Während der Coronazeit beschweren sich viele Leute über die Dinge, die sie vermissen. Warum eigentlich? (Symbolbild)
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BerlinDas Denken ist wieder in Mode gekommen in diesen Zeiten, in denen so viele zu Hause sitzen müssen. Viele Leute haben jetzt viel mehr Zeit. Auch zum Denken. Die einen müssen neue Wege finden, um ihre Arbeit zu Hause zu bewältigen, die anderen müssen mit ihren Gedanken gegen ihre Angst ankämpfen. Und wieder andere schreiben schon mal lange Listen, was sie alles schönes machen werden, wenn sie wieder alles machen dürfen.

Die Leute reden ja derzeit vor allem darüber, was nicht erlaubt ist, was sie vermissen. Sie reden nicht so oft darüber, was sie neu entdecken. Dabei ist zweiteres viel interessanter. Fachleute gehen davon aus, dass es etwa 90 gängige Freizeitaktivitäten unter freiem Himmel gibt: Joggen, im Park auf einer Bank sitzen und knutschen, gemeinsam am Grill sitzen, Fahrrad fahren, Fußball spielen, um den Tegeler See spazieren, oder sich an einem Gummiseil von Brücken fallen lassen. Und so weiter.

Küssen im Park

Einige Dinge davon dürfen wir nicht mehr machen. Vieles wollen wir vielleicht auch gar nicht machen, zum Beispiel Rehe jagen. Recht viele Dinge aber dürfen wir weiterhin machen. Außer die Sache mit dem Grill oder mit dem Fußball oder mit dem Küssen im Park – jedenfalls sollten wir fremde Leute dabei meiden.

Gejammert wird nun vor allem wegen all der Dinge, die wir nicht mehr mit anderen Leuten in geschlossenen Räumen tun dürfen: Kino, Theater, Kneipe. Aber warum vermissen das so viele Leute so sehr?

Auch die von einem Überangebot erschlagenen Berliner gehen sicher nicht so viel öfter ins Kino als die übrigen Deutschen. Und jeder von denen tat es 2019 rein statistisch nur 1,43 Mal – wohlgemerkt im gesamten Jahr.

Ich persönlich gehe mit Freunden eigentlich einmal pro Woche ins Kino. Das vermisse ich sehr, auch wegen der Kneipengespräche danach, die nun verboten sind.

Aber niemand hat uns unserer beliebtesten Freizeitaktivitäten beraubt – denn die haben fast alle mit Technik zu tun, die auch zu Hause herumsteht. Es geht ums Fernsehgucken oder Radiohören, am Computer spielen oder Serien schauen, telefonieren oder per Handy Facebook & Co. befüllen. All das ist erlaubt – und wird nun noch exessiver betrieben.

Und noch mehr. Fast jeder telefoniert jetzt viel häufiger als früher mit der Familie. Ist doch toll. Wir entdecken das häusliche Leben oder sind genervt davon. Wir kochen, backen, reden oder streiten uns.

Wir denken nach und bilden uns Meinungen über Dinge, über die wir lange nicht mehr nachgedacht haben. Zum Beispiel, dass sich rein statistisch nur 30 Millionen Bundesbürger jedes Jahr ein Buch kaufen. Das hat sich nun in der Coronazeit hoffentlich grundlegend geändert – und eine ganze Branche ist gerettet.

Und wir können uns jetzt gleich noch vornehmen, dass wir – wenn wir wieder dürfen – tatsächlich all das machen, was wir nun vermissen. Also: Nicht nur jetzt rumjammern, sondern in ein paar Wochen tatsächlich ins Theater gehen oder Fußball spielen oder im Park knutschen.