Mit der geeigneten Software kann man aus unterschiedlichen Gesichtern ein neues Gesicht generieren.
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BerlinIn alten Führerschein- oder Ausweispapieren finden sich zuweilen die skurrilsten Fotos. Mal lächelt jemand schief, mal schaut jemand nicht in die Kamera. Der Grenzbeamte musste zuweilen schon genau hinschauen, ob die vor ihm stehende Person auch die mit der Vokuhila-Frisur auf dem Ausweis ist. Seitdem Behörden biometrische Ausweise ausstellen, ist das anders: Die Passfotos müssen bestimmten Anforderungen etwa beim Format oder Kontrast genügen. Haare im Gesicht oder ein unruhiger Hintergrund sind nicht mehr erlaubt. Das Foto muss maschinenlesbar sein.

Wenn man ins Ausland fliegt, wird man nämlich bei der Einreisekontrolle nicht mehr von einem mürrischen Grenzbeamten gemustert, sondern meist von einer Maschine. Im Rahmen der automatisierten Grenzkontrolle legt der Passagier seinen elektronischen Reisepass auf ein Dokumentenlesegerät und schaut mit dem Gesicht frontal in eine Kamera. Ein Algorithmus vermisst biometrische Merkmale und gleicht die Daten mit dem hinterlegten biometrischen Lichtbild ab. Stimmen die Daten überein, öffnen sich die Schleusentüren.

Was einfach klingt, erweist sich in der Praxis als Problem. Denn mit einem technischen Kniff lassen sich die Algorithmen in die Irre führen. Morphing nennt sich die computergrafische Technik, bei der zwei oder mehrere Passfotos zu einem genuin neuen Foto verschmolzen werden. Mithilfe einer Künstlichen Intelligenz werden zunächst markante Punkte im Gesicht ausgewählt und Zielwerte definiert. Die Software berechnet dann synthetische Zwischenbilder und führt diese Fotos Schritt für Schritt ineinander. So entsteht ein digitaler Doppelgänger, der beiden Ausgangsbildern verblüffend ähnlich sieht.

Mit Fakes gegen Pädophile

Auch die Polizei rüstet technisch auf: Der Deutsche Bundestag hat im Januar ein Gesetz zum Cyber-Grooming beschlossen, wonach Ermittler bei der Suche nach Pädophilen im Netz computergenerierte Fake-Fotos einsetzen dürfen. Um Zugang zu geschlossenen Foren zu erhalten, muss man als „Eintrittskarte“ kinderpornografisches Material vorzeigen.

Mit fiktiven Fotos würde zwar kein Kind missbraucht, die Eskalationsspirale aber womöglich angeheizt. Die Frage ist: Wie echt dürfen diese Fakes sein? Darf der Staat Straftaten begehen, um Straftaten zu verhindern? Und ist die Erstellung fiktiver Kinderpornografie selbst eine Straftat? Ethisch ist die Praxis fragwürdig. Denn auf diese Weise entstehen immer mehr Dummys, die von der Realität gar nicht mehr zu unterscheiden sind.

Morphing ist eigentlich mehr eine Spielerei. Softwareentwickler machen sich einen Spaß daraus, eine Katze mit einem Schneeleoparden zu klonen oder einen Hybrid aus George W. Bush und Barack Obama zu kreieren. Die Rekombination bestehender Bild- oder Toninhalte – etwa Mashup in Musik, wo alte Tonaufnahmen gesampelt werden – ist eine weit verbreitete Kulturtechnik. Doch Morphing ist auch ein Schlupfloch für Kriminelle.

Der italienische Informatiker Matteo Ferrara und seine Kollegen von der Universität Bologna haben bereits 2014 demonstriert, wie sich mit gemorphten Passfotos Sicherheitskontrollen austricksen lassen. Die Wissenschaftler präsentierten einen „magischen Pass“, der gleich mehreren Personen als potenzieller Passierschein diente. Zwei Personen könnten mit demselben Ausweisdokument unter falscher Identität in ein Land einreisen – vorausgesetzt, die Personen ähneln sich. Denn der Gesichtserkennungsalgorithmus fokussiert sich nur auf geometrische Formen im Gesicht (etwa den Abstand zwischen Augen und Mund) und weniger auf die Textur. Wenn die Mittelwerte innerhalb eines bestimmten Toleranzbereichs liegen, „sieht“ der Algorithmus in dem Datenklon ein- und dieselbe Person.

Das Künstlerkollektiv Peng! hat 2018 das Passfoto einer Aktivistin mit dem Foto der damaligen EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini verschmolzen und erfolgreich einen Reisepass beantragt. Als die Sachbearbeiterin die Bildmontage scannte, so berichtete es der „Spiegel“, stutzte sie zwar. Das Bild habe zu viele Schatten und sehe irgendwie gemalt aus. Doch selbst unter dem prüfenden Blick von sechs Augen wurde es nicht als Fälschung erkannt. Eine fiktive Person wurde eingebürgert. Ein peinlicher Vorgang.

Die Behörden sind alarmiert. Mit einem digital manipulierten Pass könnten Terroristen, die auf einer Fahndungsliste stehen, unter dem Radar von Polizei und Geheimdienst in Europa hin- und herreisen. Die Bundesregierung hat daher vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf zur „Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen“ vorgelegt, wonach Lichtbilder künftig elektronisch an die Passbehörden übermittelt werden. „Eine Überprüfung von Lichtbildern auf derartige betrügerische Bildbearbeitungen ist nach dem gegenwärtigen Stand der Technik nicht zuverlässig möglich“, heißt es in dem Entwurf. Die Funktion des Passes als Dokument zur Identitätskontrolle sei „im Kern bedroht“.

Ursprünglich plante die Regierung, Passbilder nur unter Aufsicht der Behörde aufzunehmen. Dagegen regte sich jedoch Widerstand von Fotografen, für die die Erstellung biometrischer Passbilder ein einträgliches Geschäft ist. Zwar haben Wissenschaftler mittlerweile Techniken entwickelt, solche Bildmanipulationen mithilfe neuronaler Netzwerke aufzuspüren. Ob das allerdings reicht, Identitätsbetrug bzw. -diebstahl im Rechtsverkehr zu verhindern, ist fraglich. Der Maschine geht es letztlich wie dem Menschen: Sie weiß im Zweifel nicht, welche Person gerade vor ihr steht.