DarmstadtDer Anstieg des Meeresspiegels zählt zu den größten Bedrohungen, die der Klimawandel mit sich bringt. In den vergangenen 25 Jahren habe die Geschwindigkeit dieses Anstiegs zugenommen, erklärt die Europäische Weltraumorganisation (Esa) in einer Mitteilung. Um das Geschehen besser im Blick zu behalten, müssten die Ozeane der Welt permanent beobachtet werden. Dazu soll jetzt ein neuer Erdbeobachtungssatellit starten. Er trägt den Namen „Sentinel 6 Michael Freilich“ und soll alle zehn Tage 95 Prozent der eisfreien Ozeane kartieren und wesentliche Informationen für laufende ozeanografische und Klimastudien liefern. 

Die Mission ist eine Kooperation der Esa, der US-Raumfahrtbehörde Nasa, der meteorologischen  Satellitenagentur Europas, Eumetsat, sowie der US-Wetter-und-Ozeanografie-Behörde NOAA. Der Satellit ist der erste von zwei identischen Satelliten, die ins All geschossen werden. Benannt ist er nach Michael H. Freilich, dem dem kürzlich verstorbenen ehemaligen Direktor der Nasa-Erdbeobachtungsabteilung. Sentinel bedeutet „Wächter“.

Bisher unerreichte Genauigkeit

„Wir bekommen jetzt alle zehn Tage eine globale Abmessung, also ein Bild, wie die Lage ist“, sagt der Direktor für Erdbeobachtungsprogramme bei der Esa, Josef Aschbacher. „Der Satellit liefert Daten, die es so genau bisher nicht gibt.“ Er scannt die Weltmeere aus einer Höhe von mehr als 1300 Kilometern mit einer Genauigkeit von unter einem Millimeter, wie es heißt. Dazu ist er mit einem Radarhöhenmesser ausgestattet. Die Beschaffenheit der Meeresoberfläche wird über sogenannte Altimeter-Radarimpulse erfasst. Außerdem misst ein Mikrowellenradiometer die Menge des Wasserdampfs in der Atmosphäre, der die Radarimpulse beeinflusst.

Als hochpräziser Baustein soll der neue Satellit die Überwachung des Planeten vom All aus ergänzen. „Da sind sicher einige Hundert Satelliten, die derzeit im Orbit sind und die Erde überwachen“, sagt Josef Aschbacher. Die Europäer seien hierbei führend, weil das System alles abdecke – von der Wissenschaft über Wettervorhersagen bis zum Katastrophenschutz.

Laut Plan sollte der Satellit am 10. November von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien ins All starten, mit einer SpaceX-Trägerrakete des Typs Falcon 9. Nun verzögert sich der Start etwas, wie Esa und Eumetsat in dieser Woche berichteten. Ein neuer Termin sei noch nicht bekannt. Hintergrund dafür sei, dass die Motoren der Trägerrakete noch einmal überprüft werden müssten. Der zweite, baugleiche Satellit soll in fünfeinhalb Jahren folgen. Das gesamte Projekt kostete Josef Aschbacher zufolge die Beteiligten in den USA und Europa jeweils rund 400 Millionen Euro. Gesteuert werden soll der Satellit im Rahmen des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus von einem neuen Kontrollzentrum der Eumetsat in Darmstadt aus, wie der Programm-Manager Manfred Lugert sagte.

Rückschlüsse auf Dicke des Eises möglich

Die Radarimpulse des Satelliten werden ausgesandt, von der Meeresoberfläche reflektiert und wieder empfangen. „Mit den Daten kann erst einmal niemand etwas anfangen. Das muss in eine hochpräzise Entfernungsmessung umgesetzt werden“, erklärt Manfred Lugert. „Die genaue Ortsbestimmung in der Umlaufbahn ist die große Herausforderung der Mission.“ Es müssten Wellenhöhen aufgelöst werden und auch atmosphärische Einflüsse bei Entfernungsmessungen herausgerechnet werden.

An Bord seien zwei unabhängige Navigationssysteme für die Standortbestimmung, und die Satellitenbahn werde regelmäßig mit einem Laser vermessen. Aschbacher zufolge können im Zusammenspiel mit anderen Satelliten auch Rückschlüsse auf Dichte und Dicke von Eis gezogen werden. Dies sei wichtig. Denn zum Beispiel habe sich das Abschmelzen des Grönlandeises seit den 90er-Jahren verdreifacht.

Es gebe auch noch weitere Parameter, die man genauer messen müsse, sagte der Esa-Direktor Josef Aschbacher. „Eine der größten Herausforderungen ist die genauere Messung des Treibhausgases Kohlendioxid.“ Diese sei immer noch nicht präzise und flächendeckend genug. Für die Zukunft wünscht sich Aschbacher ein Satellitensystem, das all diese Parameter misst. Die Daten könnten dann verbunden und mit künstlicher Intelligenz gekoppelt werden. Das erlaube es, wirkliche Vorhersagen und Simulationen zum System Erde zu machen, zum Beispiel dazu, wie hoch der Meeresspiegelanstieg bei unterschiedlichen Temperaturszenarien ausfallen würde. (dpa, BLZ)