Am Olivaer Platz in Charlottenburg ist der Kurs für die Berliner Wirtschaft klar und sehr konkret. Obwohl für Ende September ein Volksentscheid zur künftigen Nutzung des Flughafens Tegel angesetzt ist, arbeitet in dem stattlichen Gebäude am Platz ein etwa 30-köpfiges Team der landeseigenen Tegel Projekt GmbH an der Entwicklung der größten Gewerbeansiedlung der Stadt. 

Planungsaufträge sind vergeben – zu Beginn des Jahres auch solche für Abrissarbeiten rund um das Terminal A des 1974 eröffneten Stadtairports. Bleibt es dabei, dass der Flughafen BER tatsächlich im kommenden Jahr eröffnet wird und Tegel spätestens sechs Monate später schließt, dann beginnen dort die Bauarbeiten.

Wo derzeit noch kerosingetriebene Jets starten und landen, soll die Urban Tech Republic ­entstehen. Eine Hightechzone, zehnmal größer als der Volkspark Friedrichshain, in der die Technologien für die Stadt von morgen erforscht, produziert und angewendet werden sollen. Spätestens 2020 werden dort die ersten Firmen einziehen.

Am Ende sollen bis zu 800 ­Unternehmen auf dem Areal ihren Platz gefunden ­haben, das sogar größer sein wird als der Technologiepark Adlershof, der schon heute zu den 15 größten seiner Art weltweit zählt.

Start-ups werden Tür an Tür sitzen mit ­Forschungseinrichtungen von Universitäten und Industrieunternehmen. Berlin will nicht nur  Gründerhauptstadt bleiben, sondern sich auf diesem Wege weiter als ­Ballungsraum der Entwicklung von Zukunftstechnologien etablieren. 

TXL bleibt die Startbahn für die Stadt

Wenngleich Tegel also als Flughafen wohl keine Zukunft mehr hat, so wird TXL doch die Startbahn für die Stadt bleiben. Das Areal im Nordwesten Berlins ist allerdings nur ein Teil der Gewerbegebiete dieser Stadt, die sich rasant verändert hat und sich weiter verändern wird. 

Allein in den zehn Jahren zwischen 2005 und 2016 ist die Einwohnerzahl Berlins um mehr als 330.000 gewachsen. Zugleich entstanden mehr als 330.000 neue Jobs in der Stadt. Eine Entwicklung, die sich aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren nicht umkehren wird. Im Gegenteil. Alle Prognosen gehen davon aus, dass Berlin Jahr für Jahr  40.000 bis 50.000 neue Einwohner bekommt.

Die Konsequenzen sind klar: Mit der Einwohnerzahl steigt die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt. Zugleich wird die Dienstleistungsbranche befeuert, die wiederum den Büromarkt anheizt. Die Einkommen werden wachsen und mit ihnen die Nachfrage im Einzelhandel, in der Kultur und in der Gastronomie.

Wunsch nach grünen Erholungsinseln 

Ebenso entsteht aber auch der Wunsch nach grünen Erholungsinseln in der Stadt, die sicher gerade wegen dieser Entwicklung ebenso für Touristen nicht an Attraktivität verlieren wird. Also werden auch weitere Hotels benötigt. Allein bis 2020 sollen knapp 40 neue Herbergen in der Stadt entstehen. 

Tatsächlich ist längst ein Wettbewerb um die Nutzung der Flächen Berlins entbrannt. Bereits im vergangenen Sommer wurde der Bedarf an neuen Gewerbeflächen in Berlin von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit 20 bis 25 Hektar pro Jahr beziffert.

Die Entwicklung neuer Gebiete wurde angeschoben. Der Cleantech Business Park in Marzahn und der ehemalige Rangierbahnhof in Schöneweide sind Beispiele dafür. Dennoch ist die hiesige Industrie- und Handelskammer (IHK) alarmiert.  Die Entwicklung dürfe auf keinen Fall zu einem Weniger an Industrie- und Gewerbeflächen führen, heißt es in einem Positionspapier.

Mehr als eine Aneinanderreihung von Fabrikhallen

Die IHK fordert „gute Expansionsbedingungen für den erfolgreich etablierten Mittelstand, der das Rückgrat der Berliner Wirtschaft bildet“. Dabei steht allerdings der traditionelle Mittelstand nicht mehr allein. Neue Produkte entstehen immer seltener abgekapselt in einzelnen Firmen.

Sie sind zunehmend das Ergebnis der direkten Zusammenarbeit von Komponentenherstellern, Forschungsinstitutionen, Ingenieurbüros, Werkzeug- und Formenbauern, IT-Dienstleistern und 3-D-Druckstudios.

Eine moderne Industrie erfordere ein immer anspruchsvolleres Umfeld, heißt es bei der IHK. „Zukunftsfähige Gewerbegebiete sind weit mehr als eine Aneinanderreihung von Fabrikhallen“, sagt IHK-Infrastrukturexperte Christof Deitmar.

Digitalisierung als Chance

Tatsächlich haben Gewerbeansiedlungen ihr Profil schon jetzt verändert. Beispiel Schöneweide: Entstanden entlang der Wilhelminenhofstraße Anfang des vorigen Jahrhunderts die Großbetriebe quasi Schornstein an Schornstein und hielten sich so über viele Jahrzehnte, so sitzen dort heute Technologieunternehmen, Hochschuleinrichtungen, Start-ups und Kleingewerbe nebeneinander.

Das vereinfacht und fördert die Kooperationen, ohne die es heute nicht mehr geht. In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen sieht man gerade darin auch eine Chance, weil durch veränderte Produktionsprozesse vielleicht weniger Fläche benötigt wird als bisher.

So können nun Flächen genutzt werden, die dafür bislang gar nicht infrage kamen. Aber nicht nur das. „Mit der Digitalisierung verbindet sich auch die Chance, dass Wohnen und Arbeiten näher aneinanderrücken“, sagt Katrin Dietl, Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde.

Keinesfalls ein Auslaufmodell

Gleichwohl werde es weiterhin Unternehmen geben, die „aufgrund von Belieferung, der Stoffe, die sie verarbeiten, oder Lärm und anderen Emissionen Abstand zu sensiblen Nutzungen wie Wohnen oder Kindergärten erfordern“.

Demnach ist das klassische Berliner Gewerbegebiet also keinesfalls ein Auslaufmodell. Im Rathaus ist man der Überzeugung, dass Produktion in der Stadt funktioniert und weiterhin bedeutsam sein wird.

Das werde die lebendige Wirtschaft Berlins beweisen, die etablierten Konzerne ebenso die neuen Unternehmen, etwa aus der Gesundheitswirtschaft, dem Mobilitätssektor oder der Informations- und Kommunikationsbranche. Die Standorte werden nicht weniger, aber sie werden sich verändern. Das wird äußerlich kaum erkennbar sein, im Inneren finden die Umbrüche dennoch statt.