Friedrichshain-Kreuzberg - Von einer „Weltrevolution“ ist die Rede, einem „neuen Kapitel in der Technikgeschichte“. So jedenfalls lauten Reaktionen auf eine der neuesten Entwicklungen in der Aufzugsbranche. Erstmals seit der Erfindung des modernen Aufzugs vor 165 Jahren sollen Kabinen ohne Seil und Kabel durch ein Gebäude fahren – und das nicht nur nach oben und unten, sondern auch seitwärts. Das System erhielt den Namen Multi. „Anstelle eines einzigen Aufzugs, der in einem Schacht nach oben und nach unten fährt, fahren im Multi mehrere Kabinen in einer Dauerschleife in einem Schacht hinauf und im anderen hinunter“, erklären die Entwickler. Das sei wie eine Metro für Gebäude.

Das erste Hochhaus, in dem dieses neue Aufzugssystem zum Einsatz kommt, soll in Berlin stehen. Es werde im neuen East Side Tower installiert, verkündeten der niederländische Projektentwickler OVG Real Estate und der deutsche Stahlkonzern Thyssenkrupp bereits im Juni 2017. Damals feierten beide Unternehmen ihre Partnerschaft mit der Präsentation des „ersten kabellosen, vertikal und horizontal befördernden Aufzugssystems der Welt“.

Bei Thyssenkrupp äußert man sich verhalten zum seitwärts gleitenden Aufzug

Der East Side Tower ist ein 140 Meter hoher Büroturm, der neben dem Einkaufszentrum East Side Mall an der Warschauer Brücke in Friedrichshain errichtet werden soll, möglicherweise bis 2021. Vor anderthalb Jahren sprach Andreas Schierenbeck, damals Vorstandschef der Aufzugssparte Thyssenkrupp Elevator, davon, dass es bereits gegen 2019 bis 2020 so weit sein könnte. Doch derzeit halten sich die Beteiligten mit Aussagen über den gegenwärtigen Stand zurück. Man befinde sich mitten im Planungsprozess, sagt eine Sprecherin im Auftrag des Projektentwicklers OVG Real Estate. Erst im September 2018 hatte sich das Baukollegium Berlin unter Vorsitz der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher mit dem East Side Tower befasst. Unter anderem wurde gefordert, dass die lokalen Akteure stärker in die Planung mit einbezogen werden sollen.

Auch beim Aufzugs-Unternehmen selbst ist man zurzeit zurückhaltend, was konkrete Termine betrifft. „In unseren Thyssenkrupp-Testturm in Rottweil arbeiten wir am Test- und Zertifizierungsprozess für den seillosen Multi sowie an seiner Markteinführung“, erklärt eine Sprecherin. Auf Nachfrage sagt sie, dass der Lift für den Personentransport noch nicht zugelassen sei – „das ist der allerletzte Schritt“. Aber er fahre bereits im Testturm, die Technik funktioniere einwandfrei.

Beim neuen Lift-System verzichtet man auf das Seil

Es lohnt sich, diese Technik genauer zu betrachten. Ein Thyssenkrupp-Video zeigt, wie Kabinen in einem Hochhaus nach oben fahren. Drehbare Weichen lenken sie in die horizontale Richtung um. In Verbindungsbrücken zwischen Hochhäusern gleiten die Kabinen hin und her.

„Wir treten eine Revolution los“, sagte Markus Jetter, Leiter der Produktentwicklung bei Thyssenkrupp Elevator, vor gut zwei Jahren. Damals war bei Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, eines der höchsten Gebäude Deutschlands errichtet worden: der bereits erwähnte Testturm für Aufzüge, betrieben von der Firma Thyssenkrupp Elevator. Er ist 246 Meter hoch. Zählt man die unterirdischen Geschosse dazu, sind es 264 Meter Schaftlänge. In zwölf Schächten werden „Aufzugslösungen der Zukunft“ getestet. Drei Schächte dienen dem Test des erwähnten Multi-Systems.

Aufzug-Lösungen für immer höher werdende Gebäude gesucht

Seit der Entwicklung des ersten absturzsicheren Personenaufzugs der Welt sind 165 Jahre vergangen. Seitdem hat sich das Prinzip kaum verändert. „Ein normaler Aufzug hat eine Kabine, ein Seil, eine Treibscheibe und ein Gegengewicht“, erklärt ein Aufzugsentwickler leicht vereinfacht. Bremssysteme mit Fangvorrichtungen sorgen für die Sicherheit. Außerdem gibt es hydraulische Aufzüge – für geringere Höhen – und Paternoster, bei denen Kabinen an Ketten hängen und durch große Scheiben bewegt werden. Das Prinzip der einzelnen Kabine, die rauf- und runterfährt, ist überall erkennbar.

