Die Nachricht vom Tod des letzten männlichen Vertreters der Nördlichen Breitmaulnashörner erhielt Steven Seet via Twitter. Als der Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) am Dienstagmorgen die Kurznachrichten dort checkte, stockte ihm beim Eintrag des Wildtierreservats Ol Pejeta der Atem. Die kenianischen Kollegen berichteten, dass der 45 Jahre alte Bulle namens Sudan am 19. März gestorben sei. Er habe sehr gelitten und sei eingeschläfert worden.

Steven Seet hat die Nachricht sehr traurig gemacht. „Ich hatte sofort einen dicken Kloß im Hals“, sagt der IZW-Sprecher. Denn nun gebe es nur noch zwei Nördliche Breitmaulnashörner, die Weibchen Najin und Fatu – Sudans Tochter und Enkelin. „Sudans Tod zeigt uns, dass eine sehr charismatische Tierart im Begriff ist, diesen Planeten zu verlassen. Und zwar mit Siebenmeilenstiefeln“, sagt der Berliner Experte.

Umgewandelte Hautzellen

Die Ausrottung der Dickhäuterart, unter anderem durch Wilderei, berührt Seet auch deshalb so, weil er sich zusammen mit IZW-Kollegen und weiteren Experten seit fünf Jahren darum bemüht, die Nördlichen Breitmaulnashörner zu retten. Die Forscher haben vor, mithilfe der künstlichen Befruchtung neue Individuen der Art zu erschaffen.

Außerdem wollen sie, unter anderem zusammen mit Forschern des Berliner Max-Delbrück-Centrums (MDC) für Molekulare Medizin, die Stammzellforschung für die Erhaltung nutzen. „Dabei geht es darum, Körperzellen so umzuprogrammieren, dass aus ihnen Eizellen und Spermien werden. Auf diese Weise hat man mehr Material für künstliche Befruchtungen“, erläutert Seet.

MDC-Forscher Sebastian Diecke hat es bereits geschafft, Hautzellen des Nördlichen Breitmaulnashorns in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen umzuwandeln, eine Art Alleskönner unter den Zellen. Er züchtete daraus Nervenzellen und pulsierende Herzzellen.

Bis auch Eizellen verfügbar sind, werde es noch mindestens vier Jahre dauern, sagt Seet. Aus diesem Grund treiben die Berliner nun zunächst die Rettung mit der herkömmlichen künstlichen Befruchtung voran. Doch das ist nicht so einfach. Könnten Najin und Fatu, Sudans Tochter und Enkelin, noch Nachkommen austragen, müssten sie lediglich künstlich besamt werden. „Dazu würde man wegen der engen Verwandtschaft aber nicht eingefrorenes Sperma von Sudan nehmen, sondern von anderen Männchen. Zum Glück gibt es diese Vorräte“, sagt Seet. Doch Najin hat es in den Beinen und könnte ein Kalb kaum austragen. Fatu plagt ein Leiden der Gebärmutter.

Deshalb sollen die Weibchen lediglich Eizellen liefern, die in der Petrischale befruchtet und einer Leihmutter eingesetzt werden. „Eine Südliche Breitmaulnashornkuh könnte die Embryonen austragen. Die beiden Arten sind noch eng genug verwandt“, sagt Seet.

Seit Monaten trainieren die Forscher darum die Eizellgewinnung – und zwar in verschiedenen Zoos in Europa, in denen Südliche Breitmaulnashörner leben. Najin und Fatu sind als letzte Exemplare ihrer Art zu kostbar dafür. Von den Südlichen Breitmaulnashörnern gibt es immerhin noch 20.000 weltweit. An der südlichen Art trainieren die Forscher auch das Einsetzen der Embryonen in die Gebärmutter. „Das ist bei Nashörnern gar nicht so einfach und erfolgt mithilfe einer Sonde durch den gespülten Darm“, erläutert Seet.

In zwei Monaten geht es los

Ende Mai oder Anfang Juni wird es ernst. Die Berliner Wildtierforscher fliegen nach Kenia, zu Najin und Fatu im Ol-Pejeta-Reservat, um ihnen reife Eizellen zu entnehmen. „Es ist vorgesehen, die Eizellen dann umgehend nach Europa zu bringen und die Befruchtung hier vorzunehmen, denn in Kenia haben wir nicht die erforderliche technische Ausstattung“, sagt Seet.

Doch zurzeit gibt es bürokratische Hindernisse, die mit der Ausfuhrerlaubnis des Materials zusammenhängen. Bei den Verhandlungen mit den zuständigen Behörden ist vor allem auch der Zoo von Dvur Kralove behilflich, dem Najin und Fatu gehören. Im Jahr 2009 hatte der Direktor entschieden, die letzten Nördlichen Breitmaulnashörner nach Kenia zu bringen, in der Hoffnung, dass die Fortpflanzung dort besser klappt. Doch der natürliche Nachwuchs blieb aus. Nun ruhen die Hoffnungen auf dem Berliner Team um Thomas Hildebrandt und Steven Seet vom IZW. Seet ist optimistisch. „Frühestens Anfang 2019 könnte es soweit sein“, sagt er.

Fördermittel benötigt

Allerdings plagen die Forscher finanzielle Sorgen. Aus Institutsmitteln haben sie bisher 15. 000 Euro nutzen können für das Projekt. Größere Summen waren bislang nicht aufzutreiben. Um die Reise nach Kenia zu finanzieren, veranstalteten sie im Oktober in Berlin eine Auktion, bei der ein Ölgemälde versteigert wurde, das der ungarische Künstler Anton Molnár gestiftet hat. 20.000 Euro kamen so zusammen. Seet: „Für ein vollständiges Forschungsprogramm bräuchten wir jedoch fünf Millionen Euro.“ Damit ließe sich eine Art Blaupause erstellen, mit dem nicht nur die Nördlichen Breitmaulnashörner gerettet werden können, sondern auch andere Säugetierarten. Kandidaten gibt es zur Genüge.