In seinen Träumen verwandelt sich Randolf Menzel manchmal in eine Biene. „Ich kann dann rüttelnd fliegen wie ein Insekt, ich nehme UV-Licht wahr und erkenne das Polarisationsmuster des Lichts am Himmel“, berichtet der Neurobiologe von der Freien Universität (FU) Berlin. Ein solches Erlebnis hatte er erstmals Ende der 60er-Jahre, als er an seiner Doktorarbeit über das Farbensehen der Bienen arbeitete. Bis heute kehrt das Traummotiv wieder.

Kein Wunder, denn der inzwischen 76-jährige Forscher, der in Tübingen und Frankfurt am Main Biologie, Chemie und Physik studiert hat, beschäftigt sich seither fast ausschließlich mit der Honigbiene Apis mellifera. Im wachen Zustand hat der emeritierte Professor allerdings einen sehr sachlichen Blick auf die kleinen Insekten.

Vortrag in Berlin

In ausgeklügelten Experimenten hat er ihre Sinne und Gehirnleistungen untersucht und dabei so viel Spannendes herausgefunden, dass er als weltweit führend in der Erforschung des Nervensystems der Biene gilt. Über seine Entdeckungen hat er zusammen mit dem Schriftsteller Matthias Eckoldt das lehrreiche und zugleich unterhaltsame Buch „Die Intelligenz der Bienen“ geschrieben, das er am Dienstag, 23. Mai, in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorstellt.

Randolf Menzel kam 1976 nach Berlin. Die Freie Universität richtete eigens für ihn das Institut für Neurobiologie ein. In den 90er-Jahren, nachdem er den hoch dotierten Leibniz-Preis gewonnen hatte, summte und brummte es in dem Institut. Menzel nutzte das Geld, um ein interdisziplinäres Großprojekt zum Thema Lernen und Gedächtnis zu starten. Phasenweise hatte er bis zu sechzig Mitarbeiter.

Überwachung per Radar

In dieser Zeit gelang es den Forschern zum Beispiel als weltweit Ersten, mit bildgebenden Verfahren sichtbar zu machen, wie das Gehirn lernt. Außerdem begannen sie damit, die Flugrouten von einzelnen Bienen per Radar zu überwachen. Auf diese Weise konnten Menzel und sein Team zeigen, dass Bienen ähnlich wie Menschen bei der Navigation eine innere Landkarte nutzen und sich nicht bloß die kürzeste Strecke zurück zum Stock merken. Eine erstaunliche kognitive Leistung für ein Gehirn, das kaum größer ist als ein Sandkorn.

Heute ist es ruhiger geworden in dem schlichten Flachdachgebäude in der Königin-Luise-Straße in Dahlem. Aber noch immer hat Menzel eine kleine Arbeitsgruppe, bestehend aus einigen Doktoranden und einem Postdoc. Und nach wie vor kommt er täglich ins Institut, um die nächsten Studien zu planen. „Sobald wir eine Frage beantwortet haben, tut sich ein neues Spektrum an spannenden Problemstellungen auf“, sagt Menzel. Verstanden seien die kleinen Insekten noch lange nicht. „Vor allem zum Lernen und Gedächtnis der Bienen sind noch so viele Fragen offen, dass wir und viele andere locker 50 weitere Jahre forschen könnten“, sagt Menzel.

Als er seine ersten Experimente mit Bienen begann, ging er davon aus, dass die Insekten nicht besonders klug sind und überwiegend angeborene Verhaltensweisen zeigen. „Wenn man Bienen vor kompliziertere Aufgaben stellt, zeigt sich bei ihnen jedoch eine weitere, erstaunlich komplexe Ebene“, berichtet Menzel.

Wie Bienen Regeln erkennen

Zum Beispiel können sie Regeln erkennen: Beim Flug durch ein verzweigtes Rohr lernen sie, dass nur dann eine Belohnung auf sie wartet, wenn sie an den Abzweigungen die Richtung nehmen, die mit einer Marke – etwa einer Farbe – versehen ist, die sie vorher bereits wahrgenommen haben.

„Um das zu verstehen, müssen sie 20 bis 30 Flüge absolvieren. Wenn sie die Regel einmal begriffen haben, bekommen sie viel schneller mit, wenn sie abgewandelt wird und die Belohnung nur dann auf sie wartet, wenn sie immer eine andere als die Hinweisfarbe wählen“, sagt der Forscher. An der Biene, schwärmt er, könne man lernen, wie ein Gehirn Entscheidungen trifft, wie es plant, indem es Regeln erkennt, anwendet und kombiniert.

