Mäuse haben auch eine Seele. So glauben zumindest Kinder, die sich gerne eine kleine Maus als Haustier halten und sie „süß“ finden. Später gibt sich das. Als Erwachsener denkt man dann kaum noch über die kleinen Wesen nach und übersieht auch gerne, dass Millionen von ihnen in Laboren für die Forschung leiden. Am Mittwoch nun hat die Freie Universität (FU) Berlin eine neue Professur „zur Erforschung von Alternativen für Tierversuche“ vorgestellt. Sie soll im Jahr 2016 besetzt werden. Die Vorbereitungen für das Berufungsverfahren laufen.

Die Namen möglicher Kandidaten wurden nicht genannt. Der Berliner Senat fördert die Professur mit 400.000 Euro. Von einem „klaren gemeinsamen Ziel“ sprach die Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres. „Wir wollen weniger Tierversuche haben und mehr alternative Versuche“, sagte Thomas Heilmann, Senator für Justiz und Verbraucherschutz. Dabei gehe es nicht nur um weniger Leid für die Tiere, sondern auch um Fortschritte in der Wissenschaft.

Die berlinweit erste Professur ist kein Neuanfang auf diesem Gebiet. Denn seit einiger Zeit suchen die Universitäten nach Alternativen zu Tierversuchen, sogar im Rahmen einer Berlin-Brandenburgischen Forschungsplattform, die seit April 2014 aus Fördermitteln des Bundes finanziert wird. Aber solch eine Förderung ist begrenzt. Mit einer Professur samt Mitarbeitern und Labortechnik dagegen kann die Suche nach neuen Methoden gebündelt und für die Zukunft finanziell gesichert werden.

Tumor am Hautmodell

„Ich arbeite daran, seit ich in Berlin bin“, sagte die Pharmakologin Monika Schäfer-Korting, Erste Vizepräsidentin der FU. Sie kam 1994 an die FU Berlin und baute dort ein neues Forschungsfeld auf. Im Kern geht es dabei um die drei „R“, wie sie britische Wissenschaftler bereits Ende der 1950er-Jahre definierten. Dahinter stehen die englischen Begriffe Reduction, Refinement und Replacement. Es gehe um Forschung, „mit denen Tierversuche reduziert, schonender gestaltet oder sogar ganz ersetzt werden sollen“, erklärt die FU. Anknüpfend an die drei „R“ trägt die Berlin-Brandenburgische Forschungsplattform den Namen BB3R. Das klingt zwar etwas sperrig. Spannend aber ist, was sich dahinter verbirgt.

Im Labor der FU zum Beispiel züchten Forscher menschliches Hautgewebe, um daran Krankheiten zu simulieren und Arzneistoffe zu testen. Menschliche Hautzellen werden dafür im Laborgefäß stark vermehrt und zu einem Zellverband aufgebaut. Bei Kontakt mit der Luft bildet dieser Zellverband eine Hornschicht aus, die der Oberfläche der menschlichen Haut sehr ähnelt.

An dieser Haut kann nun vieles getestet werden. Forscher schalten Gene aus, rufen Hautdefekte hervor. Sie lösen entzündliche Prozesse aus oder simulieren Tumore, zum Beispiel den hellen Hautkrebs. Unter dieser Krebsform leiden sehr viele Menschen. Sie ist unter anderem eine Folge häufigen Sonnenbadens, bei dem die Haut durch UV-Strahlung geschädigt wird. Während viele Menschen durch Operationen geheilt werden, kann der Krebs für Risikogruppen – zum Beispiel Aidskranke oder Immungeschwächte – zur tödlichen Bedrohung werden. Aus diesem Grund suchen Forscher nach besseren Arzneimitteln.

Tumormittel, die bisher im Tierversuch entwickelt wurden, können nun am Hautmodell getestet werden. Und zwar erfolgreich, wie ein Gegentest mit einem bereits zugelassenen Mittel ergeben hat. Auch Immunzellen werden mittlerweile in das Hautmodell eingebettet, um an neuen Methoden der Immuntherapie zu forschen. Darüber hinaus ist es FU-Wissenschaftlern gelungen, das Modell für einen Gendefekt zu entwickeln, der Neurodermitis oder Schuppenflechte auslösen kann. Auch darunter leiden viele.

