Herr Brensing, Sie fordern für einige Tiere gleiche Rechte wie Menschen sie haben. Warum?

Wir Menschen haben uns immer als Krönung der Schöpfung angesehen, weil wir uns als selbstbewusste, intelligente, planvoll agierende Personen betrachten. Mittlerweile wissen wir aber, dass diese Merkmale auch auf kognitiv hoch entwickelte Tiere wie Menschenaffen, Elefanten oder Delfine zutreffen. Deswegen müssten wir diese Tiere wie Personen behandeln und ihnen dieselben Rechte zugestehen: Zum Beispiel Recht auf Leben, Unversehrtheit, Freiheit.

Sind Menschen aber nicht doch irgendwie anders als Delfine? Menschen lesen Bücher, sie schießen Raketen zum Mond, sie bauen Wolkenkratzer.

Diese Leistungen kann man nicht einem Individuum zuordnen, sondern nur einem Kollektiv. Natürlich sind wir offensichtlich etwas Besonderes. Wir Menschen sind wahnsinnig gut im Voneinander-Lernen und Miteinander-Agieren. Kein Tier kann das so gut wie wir. Trotzdem haben sich auch einige Tiere auf den Status von Personen entwickelt.

Personen haben Namen. Tiere auch?

Delfine haben tatsächlich so etwas wie Namen. Sie kommunizieren über einen Signaturpfiff. Forscher haben diese Pfiffe einmal aufgenommen und elektronisch von allen persönlichen Charakteristika befreit, um auszuschließen, dass sie sich an der Stimme erkennen. Trotzdem wurden die Pfiffe von den Delfinen noch verstanden. Das macht es möglich, sich über andere zu unterhalten oder zu fragen, wo ein anderer gerade ist.

Personen haben ein Bewusstsein für sich selbst. Können Tiere über sich selbst nachdenken?

Das lässt sich in Experimenten natürlich nicht direkt testen. Wir wissen aber, was man braucht, um über sich selbst zu reflektieren. Man braucht die Fähigkeit sich Raum und Zeit vorzustellen, in die Zukunft zu projizieren und ein Erinnerungsvermögen. Das hat man auch bei Tieren feststellen können.

Ein Beispiel?

Delfine bilden komplexe soziale Netzwerke, die auf Hierarchien beruhen. Das funktioniert nur, wenn sie eine Vorstellung von sich selbst und anderen haben. Sie müssen zudem in ihrem Gedächtnis lebenslang mehrere hundert Individuen gespeichert haben.

Und diese Netzwerke sind ähnlich wie beim Menschen?

Die Komplexität ist nur mit der des Menschen vergleichbar. Menschen bilden Allianzen verschiedener Ordnungen. Erstens haben sie ihre Familie, zweitens sind sie in eine Dorfgemeinschaft oder in einen Betrieb eingebunden. Drittens kooperieren ganze Städte und Staaten miteinander. Die meisten Tiere kennen nur Allianzen erster Ordnung. Sie leben in Herden mit Familienangehörigen. Manche Affen kooperieren darüber hinaus gelegentlich mit anderen Verbänden in einer Allianz zweiter Ordnung, weil das für ihre Gruppe einen Nutzen hat. Außer dem Menschen bilden nur Delfine Allianzen dritter Ordnung.

Und das ist Ausdruck von besonderer Intelligenz?

Unsere großen Gehirne sind dadurch entstanden, dass wir unser komplexes Sozialleben managen müssen. Auch Elefanten und Delfine haben große Gehirne. Je komplexer das Sozialleben, desto höher sind die Tiere entwickelt.

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Der Mensch ist dafür berühmt schreckliche Kriege zu führen. Wie ist das bei Tieren?

Man hat bei Affen einmal eine Art Soldatentrupp beobachten können. In ihrem eigenen Territorium verhielten sich die Affen laut und selbstbewusst. Auf ihrem Gebiet laufen sie weit verstreut herum. Eine Gruppe unternahm jedoch regelmäßig Ausflüge in ein fremdes Territorium und überfiel dort vereinzelte Tiere. Dabei gingen die Eindringlinge in Reihe und ganz leise. Sie verfolgten also eine Strategie. Nach einer Zeit hatte die Population das fremde Territorium erobert, denn sie verhielt sich nun dort, wie in der alten Heimat: Laut und selbstbewusst.

Menschen können auch ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Tiere schlecht behandeln, töten und essen. Tiere gehen miteinander nicht unbedingt zimperlich um.

Moral ist ein Kulturgut. Etwas, was wir von Generation zu Generation weitergeben. Die Grundlage dafür ist ein Verständnis von Fairness. Das hat man auch bei Tieren beobachtet.

Inwiefern?

In einem Experiment hat man zwei Affen nebeneinander in einem Käfig gehalten. Zunächst wurden beide mit Gurken gefüttert, wenn sie dem Versuchsleiter einen Stein aus dem Käfig zurückreichten. Nach ein paar Runden bekam einer von beiden Weintrauben, die für Affen viel attraktiver sind. Der andere ist ausgerastet und hat die Gurken verweigert.

Er fühlte sich ungerecht behandelt?

Wahrscheinlich. Noch interessanter war aber, dass der Affe, der die leckeren Weintrauben bekam, diese ebenfalls verweigerte. Dahinter steckt offensichtlich ein Wertesystem: Wenn ich sehe, dass jemand ungerecht behandelt wird, nehme ich das bessere Essen auch nicht mehr an.

Solche Experimente könnten Forscher nicht mehr machen, wenn diese Affen ein Recht auf Freiheit hätten.

Es kann uns keiner vorwerfen, dass wir diese Experimente durchgeführt haben. Wir haben es früher einfach nicht besser gewusst. Aber nun, da wir so viel über die Tiere wissen, müssen wir von uns selbst lernen und daraus korrekte Schlüsse ziehen. Dazu gehört auch: Diese Versuche dürfen nicht mehr stattfinden. Es gibt aber auch Experimente, an denen Delfine freiwillig teilgenommen haben.

Das Gespräch führte Alice Ahlers.