Kenza Ait Si Abbou achtet darauf, dass Diversität beim Maschinenlernen nicht zu kurz kommt.
Foto: GU/Hendrik-Gergen

BerlinKenza Ait Si Abbou hat es weit gebracht in der Tech-Welt. Sie ist leitende Managerin für Robotik und Künstliche Intelligenz bei der Telekom. Gerade hat sie ein Buch über Zukunftstechnologien geschrieben. Ein Gespräch über die Zukunft der Arbeit und die Möglichkeiten von jungen Frauen, sich in Großkonzernen zu behaupten. 

Frau Ait Si Abbou, im Bereich der Künstlichen Intelligenz sind Informatikerinnen unterrepräsentiert. Bei Facebook etwa liegt der Anteil der Frauen in der Entwicklung von KI nur bei 15 Prozent, schrieb der Spiegel. Wie haben Sie es zur Führungskraft in dieser vermeintlichen Männerdomäne geschafft?

Ich habe zwei älter Brüder, da habe ich schon früh gelernt, meine Position klarzumachen und auch mal auf den Tisch zu hauen. Ich habe mich deshalb in dieser von Männer dominierten Welt auch nie unwohl gefühlt. Es gab auch nur am Anfang so Kommentare in dem Sinne: „Ich hätte dann gerne einen Kaffee.“ Aber wortwörtlich habe ich das sowieso nicht gehört.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass junge Frauen den Bereich des Maschinenlernens oder der Künstlichen Intelligenz für sich entdecken?

Wir Menschen trainieren die Maschinen nach menschlichen Vorstellungen, vermitteln unsere Werte und bringen ihnen überhaupt alles bei. Wenn die Maschinen aber nur von bestimmten Menschengruppen lernen, dann bekommen sie auch nur deren Werte vermittelt. Ein gutes Beispiel, das weltweit für Diskussionen gesorgt hat: Gesichtserkennung von dunkelhäutigen Menschen.

Was ging da schief?

Die Gesichtserkennungssysteme erkannten weiße Gesichter besser als alle anderen. Warum? Weil die Algorithmen von jungen weißen Männern entwickelt und mit Fotos von vor allem weißen Männern trainiert wurden, damit die Maschinen Bilderkennung lernen. Diese Form der Diskriminierung ist sicherlich nicht mit Absicht passiert, die Bilderdatenbanken sind historisch gewachsen. Als die Fotografie erfunden wurde, waren dunkelhäutige Menschen Bürger zweiter Klasse und deswegen wurden sie seltener fotografiert. Das Beispiel zeigt, dass in dem Team niemand bewusst über die Strategie und die Auswahlkriterien nachgedacht hatte.

Foto: Julia Poliak
Zur Person

Kenza Ait Si Abbou ist in Marokko geboren und löste nach Angaben ihres Verlages schon als kleines Mädchen Rechenaufgaben schneller, als ihre Mutter neue stellen konnte. Heute ist sie leitende Managerin für Robotik und Künstliche Intelligenz bei der Telekom. Sie spricht sieben Sprachen fließend und wurde unter anderem mit dem Digital Female Leader Award ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Zuletzt hat sie das Buch „Keine Panik, ist nur Technik“ im Verlag Gräfe und Unzer veröffentlicht. Das Buch hat 224 Seiten und kostet 16,99 Euro.

Zu Ihren Aufgaben gehört es, dass Bewusstsein für gesellschaftliche Themen zu schärfen. Schwierig?

Es ist schon so, dass ein Programmierer sich in der Regel nicht so viele Gedanken über die gesellschaftlichen Fragen macht, wenn er einen Auftrag erhält. Er will die Anforderungen so schnell und so gut wie möglich erfüllen. Wenn ich dann ethische Themen anspreche, kann es passieren, dass ich etwas komisch angeguckt werde. „Du kommst hier mit Ethik, dabei programmiere ich doch nur. Lass mich doch in Ruhe.“ Das sagt zwar keiner so, aber das lässt sich am Gesicht ablesen. Als ich auf einem KI-Hackathon das Thema Diversität ansprach, fragte ein Hacker: „Worüber spricht sie denn?“ Für ihn ging es nur um Technologie.