Die Hautmodelle werden aus Zellen verschiedener menschlicher Spender gezüchtet. Sie können also – anders als die Haut von Tieren – die genetische Vielfalt der Menschen abbilden und Aussagen darüber geben, wie breit ein Arzneistoff wirken kann. Auf alle Fälle eignen sich Hautmodelle auch zur frühen Testung von Substanzen: Welche sind aussichtsreich und welche überhaupt nicht? Bereits damit lässt sich die Zahl späterer Tierversuche begrenzen. Diese seien allerdings zur Erforschung komplexerer Krankheiten weiter notwendig, sagen Forscher.

So warnten in diesem Jahr 16 Nobelpreisträger in einem Offenen Brief vor einem generellen Ausstieg aus Tierexperimenten. Anlass war eine von 1,2 Millionen Menschen unterzeichnete Petition der EU-Bürgerinitiative „Stop Vivisection“ mit der Forderung, alle Tierversuche abzuschaffen. Diese hatte vor dem EU-Parlament keinen Erfolg. „Bei vielen Krankheiten müssen wir verstehen, wie verschiedene Organe eines Organismus interagieren, was die Forschung an ganzen Tieren weiterhin unerlässlich macht“, schrieben die Nobelpreisträger.

Aber auch solche komplexeren Prozesse haben die Berliner Forscher im Blick. Im Rahmen BB3R-Plattform sind daran neben der FU auch die Charité, die TU Berlin und die Universität Potsdam beteiligt, sowie einige außeruniversitäre Institute. Die neue Professur wird hier eine Art Schlüsselstelle bilden. Sie soll die Forschung insgesamt voranbringen.

Auch Blutgefäße ließen sich mittlerweile künstlich herstellen, ohne lebendige Organismen nutzen zu müssen, schrieb jüngst der FU-Präsident Peter-André Alt. Im Rahmen der neuen Professur sei der Nachbau ganzer Mini-Organe aus verschiedenen Geweben geplant. An ihnen soll die Wirkung von Arzneimitteln oder Umweltgiften getestet werden.

Der Ersetzung von Tierversuchen ist auch für den Menschen wichtig, zum Teil lebenswichtig. Monika Schäfer-Korting verwies auf eine Studie aus Baltimore, der zufolge 51 Prozent der Arzneimittel scheitern, weil Stoffe sich im Tierversuch zwar als sicher und wirksam erwiesen hatten, aber nicht die klinische Prüfung beim Menschen bestanden. 19 Prozent der Mittel haben unakzeptable Nebenwirkungen, die man am Tier nicht entdeckt hatte. Mitunter kamen sogar Menschen zu Tode, weil zum Beispiel ein vorher an Tieren erfolgreich getestetes Schmerzmittel bei ihnen zu Schlaganfällen und Herzinfarkten führte.

Lebende Mini-Organe

Bis zu 90 Prozent der Projekte in der Pharmaforschung könnten künftig ohne Tierversuche auskommen, so schätzen Forscher. An der Technischen Universität (TU) Berlin zum Beispiel arbeiten Wissenschaftler des Fachgebiets Medizinische Biotechnologie an sogenannten Multiorganchips. Das sind Platten, so groß wie ein Smartphone. In ihnen stecken Bioreaktoren mit lebenden Miniorganen – 100.000 mal kleiner als die echten Organe.

Sie bestehen aus dreidimensionalen Zellgebilden, gezüchtet aus wenigen Zellen von Leber, Gehirn, Haut, Niere oder Darm, die auf Wirkstoffe wie echte Organe reagieren. Sie sind auf dem Chip durch blutgefäßähnliche Mikrokanäle verbunden. „Wir hoffen, dass wir Versuche an mehreren Millionen Tieren jährlich allein in Deutschland überflüssig machen“, sagte der TU-Forscher Uwe Marx.

Berlin will mit der Förderung dieser Forschungen auch dem Ruf als „Hauptstadt der Tierversuche“ entgegentreten. Allein im Jahre 2013 soll es hier 422?000 Versuchstiere gegeben haben. Und erst jüngst wurde die Wissenschaftsverwaltung dafür kritisiert, dass die Charité in Berlin-Buch ein weiteres Tierversuchslabor erhält, neben dem Neubau einer Versuchsanlage für das Max-Delbrück-Centrum. Insgesamt fördert der Berliner Senat neue Anlagen für Tierversuche mit 60,8 Millionen Euro. In vielen Bereichen seien Tierversuche noch unvermeidlich, sagte dazu am Mittwoch Senator Thomas Heilmann. „Aber es ist besser, die Tiere in modernen, tiergerechten Räumen unterzubringen, statt in dunklen Bunkern.“