Aufzugsentwickler suchen aber Lösungen für immer höhere Gebäude. Die Rede ist nicht mehr von Wolkenkratzern, sondern von sogenannten Supertalls – Bauten mit mehr als 300 Metern Höhe, wie sie an vielen Orten der Welt entstehen. Bis 2020 soll zum Beispiel in Saudi-Arabien ein 1007 Meter hohes Gebäude errichtet werden, der Jeddah Tower. Dieser benötigt allerdings fast 60 Aufzüge. Denn in zu hohen einzelnen Schächten würden die Tragseile zu schwer werden und unter ihrem eigenen Gewicht reißen. Um dieses Problem zu lösen, entwickelte der finnische Kone-Konzern zum Beispiel ein leichtes, reißfestes Superseil, das sogenannte Ultrarope. Mit ihm wird die Beförderung von Kabinen in immer höheren Aufzugsschächten möglich.

Alle 15 bis 20 Sekunden soll ein Passagier Zugang zur Aufzugskabine bekommen

Anderswo forschen Ingenieure seit einiger Zeit an seil- und kettenlosen Lösungen, unter anderem an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und bei Thyssenkrupp. Das Team um Chefingenieur Markus Jetter nutzt dafür ein System, das bereits bei der Magnetschwebebahn Transrapid getestet wurde. Hier kommen Linearmotoren zum Einsatz, die einen berührungsfreien Antrieb ermöglichen. Sie erzeugen wandernde Magnetfelder, auf denen die durch Elektromagnete in der Schwebe gehaltenen Kabinen bewegt werden – mit bis zu fünf Metern pro Sekunde.

Jede Kabine soll acht Leute aufnehmen können. Aber weil in einem Schacht jeweils mehrere Kabinen unterwegs sind, soll das Multi-System eine um 50 Prozent höhere Transportkapazität haben als konventionelle Lifte. Damit verkürzen sich auch die Wartezeiten. Alle 15 bis 30 Sekunden sollen Passagiere Zugang zur einer Kabine bekommen. Außerdem lassen sich nach Aussagen der Entwickler bis zu 60 Prozent Energie einsparen. Die Kabinen bestehen aus leichtem Kohlefaser-Verbundmaterial. Sie können in beliebige Höhen fahren und jederzeit ihre Richtung ändern. In den Schächten des Rottweiler Testturms sind vier sogenannte Exchanger verbaut, die sich drehen und für die Richtungsänderung sorgen. Plötzlich geht es nicht mehr aufwärts, sondern seitwärts.

Kosten für neues Aufzug-System deutlich höher

„Das Querfahren der Kabinen hat sich für uns eigentlich erst im Nachhinein als äußerst interessant erwiesen“, erzählte Andreas Schierenbeck, der bis Ende 2018 Chef von Thyssenkrupp Elevator war. Die ursprüngliche Idee sei gewesen, einen „modernen Paternoster“ zu bauen. Die horizontale Bewegung sei eigentlich nur dazu gedacht gewesen, die Kabinen am Ende des Schachts für die Rückfahrt umzulenken. Doch die Nachfrage der Architekten für das horizontale Fahren sei unerwartet hoch – für die Aufzugsentwickler überraschend.

Das neue System eröffnet Architekten neue Planungsmöglichkeiten für Städte, die immer höher wachsen und auch in der Höhe größere Plattformen haben könnten. Erste Einsatzorte des quer fahrenden Lifts könnten Metrostationen sein oder Verbindungen von Parkhäusern zu Flughäfen. Die Kosten für den Einbau des bereits mehrfach ausgezeichneten Multi-Systems sind höher als bei normalen Aufzügen. Aber die Entwickler hoffen, dass das Geld schnell wieder reinkommt. Herkömmliche Aufzugsschächte sollen bis zu 40 Prozent des Platzes in einem Gebäude einnehmen, je nach Höhe. Die Rechnung lautet, dass durch den Einbau von Multi-Schächten bis zu 25 Prozent Platz eingespart und zusätzlich vermietet werden können – als Büro- oder Wohnfläche.