Ein elektrischer O-Bus in Eberswalde: Diese Verkehrsmittel sind eine Idee aus der Vergangenheit, könnten jedoch auch die Zukunft sein.
Foto: Gerd Engelsmann

EberswaldeDer Eberswalder Betriebshof der Barnimer Busgesellschaft (BBG) sieht eher aus wie ein Umspannwerk denn wie ein Busdepot. Ein Spinnennetz von Stromleitungen zieht sich über das Gelände bis hinein in die Großgaragen und Werkstatthallen. Auf einem der Instandhaltungsplätze unterm verkabelten Dach schraubt David Sandow an einem grün-weißen Gelenkbus herum. 

Der junge Eberswalder ist nicht nur gelernter Kfz-Mechatroniker, sondern auch ein spezialisierter Hochvolttechniker. Denn das Gefährt, das er da gerade unter seinen Fittichen hat, holt sich mittels zweier Strom-Abnahmestangen auf dem Dach seinen „Sprit“ aus den Leitungen über dem Kopf des Mechanikers. Eberswalde (Landkreis Barnim) ist die einzige Stadt in Ostdeutschland und eine von lediglich drei Kommunen im gesamten Bundesgebiet, in der der mit Strom betriebene Oberleitungs-Bus noch rollt.

BVG prüft neue Trolley-Linien 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden O-Bus-Verkehrssysteme in den Städten eingerichtet. Als elektrifizierte, aber „gleislose Bahn“ waren sie im öffentlichen Personennahverkehr ein praktischer Ersatz oder eine gute Ergänzung für die herkömmliche Straßenbahn.
Ab der Mitte des Jahrhunderts verschwanden sie aus dem Stadtbild vieler Orte in Europa – auch in West- und Ostdeutschland. Besonders verbreitet sind sie heute noch in Osteuropa. Bundesweit gibt es Trolleybusse neben Eberswalde noch in Esslingen und Solingen.
Die BVG prüft, ob O-Busse in Berlin eingeführt werden können. Machbarkeitsstudien sind zunächst für Spandau in Arbeit. Dabei geht es auch um den Einsatz von Hybrid-Oberleitungs-Fahrzeugen, die sowohl mit als auch ohne Leitung elektrisch unterwegs sein können.  

Die regionale Busgesellschaft hat entgegen vieler anderer deutscher Städte in Ost und West immer am Fahrleitungsnetz für die „Straßenbahn ohne Schienen“ festgehalten. Es wurde in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in Eberswalde angelegt und zieht sich vom Betriebshof bis in entlegene Wohngebiete. Der Verkehrsbetrieb leistet sich dafür bis heute eine eigene Abteilung, die die Infrastruktur instand hält und die Fahrzeuge wartet.

Umweltfreundliche Entscheidung

„Ich wundere mich immer, dass sich Besucher der Stadt über unsere Trolleys so wundern“, sagt David Sandow. „Für mich ist das nichts Besonderes, ich bin damit schon zur Schule gefahren. Er war und ist einfach da. Cool ist natürlich, dass ich mit dabei bin, da wir ihn jetzt sogar weiter entwickeln und noch umweltfreundlicher machen.“ David Sandow arbeitet mit daran, dass der O-Bus künftig nicht nur ohne Schiene, sondern auch ohne Leitung auskommt – und zwar völlig emissionsfrei.

Er rüstet das knapp zehn Jahre alte Fabrikat aus polnischer Produktion gerade zusammen mit seinen ebenfalls spezialisierten Werkstattkollegen zu einem im wahrsten Sinne des Wortes reinen „Elektrostromer“ um. „Bis jetzt sind die Busse noch mit einem Dieselaggregat ausgestattet, damit sie im Fall des Falles auch unabhängig vom Strom Ausweichfahrten vornehmen und wieder ins Depot zurück kommen können“, sagt Benjamin Freudenberg, der im Unternehmen für die technischen Anlagen zuständig ist.

„Wir tauschen jetzt in unseren O-Bussen die Dieselmotoren gegen E-Batterien aus und bauen die Busse so um, dass sie während der Fahrt über den Oberleitungsstrom die Batterie aufladen. Wir nennen das In-Motion-Charging.“ Ziel ist es, die sogenannten Hybrid-O-Busse auch in Stadtgebieten einzusetzen, wo es keine Oberleitung gibt, ohne dabei Kraftstoff zu verbrennen. „Die Umrüstung ist nicht billig, aber sie ist preiswerter, als wenn wir völlig neue Strecken elektrifizieren würden“, so Benjamin Freudenberg.

Elektrische Zukunft für die Busse

Der studierte Elektrotechniker ist in der Region groß geworden und als Jugendlicher oft mit dem Trolley in Eberswalde gefahren. Er fand die Technologie immer grundsolide und vor allem umweltfreundlich. „Während meines Studiums spielte der O-Bus in einem Seminar eine Rolle“, erzählt er. „Die Kommilitonen staunten. Als ich meinte, na dann kommt doch mal nach Eberswalde und guckt euch das genau an, schauten sie ungläubig.“

Jetzt sieht die Fachwelt gespannt auf die märkische Stadt. In das mit EU-Mitteln geförderte „Trolley 2.0-Projekt“ sind verschiedene internationale und nationale Partner aus Forschung und Wirtschaft involviert. Die Tests laufen, um zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember eine weitere Stadtlinie einrichten zu können, die nur elektrisch betrieben wird.