Nobelpreis Medizin Immuntherapien gegen Krebs

Noch bis vor wenigen Jahren bedeuteten manche Krebsdiagnosen ein Todesurteil mit nahezu sofortiger Vollstreckung. Patienten, bei denen die Ärzte zum Beispiel Schwarzen Hautkrebs entdeckten, der nicht mehr operiert werden konnte und bereits in andere Körperregionen vorgedrungen war, hatten meist nur noch wenige Monate, manchmal nur Wochen zu leben.

Dass selbst solche Patienten inzwischen zu Recht auf Heilung oder zumindest auf eine ganze Reihe weiterer Lebensjahre hoffen dürfen, ist unter anderem zwei Wissenschaftlern zu verdanken, die dieses Jahr den Medizinnobelpreis erhalten. Der US-Amerikaner James P. Allison von der University of Texas in Houston und der Japaner Tasuku Honjo von der Kyoto University teilen sich die mit etwa 870.000 Euro dotierte Auszeichnung.

Vierte Säule der Krebstherapie

Die beiden haben herausgefunden, wie sich zwei eingebaute Bremsen der Körperabwehr so lösen lassen, dass das Immunsystem entartete Zellen im Körper attackiert und vernichtet.

Lange Zeit stand die Krebstherapie auf lediglich drei Säulen: Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Dank der Forschung von Allison und Honjo gibt es mit der Immuntherapie endlich eine weitere Säule im Kampf gegen Krebs.

Eiweiße als Checkpoints

Begonnen hat diese Erfolgsgeschichte in den 1990er-Jahren. In den Laboren der University of California in Berkeley entdeckte James Allison zu dieser Zeit, dass die T-Zellen des Immunsystems auf ihrer Oberfläche ein Eiweiß namens CTLA-4 tragen, das wie eine Bremse der Körperabwehr funktioniert.

Das Protein verhindert, dass die T-Zellen überaktiv werden und auch gesundes, körpereigenes Gewebe angreifen. Mediziner bezeichnen solche Eiweiße als Kontrollpunkte oder Checkpoints. So sinnvoll sie für ein gesundes Immunsystem sind, vereiteln die Checkpoints die Möglichkeit, dass die Körperabwehr auch effektiv gegen Krebszellen vorgeht.

Mithilfe eines Antikörpers, der das CTLA-4-Protein gezielt blockiert, gelang Allison und seinem Team während der Weihnachtstage 1994 ein bahnbrechendes Experiment. Die Forscher schafften es, Mäuse, die an Krebs litten, vollständig von ihrer Erkrankung zu heilen.

Interesse der Pharmaindustrie hielt sich zu Beginn in Grenzen

Trotz der spektakulären Erfolge bei Tieren blieb das Interesse der Pharmaindustrie an den als Checkpoint-Inhibitoren bezeichneten Antikörpern zunächst gering. Doch Allison ließ in seinen Bemühungen nicht nach. Im Jahr 2010 zeigte eine Studie an fast 700 Probanden mit Schwarzem Hautkrebs im Endstadium, dass das Prinzip der Therapie auch beim Menschen funktioniert.

Während konventionelle Therapien den bereits todgeweihten Patienten nicht mehr hatten helfen können, verlängerte der Antikörper namens Ipilimumab ihr Leben im Schnitt noch einmal um mehrere Monate. Bei einigen der Probanden verschwand der Krebs sogar ganz.

Solche Erfolge hatte man noch mit keiner anderen Therapie erzielen können. Nur ein Jahr später wurde das Medikament als erster Checkpoint-Inhibitor für die Behandlung des fortgeschrittenen Malignen Melanoms, wie der Schwarze Hautkrebs auch heißt, zugelassen.

Das Protein PD-1

Bereits zwei Jahre vor Allisons folgeträchtigen Mäuseexperimenten hatte sein japanischer Kollege Tasuku Honjo an der Kyoto University auf der Oberfläche von T-Zellen ein weiteres Protein namens PD-1 entdeckt, das – über einen etwas anderen Mechanismus – ebenfalls als Bremse des Immunsystems funktioniert. In einer Reihe von Tierexperimenten bewies er, dass eine Blockade von PD-1 bewirkt, dass die T-Zellen aktiv werden und auch Krebszellen zu attackieren beginnen.

Im Jahr 2012 zeigte sich in einer Studie, ebenfalls an Patienten mit fortgeschrittenem Schwarzen Hautkrebs, dass eine Therapie mit einem Antikörper, der sich an das PD-1-Protein der T-Zellen heftet, allen anderen Behandlungsansätzen überlegen war. Im Sommer 2015 wurde der Checkpoint-Inhibitor Nivolumab als erster PD-1-Hemmer zugelassen. Auch Patienten mit einer bestimmten Form von fortgeschrittenem Lungenkrebs dürfen die Arznei inzwischen erhalten, wenn eine vorangegangene Chemotherapie den Krebs nicht aufhalten konnte.

Antikörperbehandlungen zählen mittlerweile zur Erstlinientherapie

Dass die Entdeckungen Allisons und Honjos Eingang in die klinische Praxis gefunden haben, bestätigt auch der Berliner Mediziner Antonio Pezzutto. „In den vergangenen fünf Jahren hat die Immuntherapie als vierte Säule der Krebsmedizin gigantische Fortschritte gemacht“, sagt Pezzutto, der am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Buch im Bereich Molekulare Immuntherapie forscht und bis 2017 die Hämatoonkologie an der Charité, Campus Benjamin Franklin geleitet hat.

Bei Krebsarten wie Melanomen und Lungenkarzinomen zählten Antikörperbehandlungen, die die CTLA-4 und PD-1-Bremsen lösen, mittlerweile bereits zur Erstlinientherapie und ersetzten die Chemotherapie. Die Ansprechraten seien gut. „Bei Hautkrebs bekommt man etwa 40 Prozent der Fälle unter Kontrolle, bei Lungenkrebs sind es 20 bis 30 Prozent, bei Morbus Hodgkin, einem Tumor der Lymphdrüsen, sogar 90 Prozent“, sagt er. Insgesamt sprechen etwa ein Dutzend Krebsarten auf die Entfesselungsstrategie an.

Allerdings sei die Checkpoint-Blockade nur für Krebsarten geeignet, bei denen sich viele verschiedene Mutationen finden, sagt Pezzutto. Bei Tumoren der Brust oder des Pankreas funktioniere diese Art der Immuntherapie hingegen nicht, weil dabei zumeist nur wenige genetische Veränderungen vorhanden seien – was es dem Immunsystem viel schwerer macht, die Krebszellen zu erkennen.

Gefährliche Immunattacken

Darüber hinaus berge auch diese Therapie Risiken. „Weil man dabei die natürliche Bremse des Immunsystems löst, besteht die Gefahr, dass sich die Abwehrzellen übermäßig gegen den eigenen Körper richten und Autoimmunreaktionen auslösen“, berichtet Pezzutto. Immunattacken gegen das Herz- oder Muskelgewebe sowie gegen das Zentralnervensystem seien unerwünschte Risiken der Therapie. Auch aus diesem Grund hält er es für wichtig, dass auch noch andere Tricks der Immuntherapie gegen Krebs weiterentwickelt werden. Vielleicht ist einer davon auch eines Tages reif für den Nobelpreis.