Der Teenager nervt. Eben noch schmuste er und war gesprächig. Plötzlich wird er einsilbig, mault herum und knallt die Tür. Bald darauf braucht er wieder Zuwendung. Es ist, als umarme man einen Kaktus, schrieb jemand.

Was in dieser Zeit im Gehirn vorgeht, beschreiben Neuropsychologen in der neuesten Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts. Sie zeigen auf der Grundlage weltweiter Forschung, wie tiefgehend und dramatisch der Umbau des Gehirns in der Pubertät wirklich ist.

Lange habe man gedacht, dass sich das Gehirn vor allem in den ersten Jahren der Kindheit besonders stark entwickle, sagt die Autorin Kerstin Konrad, Professorin für Klinische Neuropsychologie am Uniklinikum Aachen. Genau auf diesen Ansatz der besonderen Plastizität – also Formbarkeit – in den ersten Jahren baut auch die Bildungsdebatte auf. Oft hört man das Argument, das Fenster zur Bildung sei bis etwa zum siebten Lebensjahr weit offen. In dieser Zeit nehme das Gehirn Neues spielerisch auf und verarbeite es. Danach werde es immer mühsamer.

Doch die Formbarkeit des Gehirns hält den Neuropsychologen zufolge viel länger an. Erst mit Mitte zwanzig ist sie abgeschlossen, sagt Kerstin Konrad. Die Aachener Neuropsychologen haben seit 2002 etwa 800 bis 1000 Kinder und Jugendliche mit funktioneller Magnetresonanztomographie, also per Hirnscan untersucht. Dabei geht es um die frühe Erkennung von Störungen, aber auch normale Vorgänge.

Aufräumen im Kinderzimmer

„In der Adoleszenz findet noch einmal eine komplette Reorganisation des Gehirns statt“, sagt Kerstin Konrad. „Im Prinzip scheint die Evolution es so gewollt zu haben, dass wir in der Kindheit erst einmal ganz viele Vernetzungen im Gehirn aufbauen.“ Im Scan zeigten sich bei allem, was kleinere Kinder tun, relativ diffuse Aktivierungen im Gehirn. Im Jugendalter würden diese immer strukturierter, zielgerichteter. Die graue Substanz nimmt ab, die weiße Substanz nimmt zu. Das Gehirn bildet also immer mehr Nervenfasern, die für eine schnelle Informationsweiterleitung zuständig sind.

Zugleich wird die Zahl der Synapsen reduziert. Alle Nervenverbindungen, die in der Kindheit aus dem Strom von Reizen, Lerninhalten, sozialen Erfahrungen, Gefühlen entstanden, werden einer Inventur unterzogen. Übrig blieben nur die, die häufig verwendet werden, schreiben die Autoren Kerstin Konrad, Christine Firk und Peter J. Uhlhaas.

Auch die emotionalen Schwankungen Jugendlicher, unter denen ganze Familien leiden, sind evolutionär gesehen nicht nur ein Ärgernis, sondern erfüllen einen Zweck. In Hirnscans können Forscher die Ursachen dafür erkennen. Sehr interessant ist dabei die hohe Reagibilität der Amygdala, also des Mandelkerns, im Jugendalter. Dieses stammesgeschichtlich älteste Teil des Gehirns ist entscheidend am Entstehen von Angst, Erregung, Lust oder Fluchtimpulsen beteiligt. Auch die Reward-Areale – das Belohnungssystem – sind bei Jugendlichen besonders aktiv. Alle diese Regionen gehören zum limbischen System, das auch für die Ausschüttung körpereigener Drogen sorgt.

Während diese Hirnteile also eine große Aktivität zeigen, bleiben Areale, die mit der Handlungskontrolle zu tun haben, in der Entwicklung zurück. Gemeint ist vor allem das Stirnhirn, der präfrontale Kortex. Das daraus entstehende Ungleichgewicht zwischen Affekten und Kontrolle ist typisch für Jugendliche. Das sei aber kein kognitives Problem, sagt Kerstin Konrad. Beim Beantworten von Fragebögen zeigten Jugendliche, dass sie Risiken ähnlich gut einschätzen konnten wie Erwachsene. Verhaltenstests ergaben jedoch, dass sie sich viel riskanter verhielten, wenn Emotionen ins Spiel kamen – Belohnungen winkten oder sie unter Gleichaltrigen waren.

