Berlin - Am 4. Juli 1858 trafen sich mitten auf dem Atlantischen Ozean zwei Kriegsschiffe: die „USS Niagara“ und die „HMS Agamemnon“. An Bord hatten sie eine tonnenschwere Fracht: 4000 Kilometer Kupferkabel. Die Mission: Ein Telegrafenkabel im Atlantik verlegen.

1854 hatte der US-Marinesoldat Matthew F. Maury herausgefunden, dass das sandige Plateau auf dem Mittelatlantischen Rücken das ideale Terrain für eine Kabeleinbettung war. Eine transatlantische Verbindung herzustellen, stellte die Ingenieurskunst jedoch vor eine gewaltige logistische Herausforderung. Weil die Kabel so schwer waren – sie wogen eine Tonne pro Meile – wurden sie auf zwei Schiffe verteilt. Nachdem die Elektriker die beiden Kabelenden verspleißt hatten, brachen die beiden Schiffe in entgegengesetzte Richtungen auf: Während die „Niagara“ westwärts zurück nach Neufundland dampfte, nahmen die „Agamemnon“ und ihr Begleitschiff Kurs auf Irland im Osten. Über verschiedene Spulen und Kränze an Deck wurde das Kabel Meter für Meter auf den Meeresgrund abgelassen.

Die Spannung unter der Besatzung war groß: Zweimal war die Mission zuvor gescheitert. 1857 war das Kabel nach 330 zurückgelegten Seemeilen unter der großen Zuglast gerissen und in den Tiefen des Atlantiks versunken. Beim zweiten Versuch ein paar Wochen später machte der Crew ein schwerer Sturm zu schaffen. Im dritten Anlauf sollte es endlich klappen: Die Ingenieure hatten die Kupferleiter mit mehreren Schichten Guttapercha, einem kautschukartigen Material, einem Teermantel sowie verdrillten Stahlseilen verstärkt, und auch das Wetter spielte mit: Die See war ruhig.

Fast wäre das Vorhaben dennoch gescheitert: Der dampfgetriebenen „Agamemnon“ ging wenige Seemeilen vor dem Ziel die Kohle aus, die Besatzung musste daher die Segel setzen. Zum Glück profitierte die Crew vom Westwind. Am 5. August 1858 schließlich legte die „Agamemnon“ in Valentia Island an der Südwestspitze Irlands Anker – das Atlantikkabel war gelegt. Die Öffentlichkeit jubelte. Die New York Times schrieb, dass „die Alte und die Neue Welt jetzt miteinander verbunden“ seien. Queen Victoria schickte ein Glückwunschtelegramm an den damaligen US-Präsidenten James Buchanan, in dem sie die große internationale Arbeit lobte. Geschlagene 17 Stunden dauerte es, bis die in Morsecode verschlüsselte Botschaft auf der anderen Seite des Atlantiks ankam.

Gleichwohl: Der gute Draht, wie man so sagt, von London nach Washington sollte von nicht allzu langer Dauer sein. Schon wenige Tage nach der Anlandung nahm die Empfangsqualität ab. Chefingenieur Wildman Whitehouse traf daraufhin eine fatale Entscheidung: Er erhöhte die Spannung, was dazu führte, dass das Atlantikkabel durchschmorte. Erst 1866 sollte ein neues Atlantikkabel gelegt werden, das bereits sechs bis acht Wörter pro Minute übermitteln konnte. Die Nachricht von der Ermordung Abraham Lincolns 1865 brauchte noch zwölf Tage, bis sie in London ankam. 1896 dauerte es gerade einmal zwei Minuten, bis ein Telegramm des Washingtoner Korrespondenten in der Redaktion der Londoner Times eintraf (nachzulesen in Dominik Gepperts Buch „Pressekriege“).

Die Geschichte der Globalisierung ist auch eine Geschichte der Geschwindigkeit und Beschleunigung. Im Zeitalter des Internets werden ganze Filmdateien in Sekundenschnelle um den Globus gejagt. Diese Daten reisen über dasselbe „Streckennetz“ wie einst  die Telegramme: über Seekabel. Mails, Textnachrichten, Videos – 97 Prozent des interkontinentalen Datenverkehrs laufen über diese unterseeischen Datentunnel.