Randolf Menzel versteht die Bienen so gut wie kaum ein anderer Forscher. Wohl deshalb lässt es ihm auch keine Ruhe, dass den Blütenbestäubern Gefahr durch Insektizide droht, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Neonicotinoide heißen die Wirkstoffe. Sie binden sich an einen Rezeptor, der in den Nervenzellen von Insekten, nicht aber bei Wirbeltieren vorkommt und stören die Weiterleitung von Nervenimpulsen. Saatgut wird damit gebeizt oder die Mittel werden auf Feldern versprüht, um Schädlinge zu vernichten.

Doch nicht alle Insekten sind Schädlinge. Von Bienen, Hummeln und Co. hängt sogar ein Großteil der Ernten ab, weil viele Pflanzen auf Fremdbestäubung durch Insekten angewiesen sind – Obstbäume etwa, Gemüsepflanzen und Raps. Randolf Menzel hat getestet, wie Neonicotinoide auf Bienen wirken und fand heraus, dass schon kleine Mengen davon die Navigation und das Gedächtnis der Insekten stören: „Sie finden dann wesentlich schlechter zum Stock zurück und können sich auch nicht mehr in ihrer Tanzsprache ertragreiche Futterquellen mitteilen.“

Für derartige Experimente arbeitete er vor gut 15 Jahren erstmals mit der Industrie zusammen. Es sollte die einzige Kooperation dieser Art bleiben, denn die Erfahrungen, die der Forscher machte, waren übel. Als er der Firma über seine Erkenntnisse berichtete, zweifelte man seine Protokolle an, verlangte die Herausgabe der Originaldaten und pochte darauf, dass er die Daten in keiner Weise verwenden dürfe.

Gefahr durch Neonicotinoide

Er hat danach auf eigene Faust mit Neonicotinoiden experimentiert und beobachtet, dass selbst Mittel wie der in jedem Baumarkt erhältliche Wirkstoff Thiacloprid das Gedächtnis und die Navigation der Bienen stören. Verboten wurden aber lediglich bestimmte Neonicotinoide und das auch nur zeitweise. Der Einfluss der Chemiekonzerne sei groß, sagt Menzel.

„Das Problem ist, dass hierzulande chemischen Substanzen nur dann die Zulassung entzogen wird, wenn genau nachgewiesen ist, dass sie einen konkreten Schaden verursachen“, erläutert der Forscher. So etwas sei in der Natur mit ihren vielen Einflussfaktoren aber nicht so einfach.

Aus Menzels Sicht ist es höchste Zeit für ein generelles Umdenken. „Es sollte nach dem Vorsorgeprinzip gehandelt werden. Danach würde eine Substanz erst dann zugelassen werden, wenn nachgewiesen ist, dass sie keinen Schaden verursacht.“

Hummeln haben keine Lobby

Menzel sorgt sich gar nicht so sehr um die Bienen. Denn Imker wissen, wie sie ihre Völker einigermaßen intakt halten. „Es geht vor allem um die anderen Bestäuber, die nicht unter dem Schutz des Menschen stehen, also die Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge“, sagt Menzel. Seit der Einführung der ersten Neonicotinoide sei die Menge der flugfähigen Insekten stark geschrumpft. „Im Vergleich zu den Zahlen von 1989 sind es heute nur noch 20 bis 30 Prozent.“

Darum sei es jetzt höchste Zeit zu handeln. „Es ist noch nicht zu spät, aber wir sollten nicht mehr lange warten“, sagt Menzel. Er habe überlegt, ob er sich einer Naturschutzorganisation anschließen soll, aber die Idee verwarf er rasch wieder. Der Professor engagiert sich für den Schutz der Bestäuber lieber auf seine Art. Nicht als Interessenvertreter, sondern als Experte, der Fakten und Argumente liefert.

Zu diesem Zweck reist er durchs Land und hält Vorträge – vor Imkern, landwirtschaftlichen Verbänden und der interessierten Öffentlichkeit. 2016 waren es 35 Veranstaltungen, dieses Jahr werden es wohl ähnlich viele. Menzel: „Das ist eine Mühsal, aber die nehme ich gerne auf mich.“ Er ist einigermaßen zuversichtlich, dass die Vernunft siegen wird. Menzel: „DDT und Lindan wurden schließlich auch irgendwann verboten.“