Die Delbrücks sind eine richtig nette Familie, und eine große noch dazu. Vor allem aber haben sie einen bekannten Vorfahren – den in Berlin geborenen Wissenschaftler Max Delbrück. Er gilt als Begründer der modernen Genetik. Deshalb wurde im Jahr 1992 ein Forschungsinstitut nach ihm benannt: das Max-Delbrück-Centrum (MDC) für Molekulare Medizin in Berlin-Buch.

Das MDC feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen, doch das war nicht der Anlass für den Besuch der Delbrücks. „Alle zwei bis drei Jahre machen wir ein Familientreffen, da kommen immer um die 200 Delbrücks zusammen“, erzählt Jonathan Delbrück. Vor drei Jahren sei das Treffen in Köln gewesen. Nun war es in Berlin, und einige der engsten Familienmitglieder von Max Delbrück besuchten das Berliner Forschungsinstitut: seine Tochter Nicola und sein Sohn Jonathan, beide mittlerweile um die 70. Drei von Jonathans Kinder waren ebenfalls dabei: Max, Lina und Isadora. Diese war mit ihrem Mann Robert und den drei gemeinsamen Söhnen gekommen. Insgesamt also zehn Delbrücks in jedem Alter.

Max Delbrück wanderte in die USA aus

Sie alle leben in Kalifornien. Denn Max Delbrück emigrierte 1937 in die USA, wo er – mit einer kurzen Ausnahme – bis zu seinem Lebensende 1981 lebte und arbeitete. In ihrer amerikanischen Heimat werden die Delbrücks aber nur selten auf ihren berühmten Großvater angesprochen. „Das ist bisher nur einmal passiert: Als mein Sohn Max in der Grundschule war, wurde er von den Eltern seines Mitschülers gefragt, wie er heißt“, erinnert sich Jonathan Delbrück, „und er sagte: Max Delbrück. Daraufhin fragte ihn der Vater des Mitschülers, ob er ihn veralbere.“ Dass Jonathan Delbrück seinen Sohn nach seinem berühmten Vater benannt hat, stiftete aber offenbar erst ein Mal Verwirrung.

Für den 70-Jährigen Jonathan Delbrück sei eine Forscherkarriere nie infrage gekommen. „Dafür war ich einfach zu ungeduldig, Wissenschaft braucht seine Zeit“, erklärt er. „Als ich jung war, wollte ich Künstler werden und dann Fluglehrer, was ich dann auch gemacht habe.“ Mittlerweile, so scherzt er, könnte er sich die Laborarbeit vorstellen.

Was sind Gene?

Sein Vater Max Delbrück dagegen arbeitete zielstrebig in der Forschung und begründete eine neue Wissenschaftsdisziplin mit: die moderne Molekularbiologie. Sein Schaffen war aus mehreren Gründen bahnbrechend. Eigentlich war Delbrück Physiker, doch er lernte bei einem Forschungsaufenthalt in Dänemark Niels Bohr kennen, und dieser weckte Delbrücks Interesse an Biologie – und so arbeitete Delbrück künftig interdisziplinär, verknüpfte Biologie und Physik. Und widmete sich einer der bedeutendsten Fragen überhaupt: Was sind Gene?

Im Jahr 1936 veröffentlichte Delbrück zusammen mit Nikolai Timofejew-Ressowski und dem Physiker Karl Günther Zimmer eine Untersuchung zu Genmutationen. Darin schrieben die Forscher, dass Gene aus Atomen bestehen – und dass Erbgut aus komplexen Atomverbänden besteht. Heute mag sich diese Entdeckung banal anhören – doch die Forscher damals waren die ersten, die diese Idee zu Papier brachten. Das war der Beginn der modernen Vererbungslehre, denn erstmals wurden die molekularen Grundlagen berücksichtigt.

