Es klingelt an der Tür, das Handy bimmelt, die Waschmaschine piept – unser Alltag ist voller enervierender Piep-Geräusche. An der Supermarktkasse fiept es bei jedem Artikel ebenso schrill wie bei einer eingehenden WhatsApp-Nachricht (wenn man den Signalton aktiviert) oder bei einem Rauchmelder. Im Gegensatz zur visuellen merkt man diese akustische Reizüberflutung schon gar nicht mehr, weil das Piepen in einem allgegenwärtigen Geräuschteppich aus Motoren- und Maschinenlärm untergeht.

Das elektronische Piepen ist älter als das digitale Zeitalter. Als die Sowjetunion im Oktober 1957 den ersten Satelliten Sputnik ins Weltall schoss, sendete das Objekt Pieptöne zur Erde. Der elektronische Piep war geboren und ersetzte nach und nach Warnsignale wie Sirenen, Glocken oder Hupen.

Das Piep-Geräusch ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, er ist so etwas wie das Metronom einer datengetriebenen, nervösen Gesellschaft. Das Phänomen ist inzwischen sogar pathologisch: Mediziner sprechen von einer „Alarm-Fatigue“, einer Alarmmüdigkeit, die auftritt, wenn man zu vielen Alarmsignalen ausgesetzt ist.

Besitzer eines iPhones zuckt zusammen, wenn standardmäßiger Klingelton ertönt 

Der sensorische Overload hat in US-Krankenhäusern bereits zum Tod von Patienten geführt: Das Personal war mit dem Gepiepe der Geräte überfordert und überhörte den lebensentscheidenden Alarm.

Mittlerweile fügen Hersteller ihren Geräten alternative Sounds zu den monotonen Pieptönen hinzu. Die Waschmaschinen von LG spielen beispielsweise beim Start oder der Menüauswahl kleinere Melodien ab – wobei die noch sehr stark an die Nokia-Klingeltöne aus der Anfangszeit der Handys erinnern.

Töne stellen für Marken aber noch viel mehr als Logos eine Möglichkeit dar, einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Audio-Branding, wie Marketing-Strategen sagen, ist ein wichtiges Mittel zur Kundenbindung. Die Nokia-Klingeltöne hat noch jeder im Ohr, der um die Jahrtausendwende ein Handy des damaligen Weltmarktführers aus Finnland besaß. Auch Apple hat markante Töne kreiert: Der Besitzer eines iPhones zuckt jedes Mal zusammen, wenn der standardmäßig eingestellte Klingelton ertönt.

Manchmal verbergen sich hinter Melodien auch prominente Musiker. Die Melodie für Windows 95 („Pling-Pling“) hat kein geringerer als Brian Eno komponiert. Der britische Musikproduzent wurde 1994 von Microsoft kontaktiert, das sein neues Betriebssystem auf dem Markt pushen wollte. Die Aufgabe: einen Minisound schreiben, der „inspirierend, universal, optimistisch, futuristisch, sentimental und emotional“ – und nicht länger als 3,25 Sekunden sein sollte.

Ein so kurzes Musikstück hatte Eno noch nie zuvor komponiert, es wurden insgesamt 84 Stücke. „Ich war am Ende so sensibel für Mikrosekunden, dass es wirklich eine Blockade in meiner Arbeit gab“, erzählte der Produzent einmal in einem Interview mit dem San Francisco Chronicle. Drei Sekunden können manchmal also sehr, sehr lang sein.

Geräuschlosigkeit kann im Straßenverkehr zur Gefahr werden 

Psychologen der Universität Leicester haben 1999 in einem Experiment herausgefunden, dass Supermarktkunden fünfmal so viel französischen Wein wie deutschen Wein kaufen, wenn im Hintergrund französische Musik läuft.

Das menschliche Gehirn ist leicht manipulierbar. Der Neurowissenschaftler Daniel J. Levitin schreibt in seinem Buch „This Is Your Brain on Music“ (2006), dass Musik wie eine Droge auf das Gehirn wirke. Beim Musikhören wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das mit Vertrauen und Zuneigung einhergeht.

Geräuschlosigkeit kann aber auch zu einer Gefahr werden, zum Beispiel im Straßenverkehr. Elektroautos surren befremdlich leise über den Asphalt, sodass man ihr Herannahen erst wenige Meter vorher hört. Seit Anfang Juli muss in Elektroautos daher ein Generator für akustische Warngeräusche eingebaut werden.

Das schreibt eine EU-Verordnung vor. In den Entwicklungslaboren der Automobilbauer tüfteln Ingenieure an dem charakteristischen Sound von Motor und Getriebe. Darauf, dass es auf den Straßen leiser wird, sollte man nicht hoffen. Vermutlich wird sich das Gepiepe durch die zahlreichen Fahrassistenten in Zukunft eher noch verstärken.