Wie lässt sich das ändern?

Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass schon in dem Moment, in dem die Idee entsteht und der Auftrag rausgeht, alle Bedürfnisse berücksichtigt werden und die notwendigen Kriterien als Anforderung in das Lastenheft einfließen. Nur so kann man sicherstellten, dass es wirklich passiert.

Kenza Ait Si Abbou sprach 2019 in Hamburg über Diversität.

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Und wer soll bestimmen, welche Kriterien notwendig sind?

Am besten ein heterogenes Team, das aus Programmierern und Nicht-Programmieren besteht. Wir Technologen kennen uns wenig mit den ethischen und sozialen Auswirkungen der Technologie aus, daher braucht es anderen Menschen, die diese Bereiche abdecken. Heute helfen uns Psychologen und Linguisten dabei, Chatbots zu entwickeln. Soziologen und Ethiker können dafür sorgen, dass wir die richtigen Maschinen bauen - daher sollen sie involviert sein. Es kommt also auf die Diversität des Teams an, nicht nur hinsichtlich des Geschlechtes.

Und wie läuft das bei Ihnen im Team?

Ich habe das Glück, dass unser Team mit Mitarbeitern aus fünf Ländern international aufgestellt ist, es sind auch viele Frauen dabei – wir haben eine gute Mischung. Es gibt schon Frauen, die in dem Bereich arbeiten und Teams leiten, nur nicht genug.

Woran liegt das?

Das hat mehrere Gründe. Gerade im Management herrschen in den meisten Unternehmen immer noch sehr veraltete Machtstrukturen, die viele Frauen unattraktiv finden. Frauen wollen in der Regel Themen vorantreiben, an Machtspielen und Positionierungen haben sie wenig Interesse. Aus meiner Sicht ist das leider ein großes Problem, denn wenn nicht genügend Frauen in die Leitungsfunktionen kommen, können die alten Machtstrukturen nicht gebrochen werden. Außerdem kann die Unternehmenskultur nicht so verändert werden, dass Leitungspositionen für weitere Frauen attraktiv werden.

Ihr Aufgabengebiet ist Robotik und Künstliche Intelligenz. Viele Menschen denken dabei an Hollywood-Horror, an unkontrollierbare Maschinen, die die Weltherrschaft übernehmen. Woran denken Sie?

An Mathematik, Statistik und neuronale Netze.

Ihr Buch trägt den Titel „Keine Panik, ist nur Technik“. Darin berichten Sie von den Möglichkeiten und Gefahren der Zukunftstechnologie. Angst scheint Ihnen die Entwicklung nicht zu machen?

Stimmt, das liegt vielleicht daran, dass ich das aus der professionellen Perspektive betrachte. Wenn aber sogar auf Tech-Fachkonferenzen immer alles schwarz und dunkel skizziert wird, dann führt das dazu, dass die Leute noch mehr Angst bekommen. Und wer Angst hat, wird sich der Sache nicht annähern, sondern flüchten. Das passiert ja oft, wenn wir Sachen nicht kennen und nicht verstehen. Das führt zu noch mehr Angst und noch weniger Wissen.

Aber die Angst davor, dass Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen werden, ist doch nicht unbegründet.

Klar ist, dass alles, was automatisiert werden kann, auch automatisiert wird. Das ist wirtschaftlich. Es werden Jobs dadurch wegfallen, aber es werden auch andere Jobs entstehen. Das ist eine neue Situation für die Gesellschaft. Es geht darum, sich rechtzeitig umzuorientieren. Man sollte sich mit dem Thema beschäftigen, damit man weiß, wie sich das auf die eigene Arbeitsumgebung auswirken wird. Das ist mein Plädoyer.

Sie sehen das also als natürliche Entwicklung …

… mit der wir umgehen müssen. Ich bin es durch meinen Lebenslauf sowieso gewohnt, mich in neuen Gewässern zu bewegen und zu schwimmen. Ich erwarte nicht, dass sich die anderen anpassen, sondern ich mich an neue Gegebenheiten anpassen muss. Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, dann versuche ich immer, in ihrer Sprache zu kommunizieren. Ich erwarte nicht, dass sie meine Sprache sprechen.