Berlin - Der Senat verschläft die Digitalisierung der Hochschulen. Dieser Meinung ist die CDU, die eine schriftliche Anfrage an den Senat gestellt hat. Es sei „alles andere als zufriedenstellend, dass keine der Berliner Universitäten bisher eine einheitliche Digitalisierungsstrategie verabschiedet hat“, erklärten Hans-Christian Hausmann, wissenschaftspolitischer Sprecher, und Adrian Grasse, forschungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Der Senat sei „in der Verantwortung, die Hochschulen bei diesem wichtigen Zukunftsthema stärker zu unterstützen“. Es brauche einen besseren Austausch aller Beteiligten sowie „die Aufnahme von Best-Practice-Beispielen in den Prozess“, damit die Hochschulen „auch in Zukunft im nationalen und internationalen Wettbewerb weiter vorn mitspielen“. „Unsere Hochschulen sind ganz schön aufgeweckt und in vielen Bereichen der Digitalisierung bundesweit führend“, entgegnete Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) auf die Frage, ob Berlin die Entwicklung verschlafe.

Die Antwort des Senats auf die Anfrage zeigt, dass es eine Vielfalt von Projekten und IT-Systemen an den Universitäten gibt – nicht nur in Verwaltung und Forschung, sondern auch in der Lehre. Die Technische Universität (TU) verweist unter anderem auf ein neues Lehrprogramm namens „Data Literacy“, das alle Studierenden auf eine digitalisierte Lebens- und Arbeitswelt vorbereiten soll. Die Freie Universität (FU) führt sechs zentrale Systeme, Plattformen und Apps zur Unterstützung der Lehre an. Die TU wartet gleich mit elf solcher Angebote auf.

Dazu gehören etwa: „Moses“ als Werkzeug zur Studienorganisation, „tubCloud“ als Plattform zu Teilung von Daten und Lernmaterialien durch Studierende sowie „tubMeeting“ zur Durchführung sogenannter Webinare, also Online-Seminare. Auch „elektronische Prüfungen“ finden bereits statt, unter anderem auf der „E-Examination-Plattform“ der FU. Hinzu kommen die sogenannten Moocs – Massive Open Online Courses. Hier werden ganze Online-Kurse auf Universitätsniveau angeboten.

Eine einheitliche Strategie der Universitäten zur Digitalisierung sei in Bearbeitung 

Dennoch: Eine einheitliche Digitalisierungsstrategie gebe es bisher nicht, teilen die Universitäten übereinstimmend mit. Diese sei „derzeit in Bearbeitung“, erklären FU und TU. Die HU verweist darauf, dass die Digitalisierung Querschnittsthema bei der Erarbeitung strategischer Konzepte sei. Braucht es mehr Geld, um den Prozess voranzubringen? Die Anfrage der CDU-Abgeordneten fällt genau in die Debatte über eine stärkere bundesweite Förderung von IT-Projekten an den Hochschulen. Sie wird von der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) geführt.

Die Länder und der Bund sollten bessere finanzielle Voraussetzungen schaffen, damit Hochschulen zum Beispiel in großem Stil Vorlesungen mitschneiden und digital aufbereiten können, fordert die HRK. Dafür müsse es so etwas wie einen Digitalpakt geben. Bund und Länder – so die Überlegung – sollten den Hochschulen bundesweit für fünf Jahre eine Digitalisierungspauschale zahlen. Diese könnte 90 Euro pro Student und Jahr betragen. Bei etwa 100.000 Studierenden allein an FU, TU und HU wären das neun Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kämen die staatlichen Kunst- und Fachhochschulen. Der Idee einer Digitalisierungspauschale pro Student folgt der Senat nicht, da die Digitalisierung „nicht nur den Bereich der Lehre, sondern alle Hochschulbereiche betrifft“, wie es in der Antwort auf die Anfrage heißt.

Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach verweist auf die Hochschulverträge. Hier sei im Kapitel „Chancen der Digitalisierung“ vereinbart worden, dass das Land in den Jahren 2018 bis 2022 zur IT-Entwicklung an den Hochschulen 34,2 Millionen Euro bereitstellt. Die Summen steigen von Jahr zu Jahr. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung selbst, sondern auch darum, dass die Hochschulen zunehmend freie Internetzugänge zu wissenschaftlicher Literatur ermöglichen sollen. Und zwar für jeden. Stichwort: Open Access.

Digitalisierung verändert die Lehre: Online-Vorlesungen mit Live-Chat 

Im Rahmen des Qualitätspakts Lehre haben allein die FU und die TU 2018 etwa 1,7 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium für digitale Lehr- und Lernprojekte erhalten. „Die Berliner Hochschulen verfügen aktuell über jeweils spezifische, zeitgemäße und leistungsfähige IT-Strukturen“, schätzt der Senat zusammenfassend ein. Es geht aber nicht nur um Geld, sondern auch um das, was bei der Digitalisierung überhaupt wünschenswert ist. Braucht man zum Beispiel eine flächendeckende IT-Lehre? Auch diese Frage wird bei der Erarbeitung von Digitalisierungsstrategien an den Universitäten diskutiert. 

Als 2013 an der FU erstmals 14 Vorlesungen zur „Einführung in die Erziehungswissenschaften“ für 600 Studenten im Internet gehalten wurden, freuten sich viele, nun nicht mehr um acht Uhr früh in der Uni sein zu müssen. Per Mail oder Live-Chat konnten sie jetzt von zu Hause aus mit dem Professor kommunizieren. Andere vermissten den Austausch mit den Kommilitonen im Hörsaal und auf den Fluren.

Große Hörsäle brauche es nicht mehr, hieß es jüngst im Zusammenhang mit einer Uni-Sanierungsdebatte in Berlin. Massenvorlesungen könnten digital angeboten werden, sagen Forscher. Aber es brauche viel mehr kleinere Räume, in denen Studentengruppen das Gelernte mit den Dozenten und untereinander besprechen können. Universität soll – bei aller Digitalisierung – auch künftig ein Ort sein, an dem man sich trifft.