Der Nobelpreis für Delbrück

Für seine Arbeit wurde Max Delbrück 1969 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. „Der Anruf kam vier Uhr morgens“, erzählt Jonathan Delbrück, der damals zwölf Jahre alt war. „Und es gibt dazu eine Geschichte: Mein Vater soll dem Anrufer aus Schweden gesagt haben, dass er in zwei Stunden nochmal anrufen soll. Er schlafe noch.“ Jonathan schaut zu seiner Schwester Nicola und fragt sie, ob das so passiert ist. „Das kann ich auch nicht genau sagen. Aber ich weiß, dass meine Mutter dachte, dass es das Krankenhaus ist, in dem ihre Mutter damals behandelt wurde.“

Der Ruhm für Max Delbrück kam also in den frühen Morgenstunden. Er selbst sagte damals: „Die ganze Sache mit dem Nobelpreis ist ja so eine ulkige Angelegenheit. Plötzlich über Nacht wird man zum Fernsehstar. Wie kommt man dazu? Man kommt dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Man weiß nicht wie.“ Sein Preisgeld soll er komplett an Amnesty International gespendet haben. „Er war ein bescheidener Mann, und die Auszeichnung mit dem Nobelpreis hat ihn sehr mitgenommen“, erinnert sich seine Tochter Nicola, die damals zehn Jahre alt war. Er sagte, dass er die Forschung nicht alleine gemacht habe, es seien viele andere Menschen daran beteiligt gewesen.

Teamarbeit im Labor des MDC

Auch in Buch erleben die Delbrücks, dass Forschung Teamarbeit bedeutet. Wie im Zebrafisch-Labor bei Daniela Panáková und Doktorandin Anne Merks. Sie zeigen den Gästen, wie Fisch-Embryonen unter dem Mikroskop aussehen. Seine Brille legt Jonathan Delbrück sorgsam neben das Gerät, er dreht langsam am Fokus des Mikroskops: „Jetzt kann ich es sehen“, ruft er, „jetzt kann ich das Herz schlagen sehen!“ Er rückt die Palette mit den sechs Embryoschälchen behutsam hin und her, und bestaunt sie in aller Ruhe. Als seine Tochter Lina zu ihm an das Mikroskop kommt, erklärt er ihr, was sie gleich sehen wird. Für sie ist die Arbeit im Labor aber nichts Neues. Sie widmet sich – wie ihr Großvater – der Erforschung des Menschen. Sie studiert an der Medical School an der University of California, wo sie bereits zu Diabetes und Alzheimer geforscht hat.

In Deutschland sorgte Max Delbrück 1961 für die damals fortschrittlichste Einrichtung auf seinem Gebiet. Er gründete an der Universität Köln das Institut für Genetik, und leitete es bis 1963. Dann ging er wieder zurück in die USA an das California Institute of Technology (Caltech), wo er schon seit 1945 arbeitet hatte. Im Laufe der Zeit änderten sich zwar die Forschungsinteressen von Delbrück, doch er war Zeit seines Lebens begeistert von seiner Arbeit – und offenbar auch davon, seinen Studenten etwas beizubringen. „Er mochte es zum Beispiel, mit seinen Studenten raus in die Wüste zu fahren und dort Experimente zu machen. Alle waren dann in einer ungezwungenen Umgebung“, erinnert sich Jonathan Delbrück. Sein Vater schien ohnehin ein unkomplizierter Mensch zu sein. So gibt es zum Beispiel Mitschnitte von Weihnachtsfeiern an der Universität, bei der Delbrück mit seinen Studenten Lieder trällert.

Ein großer Name für ein neues Institut

Der Biophysiker starb 1981 in Kalifornien. In Berlin entschied man sich zehn Jahre später, ein Institut für molekulare Genetik zu gründen, das seinen Namen tragen sollte. Die Idee dazu hatte der damalige Direktor Detlev Ganten, wie er erzählt. „Dabei gab es aber ein Problem: Ich musste die Rechte an seinem Namen klären. Also bin ich nach Kalifornien zur Witwe von Max Delbrück, Mary, geflogen“, erzählt Ganten. Und die sei von der Idee begeistert gewesen. Im Jahr 1992 wurde dann das Max-Delbrück-Centrum gegründet. Damit kehrte der berühmte Biophysiker zumindest ein bisschen in seine Heimat zurück.