Ich stolpere mal wieder über die Öko-Suchmaschine Ecosia.org. Der Betreiber behauptet, mit seinem aus Anzeigen gemachten Gewinn weltweit Bäume zu pflanzen. Auf der Startseite gibt es statt des Google-Symbols einen Baumzähler. Er zeigt eine achtstellige Zahl an, die unaufhörlich weitertickt. Schneller als der Sekundenzeiger.

Moment mal, die wollen pro Sekunde einen Baum pflanzen? Tag und Nacht? Ich fange an zu rechnen, überlege, wie viel Platz wohl ein Baum braucht. Wie lange man braucht, um einen zu pflanzen. Ich denke an meine vertrockneten Balkontomaten vom letzten Sommer.

Surfen und dabei die Welt verbessern?

Ecosia bietet einen aufwendig gestalteten Bereich auf ihrer Seite, in dem sie ihre Projekte vorstellen und Fotos von glücklichen Südamerikanern und Afrikanern zeigen, die stolz auf einem Acker neben einem Setzling stehen. Es gibt Vorher-nachher-Fotos wie bei Diätwerbung und Kalendersprüche wie: Jeder kann Gutes tun.

Wirkt alles etwas zu glatt, schreit ein bisschen zu sehr nach Transparenz. Auf der Seite findet man auch die monatlichen Geschäftsberichte. Da steht dann, Ecosia habe im Vormonat 734.653 Euro eingenommen und davon 421.370 Euro, also 57 Prozent, ins Bäumepflanzen investiert. Es werden auch alle laufenden Kosten ausgewiesen.

Ich habe kaum losrecherchiert, da zeigt mir mein Browser schon den ersten Baum an. Wow, ich habe jetzt einfach so beim Surfen die Welt verbessert? Glaube ich nicht. Kann nicht sein. Wo ist dieser Baum?

Sendung-mit-der-Maus-Grafiken

Ouagadougou, Burkina Faso. Es ist heiß, 39 Grad. Ich sitze in einem Besprechungszimmer mit Saydou Kalaga, Chef von „Arbres qui comptent“, einer Organisation für Aufforstung und gegen Desertifikation (Ver-Wüstung). Dieses Projekt wird von Ecosia unterstützt.

Kalaga hat sein ganzes Team um sich geschart. Da sitzt einer, der für die Kartografierung zuständig ist, eine Dame beschäftigt sich mit der genauen Auflistung der Aktivitäten in Excel-Tabellen, ein junger Mann sei neu im Team und fortan für Videos zuständig. Außerdem spreche jeder von ihnen mehrere einheimische Sprachen, um in den Dörfern der Sahelzone kommunizieren zu können.

Im Gegensatz zum restlichen Ouagadougou wirkt das hier ziemlich modern. Ein Beamer wirft schöne Tabellen und Sendung-mit-der-Maus-Grafiken an die Wand, die Laptops sind neu, die Schnitt-Software ist auf dem aktuellsten Stand. Kalaga ist Soziologe und pflanzt schon seit zehn Jahren Bäume gegen die Wüste im Norden Burkina Fasos.

Kalaga zeigt mir einen Ordner, der so aufgeklappt werden kann, dass er auf der einen Seite die Bilder für die Präsentation zeigt, auf der Rückseite den Text für den Sprecher. Mit solchen Ordnern ziehen sie durch die kleinen Orte am Rande der Sahelzone und suchen freie Gebiete, die ausschließlich den Gemeinden gehören. „Wir bepflanzen keine Gebiete von Privatpersonen, um Konflikte zu vermeiden“, sagt Kalaga.

Mehr Schatten, weniger Wind

Was sie von den Gemeinden brauchen, sind mindestens 250 Hektar Land und das Wissen der Dorfältesten. Schließlich pflanzen sie da Bäume, wo vor den Auswirkungen des Klimawandels schon mal welche standen. Das heißt, sie trotzen der Wüste kein neues Land ab, sie holen nur ehemaliges zurück.

Weil der Boden nur noch aus einer trockenen, harten Oberfläche besteht, Kalaga nennt sie Terrasse, dringt kein Wasser mehr in tiefere Schichten ein. Der viele Niederschlag, der in der Regenzeit fällt, fließt ab, irgendwohin, aber nicht in die Erde. Also leihen sich Arbres qui comptent von einem französischen Unternehmen einen Traktor, der mit einem speziellen Pflug ausgerüstet ist. Damit reißen sie sogenannte Demi-Lune (Halbmonde), eine Art übergroße Badewannen, in den steinharten Boden. 

Wenn nun der Regen fällt, sammelt er sich in diesen Becken und kann so einsickern. In diese fruchtbaren Becken werden die Bäume gesetzt. Die Arbeit übernimmt das ganze Dorf gemeinsam, wofür sie von Arbres qui comptent entlohnt werden.

Mit den Bäumen komme der Schatten zurück, werde der Wind verringert, der Boden fruchtbarer, und somit können auch wieder Nutzpflanzen angebaut und Tiere gehalten werden. Nebenbei wirke sich der kleine Aufschwung auf die gesamte soziokulturelle Struktur einer Gemeinde aus. Auch dafür hat Arbres qui comptent einen Beauftragten und eine Excel-Tabelle.

