Masern-Ausrottungsprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das Virus hat sich in Finnland schon lange nicht mehr gezeigt. Ilja Davidkin und ihr Team untersuchten, wie gut ihre Landsleute noch gegen den ihnen fremd gewordenen Erreger gerüstet sind.

Das Ergebnis: 15 Jahre nach der Impfung war die Zahl der Antikörper im Blut der Untersuchten um zwei Drittel gefallen. Bei jedem Zehnten war der Level dieser Immuneiweiße, die eindringende Viren neutralisieren können, sogar soweit im Keller, dass der Betreffende einer Epidemie vergleichsweise wehrlos gegenüber gestanden hätte. Offensichtlich, so die Autoren, komme ein gegen Masern geimpftes Immunsystem außer Übung, wenn es nicht mehr regelmäßig durch den Kontakt mit echten Erregern trainiert wird. Trotz seiner hohen Impfquoten sei Finnland nicht mehr vorm Masernvirus sicher.

Ähnliches könnte in Zukunft auch für Deutschland gelten, sagt der Infektiologe und Chef der Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Dresden, Reinhard Berner. „Die Ständige Impfkommission muss sich diesem Problem stellen. Eventuell muss man das bisherige Impfschema durch eine weitere Spritze im Erwachsenenalter ergänzen.“

Dann wäre auch die leidige Frage der Kostenübernahme klar. Derzeit empfiehlt die Kommission die Impfung nur denjenigen Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und nicht (oder nur einmal) gegen Masern geimpft wurden. Aufgrund der Empfehlung zahlen die Krankenkassen in diesen Fällen. Wer vor 1970 geboren ist und einen unklaren Impf- oder Schutzstatus hat, muss die Kostenfrage (gut 60 Euro) individuell mit der Kasse klären.

Die Masern-Impfung hat ein angekratztes Image: Autismus, Allergien, Autoimmunerkrankungen – das Internet ist voll mit Warnungen vor angeblichen Nebenwirkungen. Nichts davon hat sich bestätigt. Nun wirft der Feldzug gegen das Virus doch Probleme auf – aber ganz anderer Art. „Die Masern sind nicht mehr die Kinderkrankheit, die wir früher kannten“, sagt der Dresdner Mediziner Berner. Die Infektion sei gefährlicher geworden.

Das ist momentan auch in Berlin zu beobachten: Kinder unter einem Jahr machen in der Hauptstadt zwar nur 10 Prozent der Erkrankungsfälle aus. Betrachtet man jedoch diese jüngste Altersgruppe gesondert, wird deutlich, dass sie im Vergleich zu anderen Altersgruppen besonders stark betroffen ist von dem Masernausbruch. Der andere Trend ist die auffallend hohe Zahl infizierter Erwachsener. Sie machen fast die Hälfte der Fälle in Berlin aus.

Besondere Gefahr für Säuglinge

Diese Entwicklung ist nach Angaben des RKI auch deutschlandweit zu beobachten. Schlimm daran ist: Genau die beiden Gruppen – die ganz Jungen und die Erwachsenen – haben das höchste Risiko für gefährliche Komplikationen wie Mittelohr-, Lungen- und Gehirnentzündungen. Aus dem Epidemiologischen Bulletin des RKI geht hervor: Ältere Patienten landen viermal häufiger wegen Komplikationen in der Klinik als die klassische Masernklientel, die Kindergarten- und Schulkinder. Jeder Fünfte gemeldete Infizierte über 20 Jahre wird im Zuge der Krankheit in einer Klinik behandelt.

Ähnliches gilt für Säuglinge: Ihre Hospitalisierungsquote ist mit 20 Prozent ebenfalls viel höher als die älterer Kinder. Ihr Schicksal findet Berner besonders tragisch, denn gerade bei den kleinen Kindern kommt noch eine teuflische Gefahr dazu – die sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE. Bei dieser Krankheit nistet sich das Virus langfristig im Gehirn ein. Fünf bis zehn Jahre geht alles gut, dann löst sich durch eine Entzündung das Gehirn der Kinder langsam auf. „Ein fürchterlicher Tod“, sagt Berner. „Das Ganze zieht sich Monate bis Jahre hin, die Kinder haben fürchterliche Schmerzen und Krämpfe am ganzen Körper, irgendwann fallen sie ins Koma.“ Der Tod sei in solchen Fällen eine Erlösung. Bei einem von 3000 Säuglingen ist neuesten Studien zufolge eine solche Entwicklung zu befürchten.

Eine derartige Verschiebung der Krankheitslast sei bei vielen Impfungen nach ihrer Einführung zu beobachten, weiß Rafael Mikolajczyk, der die Arbeitsgruppe Epidemiologische und Statistische Methoden am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig leitet. Weil in einer geimpften Gesellschaft die Zahl der potenziellen Überträger rapide sinkt, werde es für die wenigen Ungeschützten immer unwahrscheinlicher, sich bei jemand anderem anzustecken. Langfristig bleiben sie aber – solange das Virus nicht ausgerottet ist – dennoch oft nicht vom Erreger verschont, nur erkranken sie später.

Die Säuglinge wiederum konnten sich in der Vor-Impfära noch recht sicher fühlen. Weil es ihrem Immunsystem selbst an Reife und Kraft fehlt, gibt ihnen die Mutter eine Dosis der eigenen Antikörper mit. Bis Ende des ersten Lebensjahres waren die Kinder deshalb vor den üblichen Infektionen geschützt. Seit der Impfung funktioniert das leider oft nicht mehr so, wie es eigentlich sollte.

Geimpfte Frauen haben im Vergleich zu Müttern, die ihren Schutz der Begegnung mit einem zirkulierenden Virus verdanken, weniger als halb so viele Antikörper im Blut. Deshalb fällt auch der sogenannte Nestschutz ihrer Babys schwächer aus. Schon nach sechs Monaten, so berichteten französische Wissenschaftler in der Fachzeitung Clinical and Vaccine Immunology, sind neun von zehn Kindern geimpfter Mütter nicht mehr geschützt.

Trotzdem impfen

Zugelassen und wirksam ist die Masernimpfung jedoch erst ab dem neunten Lebensmonat, empfohlen wird sie hierzulande sogar erst ab dem elften oder zwölften. „Die Folge ist eine Phase, in der die Kinder gegenüber dem Masernvirus mehr oder weniger schutzlos sind“, sagt der Freiburger Experte Hengel.

Ein Grund die Impfung abzuschaffen? „Nein“, entgegnet Annette Mankertz, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums Masern, Mumps und Röteln beim Berliner Robert-Koch-Institut. Im Vergleich zur Vor-Impfära falle die Gesamtbilanz immer noch extrem positiv aus. Anfang der 70er-Jahre erkrankten in Deutschland ganze Jahrgänge an den Masern – jährlich bis zu einer Million Menschen. 2013 waren es gerade mal rund 1800.

Insgesamt gesehen sei deshalb durch die Impfung die Zahl der Todesfälle und der Menschen, die mit einer Lungen- oder Gehirnentzündung im Krankenhaus landen, auf einen Bruchteil reduziert worden, sagt die Berliner Expertin. Das Ziel müsse deshalb sein, möglichst viele Menschen zu impfen, damit das Virus gar nicht mehr zu den Säuglingen vordringen könne, sagt Annette Mankertz. Gerade Kritiker der Impfung haben also den besten Grund dieser Empfehlung zu folgen: Wer selbst ungeschützt ist, erkrankt nicht nur später und lebt damit gefährlicher. Er steckt auch das eigene Kind mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit an.