Sie ist die erste ihrer Art, rosarot und trägt den Namen Addyi. Sie hat sogar eine eigene Internetseite, dort prangt in großen rosa Lettern das Datum 17. Oktober 2015. An diesem Tag kommt Addyi auf den amerikanischen Markt: die Lustpille für die Frau. Am Dienstag hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA das Medikament zugelassen. Es soll das sexuelle Lustempfinden von Frauen steigern. Doch das Medikament steht stark in der Kritik: seine Entstehungsgeschichte, seine Wirksamkeit und seine Nebenwirkungen. Die Geschichte dieser Lustpille ist eine lange mit vielen Widersprüchen. Denn sie brauchte drei Anläufe, um überhaupt zugelassen zu werden.

Fehlende Libido

„Es geht nicht darum, die Leute sex-süchtig zu machen, sondern darum, eine für Frauen außergewöhnliche und schmerzliche Situation zu normalisieren“, sagt Lauren Streicher von der Northwestern University dem Nachrichtensender NBC. Die Medizinerin meint damit mangelnde Libido, die einige Frauen als Belastung empfinden, da sie selbst gern sexuell aktiv sein wollen.

Mangelnde Lust auf Sex ist nach Angaben von Experten weit verbreitet. „Man muss davon ausgehen, dass 30 bis 40 Prozent der Frauen davon betroffen sind“, sagte kürzlich Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. „Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum Frauen keine Lust mehr auf Sex haben.“ Dazu gehörten Stress, Überlastung, Gewohnheit und körperliche Leiden. Der Arzt vermutet, dass das Medikament nur für wenige der betroffenen Frauen infrage kommt – für weniger als zehn Prozent. Im Zusammenhang mit fehlender Libido wird die allgemeinen Hypoaktive Sexualtriebsstörung (HSDD) genannt – aber einige Wissenschaftler zweifeln am Krankheitsbild dieser vermeintlichen Luststörung.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA sieht es nun als erwiesen an, dass die weiblichen Testpersonen eine gesteigerte Lust durch den Wirkstoff Flibanserin verspürten. Bislang liegen nur die Daten der klinischen Tests des Pharmaherstellers vor. Eingenommen wird das Medikament regelmäßig am Abend – dabei ist es unerheblich, ob Sex geplant ist oder nicht. Nach vier Wochen soll es wirken. Die Frauen, die das Medikament bekamen, hatten im Monat durchschnittlich 4,4 Mal befriedigenden Sex. In der Vergleichsgruppe, die Placebos einnahm, waren es 3,7 Mal – vor der Behandlung nur 2,7 Mal im Monat.

Insgesamt stieg die Anzahl „befriedigender Sexualkontakte“ durch das Mittel um bis zu „1 Ereignis“ pro Monat. Allerdings war der Anteil der Frauen, die in dem Test auch bei Einnahme wirkungsloser Tabletten von einem Lustgewinn sprachen, sehr hoch.

Die sexuelle Stimulierung durch den Wirkstoff Flibanserin entdeckte man eher zufällig. Das Mittel wurde vom deutschen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim entwickelt. Eigentlich sollte es als neues Antidepressivum eingesetzt werden. In Studien ergab sich dann, dass das Mittel leider unzureichend gegen Depressionen wirkte, stattdessen aber die sexuelle Lust stimulierte. Die Firma erprobte Flibanserin daraufhin in klinischen Tests mit Frauen, die unter fehlender Lust litten. Sie wollte auf dem internationalen Markt einen Durchbruch damit erzielen. Allerdings gab die amerikanische FDA kein grünes Licht für die Zulassung, denn sie sah die Wirksamkeit nicht genügend belegt und kritisierte die verhältnismäßig schlechte Verträglichkeit. Daraufhin stieg der deutsche Pharmakonzern im Oktober 2010 aus der Entwicklung aus, die das US-amerikanische Unternehmen Sprout Pharmaceuticals übernahm. Es entwickelte Flibanserin bis zur Marktreife weiter.

Anders als das potenzsteigernde Mittel Sildenafil (Viagra) für Männer, das die Gefäße erweitert und Erektionsprobleme beseitigt, wirkt Flibanserin über die Psyche – und zwar über biochemische Botenstoffe im Gehirn, die nötig sind, um Reize von einer Nervenzelle zur anderen zu übertragen. Flibanserin beeinflusst jene Botenstoffe, die an der Steuerung der Sexualfunktionen beteiligt sind.

Es kommt zu einer höheren Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin, die Angst lösen, auf das Belohnungszentrum im Gehirn wirken und die Lust steigern. Vermindert wird dagegen Serotonin, das die Sexualität hemmt. Der Wirkstoff Flibanserin setzt dabei direkt an den Rezeptoren der Zellen an – also den Empfängern der Botenstoffe. Man könnte fast sagen, es stellt chemische Torhüter an den Zellen auf, die luststeigernde Boten durchlässt und lustmindernde nicht. Und damit die Konzentration der Botenstoffe insgesamt beeinflusst.

Es ist allerdings umstritten, ob das Mittel tatsächlich ausreichend wirkt – siehe die ebenfalls positiven Effekte von Placebos, also biochemisch wirkungsloser Pillen. „Die Wirkung ist gering. Wer will guten Gewissens sagen, dass diese Pille verlässlich funktioniert?“, fragt Jakob Pastötter von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung. „Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts.“ Aus den Erfahrungen mit Viagra wüssten Sexualtherapeuten, dass die eigentlichen Probleme oft nicht medikamentös zu lösen sind.

Schwindel und Übelkeit

Neben den Zweifeln an der Wirksamkeit gegen sexuelle Lustlosigkeit, gibt es zahlreiche Nebenwirkungen von Addyi. Sie waren auch der Grund, warum das Medikament bereits zweimal an einer Zulassung scheiterte. Kreislaufstörungen, Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit können bei den Frauen auftreten. Beschrieben werden auch Schlaflosigkeit, Angstzustände, Mundtrockenheit und Bauchschmerzen. In Verbindung mit Alkohol kann die Einnahme von Flibanserin zu gefährlichen Blutdruckabfällen und Ohnmacht führen, warnt die FDA. Deshalb sollen für die Verschreibung des Medikaments strenge Auflagen gelten. Wahrscheinlich darf es nur auf Rezept in geprüften Apotheken verkauft werden. Wie teuer die Lustpille sein wird, steht dem Pharmahersteller zufolge noch nicht fest. Doch US-Medien spekulieren, dass die monatlichen Kosten bei 400 Dollar (360 Euro) liegen könnten.

Fragwürdig ist, dass das Medikament trotz dieser bekannten Nebenwirkungen überhaupt zugelassen wird. Doch der Druck auf die FDA-Behörde war groß. So argumentierten Gynäkologen und Frauenrechtler, dass die weibliche Sexualität nicht ernstgenommen werde. Schließlich gebe es 26 Potenzmittel für Männer – aber kein einziges Medikament für Frauen. Sogar eine Kampagne wurde dazu gestartet – zu deren Unterstützern gehört auch Addyi-Hersteller Sprout Pharmaceuticals. Vermutungen gehen soweit, dass die gesamte Kampagne ein PR-Trick des Unternehmens war.