Bis zum Jahr 2050 wird nach Prognosen der Welternährungsorganisation FAO der Fleisch- und Fischkonsum der Weltbevölkerung um 70 Prozent steigen. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Eiweißreiches Futter aus Soja oder Fischmehl, mit dem Hühner und Schweine in den Ställen oder Zuchtfische in Aquakultur gemästet werden, ist heute schon knapp. Es gilt, neue Quellen zu erschließen.

Geht es nach dem Insektenforscher Arnold van Huis von der Universität Wageningen in den Niederlanden, gibt es für dieses Problem jedoch eine hervorragende Lösung: „Ich sehe Insekten als sehr gute Proteinquelle“, sagt er. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Weltweit wächst das Interesse am Einsatz von Insekten als Futterbestandteil in der Landwirtschaft.

Kürzlich fand bei Wageningen die internationale Konferenz „Insects to feed the world“ statt. Dort wurde darüber gesprochen, welche Hürden noch genommen werden müssen, damit Insekten in den Futtertrögen landen können. Eine der Fragen ist, welche Insektenarten sich am besten für eine massenhafte Produktion eignen. Sie sollten dicht gedrängt gehalten werden können, möglichst schnell wachsen und keine Schädlinge oder Krankheitsüberträger sein.

Im Fokus stehen derzeit vor allem zwei Arten: die gewöhnliche Stubenfliege und die aus den Tropen stammende Soldatenfliege. Als Futter kommen allerdings nicht die erwachsenen Fliegen, sondern deren Larven – bei Fliegen heißen sie auch Maden – infrage.

Verwerter von Bioabfällen

Die Soldatenfliege wird von einigen Experten favorisiert, weil ihre Larven auf allen möglichen organischen Abfällen gedeihen. „Weltweit wird ein Drittel der landwirtschaftlichen Produkte und unserer Nahrung ungenutzt weggeworfen“, sagt van Huis. „Wenn man Bioabfälle an Insekten verfüttert, wird daraus ein proteinreiches Produkt.“

Eine solche Kreislaufwirtschaft war einst in der Landwirtschaft normal. Schweinen und Hühnern wurden die Essensreste verfüttert. In Zukunft könnte dieses Konzept mit Insekten als Abfallverwertern, die dann ihrerseits verfüttert werden, neu aufleben. David Drew, Gründer des auf Fliegenlarvenzucht spezialisierten Unternehmens Agriprotein aus Südafrika, sieht darin eine Win-Win-Situation für die Abfall- wie für die Landwirtschaft – zum Beispiel für kleine Inselstaaten.

Agriprotein führt nach Angaben von Drews bereits Gespräche mit Behörden auf Mauritius und den Bermudas. Diese Staaten setzen auf hochwertigen Tourismus. In den Hotels und Restaurants fallen große Mengen an Essensresten an, die Fleischversorgung wiederum beruht auf teuer importiertem Tierfutter. „Die Soldatenfliegenlarven könnten sich einfach durch all die Essensreste der Nobelrestaurants fressen und damit vor Ort ein wertvolles Futter generieren. Das bekommen die Tiere, die wiederum die Touristen ernähren, die am nächsten Tag mit dem Flugzeug ankommen“, sagt Drew.

Der Platzbedarf für eine Soldatenfliegenzucht ist vergleichbar gering – bei hoher Produktivität. Eine Generation der Larven brauche rund 20 Tage, um sich dick zu fressen und dabei um mehr als das Tausendfache an Gewicht zuzulegen. Getrocknet besteht ihr rund 2,5 Zentimeter langer Körper zu mehr als 60 Prozent aus Protein und zehn Prozent Fett. Übers Jahr gerechnet kann im Vergleich zum Anbau von Sojabohnen auf einem Hektar Fläche die 200-fache Menge an Protein aus Insekten gewonnen werden. Das gilt allerdings nur bei idealer Nahrungsgrundlage.