Der Traktor ist ein Riesenproblem

Und dafür kommt also das Geld von Ecosia? Kalaga nickt, nennt aber auch noch andere Unternehmen wie AirFrance oder Total, die sich mit der Unterstützung solcher Projekte ein wenig moralische Verantwortung kaufen wollen. Wie viel Geld er von Ecosia bekommt, erfahre ich nicht.

Aber andere Zahlen: Einen Hektar in der Sahelzone Burkina Fasos mit Bäumen zu bepflanzen kostet 259 Euro. Die größten Posten davon sind 97 Euro Traktormiete und 105 Euro für Kalagas Team. Das eigentliche Pflanzen, Säen, Bewässern liegt mit 42 Euro weit darunter.

Der Traktor sei ein Riesenproblem, sagt Kalaga. Es gebe nur diesen einen Verleiher und der könne deshalb Fantasiepreise verlangen. Und ohne Traktor ist die Arbeit nicht zu schaffen. Kaufen könne Arbres qui comptent so eine Maschine aber auch nicht. In Burkina Faso werden die nicht hergestellt und die Einfuhr wäre extrem umständlich und aufgrund von Zöllen viel zu teuer.

80 Prozent ihrer Energie muss die Organisation auf Transparenz verwenden. Jedes Saatkorn wird fotografiert, jede Informationsveranstaltung gefilmt, jeder Cent, der ausgegeben wird, muss nachvollziehbar sein und für Geldgeber wie Ecosia belegt werden können. Wie viele Bäume das Papier hierfür verschlingt, steht auf einem anderen Blatt.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass man bei Organisationen, die Gutes bewirken (wollen), misstrauischer ist als bei Unternehmen, die man ohnehin für mies hält. Und hier bei Arbres qui comptent geht es nicht mal um Spendengelder, sondern um die Werbeeinnahmen einer Suchmaschine.

Ein Vertrag über maximal zwei Jahre

Zurück in Berlin besuche ich den Hauptsitz von Ecosia. Hinterhof, Fabriketage, Großraum, Start-Up-Klischee. Der Holländer Pieter van Midwoud, studierter Förster, trägt den tollen Titel Tree Planting Officer. Er erklärt mir den Baumzähler auf der Startseite von Ecosia. Natürlich pflanze man nicht in der Sekunde, in der die Zahl wechselt, einen Baum, sondern kurz vor der Regenzeit sehr viele und in der Trockenzeit keinen.

Es werde aber tatsächlich die Anzahl finanzierter Bäume monatlich auf den Zähler umgerechnet. Das wird so ernst genommen, dass van Midwoud extra anfügt, er sorge dafür, dass sie immer mehr Bäume gepflanzt hätten, als der Zähler anzeige, um einen eventuellen Puffer zu haben.

16 Projekte unterstützt Ecosia derzeit weltweit. Dabei legen sie wert darauf, Partner vor Ort zu finanzieren und nicht ihr Geld ausländischen NGOs zu geben oder wie früher einfach dem WWF. Wenn sie einen Partner wie Kalaga gefunden haben, muss der einen Machbarkeitsplan vorlegen und einen Cash-flow.

Midwoud sieht sich die Projekte vor Ort an. Wenn Ecosia sich dafür entscheidet, machen sie einen Vertrag über maximal zwei Jahre. Mit Arbres qui comptent etwa hätten sie einen Vertrag von Januar bis September 2018. Für diesen Zeitraum überweist Ecosia dem Projekt 580.000 Euro. Nach Kalagas Zahlen kann man mit dem Geld knapp 2300 Hektar bepflanzen.

Davon lebt das Social Business

Ecosia.org ist aber nur die Oberfläche. Der Suchalgorithmus ist von Bing übernommen. Die haben mit Ecosia eine Partnerschaft, weil sie alles unterstützen, was Leute von Google wegholt. Wenn ich bei Ecosia mein Suchwort eingebe, erscheint Werbung, genau wie bei Google, drücke ich auf die Anzeige, klingelt bei Ecosia die Kasse, wie sonst bei Google.

Davon lebt das Social Business. Finanziert 30 Mitarbeiter pro Monat und einen Baum alle 0,8 Sekunden. Jacey Bingler, die PR-Dame von Ecosia, rechnet vor: „Wir haben derzeit etwa sieben Millionen Nutzer, das entspricht einem Marktanteil von 0,01 Prozent oder weniger. Google hält 98 Prozent Marktanteil in Deutschland.“

Und das ist doch der eigentliche Wahnsinn: Wie viel Geld muss denn Google zur Verfügung haben, wenn der Winzling Ecosia schon so viel zu verschenken hat? Der Riese hält sich mit der Abteilung X eine geheime Erfinderwerkstatt für verrückte Ideen. Nur, die einfachste von allen: einen Baum pflanzen. Darauf ist bei denen noch niemand gekommen.