Berlin - Erst dachte Max*, Tinder sei nichts für ihn. Dem Berliner hatte die Dating-App in drei Monaten nur drei Dates eingebracht. Aber dann erschien bei einem Tinder-Besuch das Foto von Mate* auf seinem Smartphone. Dem 34-Jährigen gefiel es, er zeigte sein Interesse durch einen Wisch („Swipe“) nach rechts. Mate tat es mit Max’ Bild ebenso. Hätte sie das Foto nach links weggewischt, wäre der Berliner aussortiert gewesen. Aber so kam es zum „Match“, wie das gegenseitige Gefallen bei Tinder heißt, und aus dem Match wurde mehr. Heute sind die beiden ein Paar, seit zwei Monaten leben sie zusammen.

Keine Dating-App ist so populär wie Tinder. Seit drei Jahren ist das kalifornische Unternehmen aktiv, weltweit hat es nach eigenen Angaben 50 Millionen Nutzer. Alleine in Deutschland dürften es zwei Millionen sein, täglich kommen mehrere tausend hinzu.

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Es gibt aber auch Analysten, die dem Unternehmen seinen baldigen Untergang voraussagen. Tinder hat ein Problem: Wie es für viele schnell wachsende Start-ups üblich ist, macht das Unternehmen keinen Umsatz. Tinder schaltet keine Werbung und ist in seiner Standardversion kostenfrei.

Der erste Eindruck ist oft der einzige

Der Berliner Max war im Internet auf Tinder aufmerksam geworden. „Viele meiner Freunde waren bereits Nutzer, und ich hatte wieder Lust, neue Menschen kennenzulernen“, erzählt er. Drei Monate zuvor hatte ihn seine Frau verlassen. Das schlichte wie effektive Prinzip und das Design haben ihn von Tinder überzeugt, erklärt er. „Ich hatte 40 Matches“, sagt Max. „Es war schön, zu chatten und zu flirten.“ Aber eigentlich sei er altmodisch und romantisch, gehe lieber in eine Bar, um Menschen kennenzulernen. „Im Alltag sieht man die Gesten und das Lächeln eines Menschen, auf Tinder ist es eben nur ein Bild.“ Das sei zwar etwas oberflächlich, grundsätzlich kritisieren möchte er die App nicht.

Der erste Eindruck ist bei Tinder oft der einzige. Es ist durchaus nicht einfach, Matches zu bekommen. Viele Nutzer swipen hundertmal nach rechts und bekommen nur zwei Matches, von denen dann möglicherweise eines nicht auf Chatversuche reagiert.

Deswegen ist um die Dating-App eine richtige Industrie entstanden. Neben Apps zur Tinder-Optimierung gibt es Fotografen, die Tinder-Profilbilder anbieten. Dabei bekommen nicht notwendigerweise diejenigen die meisten Matches, die auf ihren Bildern aussehen wie Cover-Models. Es gibt eine Art Tinder-Psychologie. „Der Nutzer fragt sich, was er mit dem Menschen auf dem Bild gemein haben könnte“, erklärt die Tinder-Beziehungsexpertin Jessica Carbino in einem Interview mit der New York Times.

Model-Typen, die zu glatt seien, würden als arrogant und unsympathisch wahrgenommen werden. Der soziale Faktor sei wichtig. Das heißt, dass Tinder-Nutzer wesentlich mehr aus einem Foto herauslesen als bestimmte Körpermaße. Ein Bild mit einem Haustier sende eine andere Nachricht als eine Porträtaufnahme mit einer übergroßen Sonnenbrille.

Kritik am Zwei-Klassen-Flirt

Allerdings halten offenbar nicht alle Fotos und sonstige Angaben der Realität stand. Diese Erfahrung hat zumindest Jutta* gemacht. Die 44 Jahre alte Hamburgerin traf sich mit einem Tinder-Mann zum Kaffee. Seine Größe hatte er mit 1,70 Meter angegeben. „Aber er war kleiner als ich, das geht gar nicht“, sagt Jutta. Mehr als nettes Café-Geplauder ist aus der Begegnung nicht geworden.

Mehr aus seinen Nutzern herauszuholen, das versucht Tinder seit einigen Monaten: Seit Anfang März ist die Bezahlversion Tinder Plus verfügbar. Mit ihr kann man aussortierte Kandidaten, also die Swipes nach links, wieder zurückholen und den Standort wechseln. Wenn jemand also für ein Wochenende nach Ibiza fliegt, ist es möglich, sich vorher schon Matches zu suchen.

Im Netz werden die Neuerungen kritisiert, vom „Tinder der zwei Klassen“ ist die Rede. Das liegt vor allem daran, dass Tinder Plus etwas kostet und dass der Preis je nach Alter und Heimatland des Nutzers variiert.

Jason*, 26, nutzt weiterhin die Standardversion. Der Neu-Berliner kommt aus Kalifornien. „Ich will einfach ein bisschen Spaß haben“, sagt er. Jason ist ein typischer Tinder-Nutzer. An einer Beziehung hat er kein Interesse, er will nur „smoking hot girls“ kennenlernen. Wie die mit Abstand meisten männlichen Nutzer sucht er über Tinder in erster Linie Sex.

Auch Max war einem One-Night-Stand nicht abgeneigt, wollte dann aber doch mehr, besonders nachdem er Mate kennengelernt hatte. „Wir haben im Chat bereits gemerkt, dass wir den gleichen Humor haben“, sagt er. Das erste Date sei dann ganz klassisch gewesen. „Wir sind in einem Park spazieren gegangen, haben gequatscht und gelacht, jetzt sind wir schon seit sechs Monaten ein Paar.“ Die Dating-App hat Max immer noch auf seinem Smartphone. „Allerdings nur, damit ich mir unseren alten Chatverlauf ansehen kann“, sagt er und lächelt. (mit ost.)

*Namen von der Redaktion geändert