Die Ozeanböden sind geradezu gepflastert mit Seekabeln. Fast 400 solcher Datenautobahnen gibt es mittlerweile. Und es werden immer mehr. Google, Facebook, Microsoft – sie alle haben Seekabel verlegt. Mit riesigen Transportschiffen werden die tonnenschweren, auf Spulen gerollten Kabel aufs Meer befördert, wo sie dann mithilfe spezieller Verlegepflüge auf dem Meeresgrund verlegt werden. Vor allem auf den Strecken zwischen Europa und den USA sowie den USA und Asien herrscht viel Verkehr, gerade in Corona-Zeiten, wo das Datenaufkommen alle Rekorde bricht. Die Internetleitungen sind mittlerweile so wichtig wie Ölpipelines oder Stromnetze. Doch diese Arterien der Weltwirtschaft sind äußerst fragil.

Im Januar 2020 brannte das Seekabel Sat-3/Wasc, das Spanien mit Südafrika verbindet, auf der Höhe des Kongos durch. In der Folge kam es zu Störungen in Südafrika und einigen anderen afrikanischen Staaten, in denen das Kabel anlandet. Es vergingen mehrere Wochen, bis ein Reparaturschiff ausrücken und die Stelle lokalisieren konnte. Die Ursache für den Kabelbrand war möglicherweise ein Kurzschluss oder ein Meeresvulkan.

Es ist nicht das erste Mal, dass es zu solchen Defekten gekommen ist. 2006 zerstörte ein Erdbeben vor der Küste Taiwans mehrere Internetkabel. Zahlreiche Provider in Taiwan, Singapur, Hongkong und Südkorea meldeten Probleme sowohl im Telefon- als auch im Internetnetz. In der Vergangenheit gab es auch immer wieder Berichte über Haie, die, möglicherweise durch elektrische Signale verwirrt, Seekabel anbissen. Natur, aber auch der Mensch setzen der Technik stark zu.

2008 rissen vor der Küste Ägyptens zwei Untersee-Kabel, was zu Ausfällen in mehreren Ländern im Nahen und Mittleren Osten sowie Zentralasien führte. Betroffen war das FLAG Europe-Asia (FEA), mit 28.000 Kilometern eine der längsten Verbindung der Welt. Eine Art maritime Seidenstraße, die von Großbritannien über die Meerenge von Gibraltar, den Suezkanal und Singapur bis nach Japan führt. Der östliche Mittelmeerraum ist ein Nadelöhr des Datenverkehrs – hier verlaufen gleich mehrere Seekabel. Wenige Tage später zertrümmerte ein Schiffsanker vor der Küste Dubais ein Tiefseekabel. Die Folge: 75 Millionen Menschen waren zeitweise ohne Internet. Zwar wird der Datenverkehr im Falle einer Störung umgeleitet. Doch kann sich die Geschwindigkeit dadurch erheblich verringern.

Immer wieder kommt es zu Schädigungen. 2007 wurde bekannt, dass vietnamesische Fischer tonnenweise Seekabel vom Meeresgrund zogen, in der Hoffnung, das darin enthaltene Kupfer als Schrott verkaufen zu können. 2011 grub eine georgische Rentnerin in ihrem Vorgarten nach Rohmetallen in der Erde und zerstörte dabei eine Glasfaserleitung, was dazu führte, dass das Nachbarland Armenien komplett vom Internet abgeschnitten war. Ein kurioser Fall, gewiss. Doch er zeigt: Die Lebensadern der digitalen Weltwirtschaft sind extrem verwundbar. Und das wissen auch Kriminelle.

2013 griff die ägyptische Wasserschutzpolizei vor dem Hafen von Alexandria drei Taucher auf, die gerade dabei waren, ein Internetkabel zu durchtrennen. Bei einem Außendurchmesser von rund zwei Zentimetern ist das keine große Kunst. Es braucht keine Hackerkenntnisse, um Internetverbindungen zu kappen. Es reicht eine einfache Zange.

Bei den Sicherheitsbehörden wächst daher die Sorge, dass die Internetleitungen zum Ziel von Sabotageakten werden können. Die US-Navy hat schon vor einigen Jahren russische U-Boote in der Nähe von Tiefseekabeln aufgespürt, die möglicherweise Kommunikationsdaten abgreifen wollten. Wie die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden zeigen, zapft der US-Geheimdienst NSA diese Kabel zum Teil selbst an. Überwachung ist so alt wie die Technik.

Schon Abraham Lincoln und seine Getreuen nutzten während des amerikanischen Bürgerkriegs die Landtelegrafenlinien, um den Morsecode der Südstaaten und Nachrichten an der Front abzugreifen. Als die transatlantische Telegrafenverbindung endlich stand, rieben sich nicht nur Unternehmer, sondern auch die Geheimdienste die Hände.