Die Piazza Virtuale sei wie ein schwarzes Loch gewesen, sagt der österreichische Medienkünstler Karel Dudesek heute. „Die Leute sind da reingefallen und mussten selber auf ihren Füßen und Händen irgendwie weitergehen. Manchen ist das leicht gefallen. Aber manche haben auch kein Wort herausbekommen.“

„Piazza Virtuale“ wurde von Hunderttausenden eingeschaltet 

Das „schwarze Loch“, an das sich Dudesek erinnert, war ein Medienexperiment, das 1992 im Grunde die sozialen Medien von heute vorweggenommen hat. Ohne Moderation und ohne Anleitung konnte das Publikum während einer täglichen Fernsehsendung anrufen und drauflos reden, über alles, was ihnen gerade in den Sinn kam: ihr Befinden, Politik, das Mittagessen oder das Wetter. „Piazza Virtuale“ war im Grunde Facebook fürs Fernsehen.

Für das Projekt, das während der documenta 9 stattfand, war es der Künstlergruppe Van Gogh TV gelungen, drei Monate lang im Nachmittagsprogramm des neu gegründeten Senders 3 Sat einen eigenen Sendeplatz zu erhalten; Fernsehstationen in Österreich, Tschechien, Japan und Lettland übertrugen die innovative Mitmach-Sendung live. Und überraschend schnell fand das Programm seine Fan-Basis. Was als Kunstprojekt ohne Erwartung an die Quote gestartet war, wurde von Hunderttausenden eingeschaltet. Bis zu 110.000 Anrufversuche bei den vollkommen überlasteten Anschlüssen des Projekts registrierte die Deutsche Telekom pro Stunde.

Fans von „Piazza Virtuale“ lernten sich auch jenseits des Bildschirms kennen

Das Ziel der Sendung: Im Massenmedium Fernsehen informelle Kommunikationsformen möglich zu machen, wie sie auf einer italienischen Piazza stattfinden – daher der Name „Piazza Virtuale“. Statt Moderatoren, Experten, Politikern oder Schauspielern sollten das Publikum und seine Äußerungen zum Inhalt des Programms werden. Das erklärte Ziel der Sendung war es, das berühmte Motto von Bertolt Brecht in die Tat umzusetzen und die Medienkonsumenten zu Medienproduzenten zu machen.

Gesendet wurde aus einem temporären Containerstudio neben dem Fridericianum in Kassel, wo die documenta stattfindet. Nachdem die Sendung einige Wochen im Fernsehen gelaufen war, begannen Fans von „Piazza Virtuale“ sich dort zu treffen, um sich jenseits des TV-Bildschirms kennenzulernen und bei der Produktion des Programms zuzusehen. Damals noch ganz neu: In der Sendung wurde auch der erste Online-Chat gezeigt. Das Internet war damals in Deutschland zwar nur an einigen Universitäten zugänglich. Doch es gab schon die sogenannten Mailboxen, die eine frühe Form der Online-Kommunikation möglich machten. Und so war im unteren Drittel des Bildschirms zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ein Chat-Fenster zu sehen, in dem fleißig diskutiert wurde.

„Piazza Virtuale“ nahm viele Interaktionsformen der sozialen Medien vorweg 

Die Konsumenten machten allerdings am Anfang erst einmal nur zögerlich mit: Die meisten Anrufer, die durchkamen, trauten sich in der Regel nur, „Hallo“ zu sagen, bevor sie – offenbar erschrocken darüber, wirklich zugeschaltet zu sein – schnell wieder auflegten. In einer Zeit vor dem Internet und noch ohne YouTube war es für die meisten Menschen kaum vorstellbar, im Massenmedium vor einem Massenpublikum zu erscheinen. Das trug dem Sender zwischenzeitlich den spöttischen Titel „Hallo TV“ ein. Erst allmählich wagten die ersten Anrufer, sich länger zu äußern, und so kam es auch nach und nach zu den erhofften Diskussionen zwischen den Teilnehmern. Dabei ging es allerdings nicht immer sachlich zu, Beschimpfungen, Nonsens und Streiche waren letztlich häufiger als Debatten über das politische Tagesgeschehen.

Aus gegenwärtiger Sicht ist dabei unübersehbar, dass „Piazza Virtuale“ Interaktionsformen vorweggenommen hat, die heute die Netzkultur prägen. Durch das Programm wurde das Publikum zu einer Virtual Community verbunden. Wer genau hinhört, findet in ihren Gesprächen erste Beispiele für Shitstorms und Trollen, Pranks und Mobbing. Es gab Versuche, das System zu hacken. Und es gab Spiele mit der eigenen Identität – der Missbrauch von Online-Identitäten führt heute immer wieder zu Forderungen nach einer Klarnamenpflicht im Internet.

„Piazza Virtuale“ ist heutzutage größtenteils in Vergessenheit geraten

Van Gogh TV, die Macher des Programms, waren eine bunte Truppe aus Künstlern und Hackern, die seit Ende der 1980er-Jahre in einem Büro in Hamburg an neuen Medienideen arbeiteten. Anders als viele Videokünstler dieser Zeit wollten sie nicht ein neues Medium für ihre Kunst nutzen – sie wollten das Medium selbst zum Kunstwerk machen. Dabei wirkten zahlreiche kunstbegeisterte Techniker und sogar Mitglieder des Chaos Computer Clubs mit und entwickelten eine Reihe von echten Medieninnovationen.

Dazu gehörte unter anderem Software, über die das Publikum mit ihrem Tonwahl-Telefon gemeinsam auf dem Fernsehbildschirm malen oder musizieren konnte. Es gab auch einen sogenannten elektronischen Beichtstuhl, bei dem einzelne Anrufer einem virtuellen Priester ihre Sünden gestehen konnten. In dem Containerstudio in Kassel hing unter der Decke eine Roboterkamera des Hamburger Künstlers Nicolas Anatol Baginsky an Schienen, die von den Zuschauern über die Telefontastatur gesteuert werden konnte und mit der man jeden Winkel der Sendezentrale erforschen konnte. Aber der ganze Stolz war ein komplett digitalisiertes Studio. Während bei öffentlich-rechtlichen Sendern ein Großteil des Programms noch auf analogen Videobändern aufgezeichnet war, kam „Piazza Virtuale“ bereits zum größten Teil von der Festplatte und lief weitgehend automatisiert.

Obwohl „Piazza Virtuale“ zu den wichtigsten Medienexperimenten der vergangenen Jahrzehnte gehörte, ist es heute weitgehend vergessen. Konzepte aus der Sendung fanden sich bei Shows wie „Hugo“ bei Kabel Eins oder auch bei diversen Shopping-Sendern wieder. Aber am wichtigsten ist, dass die Macher mit ihrer Arbeit die Interaktion in einem virtuellen Medienraum vorwegnahmen, die wenige Jahre später durch das Internet gängig wurden. Vor einem Jahr haben die vier Gründer von van-Gogh-TV – Karel Dudesek, Mike Hentz, Salvatore Vanasco und Benjamin Heidersberger – ihr Archiv der Forschung zur Verfügung gestellt. Und es zeigt: Das „Schwarze Loch“ der „Piazza Virtuale“ war schon da, als es soziale Medien und Virtual Reality noch nicht gab, auch wenn sich heute außer ihren Schöpfern fast niemand mehr daran erinnern kann.