Berlin - Kurzer Rückblick auf den Mai des vergangenen Jahres, als die Menschen weltweit erstmals gezwungen waren, in ihren Wohnungen und Häuser zu bleiben. Zoom und andere Streaming-Plattformen ermöglichten die Flucht aus den eigenen vier Wänden, Freunde konnte man wenigstens digital treffen. Doch das wurde auch bald langweilig, weil es nicht viel zu sehen gab. Oft saßen die Gesprächspartner am Schreibtisch, manchmal brach die Verbindung ab und im Hintergrund waren zumeist Bücherregale zu sehen. So war das auch bei der digitalen Ausgabe der Gesellschaftskonferenz re:publica. Johnny Haeusler, einer der vier Gründer, verspricht diesmal: „Wir haben das Ziel, möglichst wenig Bücherwände zu zeigen.“ 

Es soll also beweglicher, fantasievoller und kreativer werden in diesem Jahr, die Redner hatten freie Wahl bei der Gestaltung des Raumes, in dem sie auftreten wollen. Ein nächster notwendiger Schritt in Zeiten der Online-Veranstaltungen. Noch vor zwei Jahren war die re:publica ein aufstrebendes nationales Ereignis, zur Eröffnung sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und an den drei Tagen waren 15.000 Menschen auf dem Gelände der Station in Kreuzberg dabei. Aus dem Klassentreffen der Netzgemeinde war im Laufe der Jahre ein gesellschaftliches Gipfeltreffen geworden. Dann kam die Pandemie, Großveranstaltungen wurden untersagt, die Macher der re:publica reagierten schnell und präsentierten ihr Programm an einem Tag im Netz. Das fühlte sich fast wie Fernsehen 4.0 an. Jetzt geht es um das nächste Level der digitalen Veranstaltungskultur. Dazu gehört beispielsweise auch ein Treffpunkt, den Konferenzteilnehmer mit ihrem Avatar besuchen können.

Der Innenhof der Station war immer der Treffpunkt der Netzgemeinde. Foto: re:publica/Jan Michalko
re:publica
Drei Bausteine

Die re:publica beginnt am Donnerstag und endet am Sonnabend. Sie besteht in diesem Jahr wieder aus drei Bausteinen. Es geht los am ersten Tag mit der vom Medienboard Berlin-Brandenburg organisierten Media Convention mit Schwerpunkthemen aus der Medienwelt. Den Schwerpunkt bieten am Freitag und Sonnabend die Gesellschaftskonferenz re:publica und die Jugendkonferenz Tincon. Zugang: Die Programmpunkte werden täglich auf der Online-Veranstaltungsplattform live.re-publica.com übertragen. Tickets gibt es auf der Online-Plattform der re:publica. 

Unterhaltung

Auf der Plattform gather.town wurde zudem eine virtuelle re:publica-Welt erschaffen, die von den Teilnehmern mit ihren persönlichen Avataren spielerisch und interaktiv erkundet werden kann. Hier ist auch der re:publica-Innenhof in einer virtuelle Version zu finden.

Die Macher der Konferenz hatten diesmal mehr Zeit für die Vorbereitung, es gibt wieder drei Tage Programm und drei Bestandteile. Los geht es am Donnerstag mit der ganztägigen Media Convention, organisiert vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Die Entwicklung der Filmbranche wird dabei ein wichtiges Thema sein. Dann folgen zwei Tage re:publica und Jugendkonferenz Tincon. Bei der Tincon sind die Twitter-Legenden, so heißt es in der Ankündigung, EL Hotzo, Illona Hartmann und Özge dabei. 

Die re:publica dient der Netzgemeinde jedes Jahr auch dazu, Bilanz zu ziehen, was sich in der vergangenen zwölf Monaten getan hat. Der Titel „In the Meantime“, was sich in diesem Kontext am besten mit „Was seitdem geschah“ übersetzen lässt, macht deutlich, dass viel passiert ist zwischen Lockdown und Lockerungen. Mit dabei ist Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Digitales. Ihr Thema: Vision eines digitalen Europas. Fernweh könnte in Zeiten der Reisebeschränkung der Auftritt von Insa Thiele-Eich wecken. Sie hat das Ziel, die erste Deutsche im All zu werden.

Auf die Frage nach seiner persönlichen Bilanz antwortet Haeusler mit seiner Beobachtung des Zusammenhalts. Die digitale Technik habe zwar geholfen, Arbeitsprozesse in Gang zu halten und einen Austausch mit Kamera und Mikrofon zu ermöglichen, sagt er. Er habe aber den persönlichen Kontakt, die persönliche Teilhabe vermisst. Schriftliche Kommunikation führte schnell zu Missverständnissen, die dann in Gesprächen mühevoll wieder ausgeräumt werden mussten. Und bei Videokonferenzen seien zwar alle zu sehen, aber wie es dem Einzelnen gehe, bliebe oft verborgen. „Was ist mit denen, die nichts sagen, wenn es ihnen schlecht geht?“, fragt er besorgt.

Es geht bei der re:publica in diesem Jahr also auch um die leisen Töne. Allerdings nur bis zum Abschiedszeremoniell am Sonnabend, bei dem die Besucher „Bohemian Rhapsody“ von Queen gemeinsam anstimmen. Ein Jahr Corona hat allerdings noch nicht ausgereicht, um eine Technik zu entwickeln, die gemeinsames Singen auch gut klingen lässt. Haeusler tüftelt noch nach einer Lösung für dieses Jahr. Wird schon werden. „In den vergangenen Jahren waren wir damit auch erst immer eine Viertelstunde vor dem Ende der Konferenz fertig“, sagt er. Und dann? Wird es im kommenden Jahr wieder eine re:publica als großes Festival geben oder doch ein digitales Treffen? Haeusler will sich da nicht festlegen. Vielleicht wird es in Zukunft auch deutlich kleiner werden, sagt er.