Reinhard Genzel, 68, Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching, erhält den Physiknobelpreis 2020.
Foto: MPI für Extraterrestrische Physik

GarchingGroße Freude, vor allem im Süden der Republik: Nach 13 Jahren darf sich Deutschland mal wieder über einen Nobelpreisträger in der Kategorie Physik freuen. Reinhard Genzel, 68, vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München erhält zusammen mit der US-Astronomin Andrea Ghez, 55, eine Hälfte der diesjährigen Auszeichnung, die mit rund 950.000 Euro dotiert ist. Die andere Hälfte bekommt der 89-jährige britische Physiker Roger Penrose. Die Arbeit der drei Laureaten hat mit den dunkelsten Geheimnissen der Milchstraße zu tun: Schwarzen Löchern.

Roger Penrose erfand geniale mathematische Methoden, um Albert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie zu erforschen, und er zeigte, dass diese Theorie die Bildung von Schwarzen Löchern erklärt – jenen Monstern in Zeit und Raum, die alles erfassen, was ihnen nahe kommt. Reinhard Genzel und Andrea Ghez entdeckten unabhängig voneinander, dass ein unsichtbares und extrem schweres Objekt die Umlaufbahnen der Sterne im Zentrum unserer Galaxie beherrscht. Ein supermassives Schwarzes Loch ist dafür die einzige derzeit bekannte Erklärung.

„This is Stockholm“

Das Garchinger Institut organisierte am Dienstag eilig eine Pressekonferenz, zu der sich Journalisten via Internet dazuschalten durften. Im blauen Anzug, mit blauer Krawatte und geröteten Wangen trat Reinhard Genzel vor die Kameras und berichtete, dass er am Morgen in einer virtuellen Konferenz gewesen sei, als ein Anruf kam und er eine Stimme sagen hörte: „This is Stockholm.“ Er habe zunächst gemeint, sich verhört zu haben. Denn nachdem er 2012 bereits den renommierten Crafoord-Preis erhalten hatte, der ebenfalls von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften vergeben wird, habe er eigentlich nicht mehr damit gerechnet, auch noch Nobel-Laureat zu werden.

Diese Theorie ist nun widerlegt. „Es ist wahnsinnig schön – auch für die Max-Planck-Gesellschaft und für mein Team, das 30 Jahre lang geschuftet hat, um immer besser zu werden“, sagte Genzel. Die mit ihm ausgezeichnete Andrea Ghez, Astronomin an der University of California in Los Angeles, kenne er schon lange, berichtete er. Sie seien Konkurrenten in der Forschung. Ghez habe ihr für die Forschung wichtiges Teleskop auf Hawaii, sein Team eines in Chile. „Jetzt, wo wir beide gekrönt wurden, ist es vielleicht an der Zeit, dass wir zusammenarbeiten“, sinnierte Genzel.

Genzel wurde im hessischen Bad Homburg geboren, in Freiburg besuchte er ein humanistisches Gymnasium. In jungen Jahren trieb er intensiv Sport und zählte zu den besten Speerwerfern Deutschlands. Nach einer allgemeinen physikalischen Ausbildung an den Universitäten in Freiburg und Bonn promoviert Genzel 1978 am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn. 1976 heiratet er seine Frau, eine Ärztin, das Paar hat zwei Töchter. Danach war Genzel viele Jahre in den USA tätig, unter anderem als Professor für Physik an der University of California in Berkeley. Seit 1986 ist er Direktor und wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, arbeitet aber auch an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Auch mit 68 Jahren will er noch weiter forschen. „Mein Ziel ist, unsere Experimente um den Faktor 100 besser zu machen“, berichtete er. Und das Geheimnis des Erfolgs? Er sei genetisch vorbelastet, räumte Genzel ein. Schon sein Vater sei Physiker und Max-Planck-Direktor gewesen. Unabhängig davon gelten für ihn aber weise Sätze wie „Man muss hart arbeiten“ und „Von Nichts kommt Nichts“. Am Dienstagabend jedoch plante der Physiker, die Arbeit sausen zu lassen und mit Kollegen ein Glas Wein zu trinken.