Auch weil das Smartphone die Menschen überallhin begleitet, ist das handliche Gerät ein ständiger Datensammler.
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BerlinDaten gelten als das neue Gold der Pharmabranche. „Sie sind der zentrale Treiber für Veränderungen und Innovationen in den kommenden Jahren“, sagt Roche-Präsident Christoph Franz. Die Unternehmen setzen massiv auf personalisierte Medizin oder Präzisionsmedizin.

Das ist zum einen so etwas wie die millionenteure Gentherapie für todkranke Babys, die der Pharmakonzern Novartis gerade 100 Mal verlost. Oder die Gentherapie Kymriah gegen eine aggressive Leukämie. Die Medikamente werden für jeden Patienten einzeln gefertigt.

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Gesundheitskontrolle per Smartphone

Und es ist, ganz aktuell, der Kampf gegen das Coronavirus. Die chinesische Regierung arbeitet mit den beiden größten Technologieanbietern, Alibaba-Group und Tencent-Holding, zusammen. Herausgekommen sind bisher zwei Apps, die sehr ähnlich arbeiten. Der Nutzer muss Fragen zu seinem Aufenthaltsort in den vergangenen Tagen und zu seinem Gesundheitszustand beantworten. Danach erhält er als Antwort einen farbigen QR-Code auf sein Smartphone geschickt. So weiß er um seinen Gesundheitszustand. Per Code kann er dann das weitere Vorgehen auf einer Internet-Seite abrufen.

Bei Alipay, einer von Alibaba betriebenen Zahlungs-App, werden die Nutzer in Hangzhou, Hauptstadt der Provinz Zhejian, überprüft. der Konzern Tencent, der Chinas beliebte Messaging-App WeChat betreibt, teilte am Sonnabend mit, dass sein System in Shenzhen im Einsatz sei. Schon bald soll die Technik auch in anderen Teilen der Provinz Guangdong genutzt werden können. Internationale Medien berichteten, dass die Bürger in den beiden Städten von Beamten aufgefordert wurden, ihren QR-Code vorzuzeigen. Gesundheitskontrolle per Smartphone.

Daten aus Studien, Apps und Arztpraxen

Sobald immer mehr Daten auch in anderen Regionen erfasst werden können, haben Wissenschaftler die Chance, weitere Informationen über die Ausbreitung und die Auswirkungen herausfinden. Und darum wird es in Zukunft auch in anderen Bereichen der medizinischen Forschung gehen. Vergleichbare Daten zu erheben und sie dann so auszuwerten und zu analysieren, dass möglichst viele Patienten von den Ergebnissen profitieren können.

Effiziente Nutzung in Finnland

Optimisten: Sie glauben, dass personalisierte Medizin Patienten hilft, schneller und wirksamer behandelt zu werden.Außerdem sparen Krankenkassen viel Geld, weil Patienten gezielter mit Medikamenten versorgt werden können.

Vorbild: Finnland gilt als effizient bei der Nutzung von Gesundheitsdaten. Sie werden dort schon lange elektronisch erfasst. Im Projekt „FinnGen“ wird das Genom von einer halben Million Finnen entschlüsselt – um zum Wohle aller Krankheitsmuster zu finden.

Pessimisten: Kritiker warnen, dass die Sicherheitsstandards bei den Patientenakten noch nicht zuverlässig erfüllt werden. Hacker können angeblich bis zu 2000 Euro für eine erbeutete Patientenakte verlangen.

Die Daten sollen aus Studien, Apps und Arztpraxen kommen. Ärzte erfassen Informationen statt auf der Karteikarte immer öfter in einer elektronischen Patientenakte am Computer. „Wir können in den nächsten Jahren mit einer Explosion an Daten rechnen“, sagt Anne-Marie Martin, Leiterin der Präzisionsmedizin bei Novartis.

Behandlung auf Patienten zugeschnitten

Dazu gehören Befunde, Röntgen- und MRT-Bilder, Laboranalysen, Studien und auch das gute alte Arztgespräch – schlicht alles, was über die Gesundheit jedes Menschen vorhanden ist. Die Analyse massenhafter Daten kann Zusammenhänge aufzeigen, die bis dahin unbekannt waren. Bestimmte Gen- oder Zelleigenschaften, aber auch Alter, Gewicht, eine Vorerkrankung, andere Medikamente, Wohnort, Ethnie oder die Uhrzeit der Einnahme können Einfluss haben, ob ein Mittel wirkt oder nicht.

„Analysiert man solche Daten, lassen sich Behandlungen anbieten, die genau auf den Patienten zugeschnitten sind“, sagt Roche-Sprecher Daniel Grotzky. Martin von Novartis sagt: „Zum einen können wir die Patienten herausfiltern, bei denen eine bestimmte Behandlung besonders wirksam ist, zum anderen füttern die Daten auch den Entdeckungsmotor.“ So könnten neue Medikamente entwickelt werden für Patienten, die auf die herkömmliche Therapie nicht ansprechen.

Angst vor Hackerangriffen

Aber wie steht es mit dem Datenschutz? Patienten sorgen sich, dass Krankenkassen etwa bei einer Anlage zu Diabetes im Erbgut einen Risikozuschlag verlangen könnten.

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Schon die geplante Einführung der elektronischen Patientenakte zum 1. Januar 2021 sei problematisch, warnte die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns. Praxen seien nicht genügend vor Hackerangriffen geschützt, für Patientenakten würden 2000 Euro geboten.

Die Pharmafirmen sagen, ihnen gehe es um anonymisierte Daten, so dass Patienten nicht identifiziert werden können. Experten für IT-Sicherheit, Datenschutz und Medizin erarbeiten im Auftrag des Bundesforschungsministeriums zurzeit einen Standard für die Verarbeitung medizinischer Daten. (mit dpa/Christiane Oelrich)