Glen Courtright, Gründer und Chef des US-Unternehmens Enviroflight, hat viele Fütterungsversuche mit Soldatenfliegenlarven gemacht. Beim Einsatz von Reststoffen aus der maisbasierten Ethanolproduktion kam er auf eine Futterverwertungsrate von 40 zu 1. Das heißt: Die Fliegenlarven fraßen 40 Kilogramm Maisreste, um ein Kilogramm Insektenprotein zu bilden – jeweils als Trockenmasse gerechnet. „Wenn wir Lebensmittelreste beispielsweise aus der Fleischindustrie verwenden, kommen wir auf Werte von nur 1,8 Kilogramm Futter pro Kilogramm Insektenprotein“, sagt er.

Courtright will in Zukunft sein Know-how samt Produktionstechnik an andere Unternehmen lizenzieren, die die Fliegenzucht nutzen wollen, um aus ihren organischen Abfällen durch Futtermittelproduktion noch Kapital zu schlagen.

Insektenzucht für Futterzwecke bedeutet Massentierhaltung in einer völlig neuen Dimension. „Wir bezeichnen uns selbst als die größte Farm der Welt“, sagt Agriprotein-Chef David Drew. Das gelte zwar nicht für die räumliche Ausdehnung. Agriproteins aktuelle Fabrik beansprucht weniger als einen Hektar Fläche. Doch darin wimmelten ständig rund 1,5 Milliarden Fliegenlarven in den Zuchtboxen umher. 2015 solle eine größere Fabrik eröffnen mit einer Kapazität für 8,5 Milliarden Larven. Agriprotein gilt neben Enviroflight als Vorreiter der jungen Branche der Futterinsekten-Produzenten.

Die gewinnt zunehmend das Interesse von Investoren. Kürzlich hat Agriprotein in einer Finanzierungsrunde elf Millionen US-Dollar an Venture-Kapital eingesammelt, um bis 2020 weltweit zehn große Fliegenlarven-Mastanlagen zu bauen, auch in Europa. Bis dahin müsste die EU allerdings einige rechtliche Fragen rund um Insektenmehl im Tierfutter klären.

Die europäische Richtlinie zum Einsatz von Tierfutter in der Landwirtschaft besagt, dass kein Protein tierischen Ursprungs an Geflügel, Schweine oder Rinder verfüttert werden darf – mit Ausnahme von Fischmehl. Diese Regel wurde im Zuge der BSE-Krise aufgestellt. „Als sie dieses Gesetz gemacht haben, hat noch niemand an Insektenprotein im Tierfutter gedacht“, sagt Drew. Dabei sei das leicht als Fehler zu erkennen, schließlich gehörten Maden und Würmer, anders als Fischmehl, zum natürlichen Futter von Hühnern.

Es gibt noch weitere EU-Vorgaben, die derzeit den Einsatz von Insekten im Futter verhindern. Beispielsweise müssen gemäß der Verordnung alle Tiere in zugelassenen Schlachthöfen geschlachtet werden. „Jeder weiß, dass ein Schlachthof mit Fleischbeschau für kleine Insektenlarven völlig hirnrissig ist“, sagt Arnold van Huis. Dennoch müssten auch diese Gesetze erst geändert werden.

Hinderliche EU-Gesetze

Die EU-Kommission hat das Problem erkannt und arbeitet daran, die entsprechenden Richtlinien anzupassen. Dahinter steht auch ein wirtschaftliches Interesse, denn Insekten könnten helfen, die Abhängigkeit der EU von Futtermittelimporten zu verringern.

Um nicht nur dem Wunschdenken zu folgen, sondern wissensbasierte Entscheidungen treffen zu können, hat die EU drei Millionen Euro an Fördermitteln für ein Forschungsprojekt namens Proteinsect bereitgestellt. Darin sollen zum einen neue Verfahren zur automatisierten Massenzucht von Insekten entwickelt werden. Zum anderen geht es vor allem darum zu untersuchen, ob und welche Risiken insektenbasierte Futtermittel mit sich bringen können.

„Wir testen beispielsweise, ob Insekten Umweltgifte wie Pestizide oder Schwermetalle, die in ihrer Nahrung enthalten sind, anreichern“, sagt Adrian Charlton von der britischen Forschungsagentur für Nahrung und Umwelt (FERA), die bei Proteinsect federführend ist. Die Ergebnisse des Projektes sollen bis 2016 vorliegen.