Forscher setzten zum Beispiel Teilnehmer verschiedenen Alters nacheinander in einen Fahrsimulator: allein oder in Gruppen. Die Fahrer mussten versuchen, so weit wie möglich zu fahren, bis eine Ampel auf Rot sprang. Wurde das Auto nicht rechtzeitig gestoppt, raste es gegen eine Mauer. Dabei zeigte sich, dass die 13- bis 16-Jährigen in einer Gruppe besonders riskant fuhren, jedoch nicht, wenn sie allein waren. Erwachsene unterschieden sich kaum in ihrem Fahrverhalten.

Offenbar hat das zeitweilige Ungleichgewicht im Gehirn einen Sinn. Kerstin Konrad spricht von „Sensation Seeking“, dem Hunger nach Abwechslung, starken Gefühlen und neuen Erlebnissen. Ohne Risiko, Mut und die Sammlung vieler Erfahrungen könne niemand erwachsen werden. Denn dazu gehöre es, eigene Ziele, Lebensinhalte, einen Beruf und Partner zu finden und am Ende das vertraute Nest der „Primärfamilie“ zu verlassen.

Warum aber absolvieren die einen Jugendlichen diese risikoreiche Phase nahezu ohne größere Probleme, während andere ihr sogar zum Opfer fallen? Immerhin machen tödliche Verletzungen 62 Prozent aller Todesfälle bei Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren aus. 38,6 Prozent der elf- bis 17-jährigen Jungen trinken regelmäßig Alkohol, oft harte Sachen. Bei Mädchen sind es 22,2 Prozent. Bekannt ist das sogenannte Komasaufen. Jedes 16. Mädchen und jeder elfte Junge konsumiert Cannabis. Bei Mädchen entwickeln sich Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten.

Gefährdete früh erkennen

Die Neuropsychologen suchen Wege, um möglichst früh zu erkennen, wer besonders anfällig ist. Dazu müssen sie im Hirnscan herausfinden, wo sich vielleicht eine psychische Störung oder eine Sucht entwickeln könnte. Die Übergänge sind fließend. „Wir müssten viel mehr darüber wissen, was eine normale Variation ist und woran wir erkennen können: Das ist ein Risikokandidat“, sagt Kerstin Konrad.

Wie gut jemand durch die Pubertät kommt, hänge von einem Bündel an Faktoren ab. Biologische und genetische Anlagen, das Temperament und die Lebenssituation spielten eine Rolle dabei. Auch sei wichtig, „welche Ressourcen der betreffende Mensch bereits entwickelt hat und wie gut er sich in einer solchen Phase von anderen angenommen und unterstützt fühlt“, sagte der Hirnforscher Gerald Hüther jüngst in einem Interview.

„Wie empfindlich der Mandelkern ist, hat möglicherweise auch mit frühen Erfahrungen zu tun“, meint Kerstin Konrad. Der Umgang mit Emotionen in der Familie, die Reaktion auf die Bedürfnisse des Kindes – all das könnte sich auf die Empfindlichkeit des limbischen Systems auswirken und in bestimmten Fällen Suchtkrankheiten oder psychische Störungen fördern.

Was sollte man den Eltern raten? Sollen sie sich zurücklehnen und sagen: Das Gehirn des Kindes ist im Chaos, wir können nur abwarten, bis die Phase vorbei ist? „Das wäre sicherlich falsch“, sagt Kerstin Konrad, „weil wir ja eben gerade wissen, dass es eine hohe Plastizität des Gehirns in dieser Phase gibt.“ Das bedeute, dass alle Erfahrungen, die der Jugendliche in dieser Zeit mache, das Gehirn für die Zukunft weiter strukturierten. Hier sieht die Neuropsychologin eine große Chance. Jugendliche bräuchten aber mehr Freiräume und Herausforderungen in dieser Lebensphase.

Und die Gefahren? Präventionsforscher haben festgestellt, dass man Jugendliche stärker überzeugt, einer Gefahr auszuweichen, wenn man den ganz persönlichen Nutzen für sie betont. Auch die Verbindung mit einem sozialen oder Survival-Training kann Erfolg haben – wie alles, was mit Belohnungen, Gefühlen und der Gemeinschaft Gleichaltriger zu tun hat. Reine Appelle an die Vernunft zeigen kaum Effekte.