Dieses Mal scheint die Sonne über dem Podium. Während sich vor wenigen Jahren die Vertreter der OECD und der Bundesrepublik noch stritten, wenn die neueste Pisa-Studie veröffentlicht wurde, herrscht an diesem Dienstag in Berlin große Einmütigkeit: Deutschland ist in der Bildung auf dem richtigen Weg!

In Zusammenhang mit Pisa sei oft das Wort Schock gebraucht worden, sagte Barbara Ischinger, Direktorin für Bildung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris, die vor mittlerweile zwölf Jahren die erste Pisa-Studie veröffentlichte. Damals lagen die 15-jährigen Schüler mit ihren Leistungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften international unter dem Durchschnitt. Seitdem haben sie sich kontinuierlich verbessert.

„Deutschland hat sich nicht nur schocken, sondern auch wecken lassen“, sagte die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Statt Schock sollte man heute besser „Pisa-Fortschritt“ sagen, brachte es die OECD-Vertreterin Ischinger auf den Punkt. Denn in der am Dienstag veröffentlichten Pisa-Studie 2012 liegen die deutschen Schüler in allen Bereichen deutlich über dem OECD-Mittelwert. In den Naturwissenschaften schafften sie es sogar in die internationale Spitzengruppe, zwischen Kanada und den Niederlanden.

Auch im Lesen rutschten die Deutschen nach vorn. Besonders betrachtet wurde in der jüngsten Erhebung der Bereich Mathematik. Hier wurde der größte Fortschritt bereits zwischen den Jahren 2006 und 2009 erzielt, seitdem hält Deutschland sein Niveau. Im Vergleich zu 2003 hätten sich die Schüler um elf Punkte verbessert, sagte Barbara Ischinger. Das liege vor allem daran, dass die Gruppe der Schwächsten abgenommen habe. Lag der Anteil derer, die nur die einfachsten Mathe-Aufgaben lösen konnten, im Jahre 2003 noch bei 22 Prozent, ist er bis heute auf 18 Prozent geschrumpft. Die Gruppe der leistungsstärksten Schüler sei in der selben Zeit von 13 auf 17 Prozent angewachsen.

Verbesserte Bildungsgerechtigkeit

Auch die Bildungsgerechtigkeit habe sich verbessert. „Im Jahre 2000 war Deutschland das Land mit der größten Bildungsungleichheit in der OECD“, sagte Ischinger. Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungserfolg sei am ausgeprägtesten unter den mehr als 30 beteiligten OECD-Staaten gewesen. Inzwischen entspreche er dem internationalen Durchschnitt.
Das bedeutet: Deutschland fördert inzwischen seine Schüler besser, gleicht die Nachteile besser aus, die Schüler aufgrund ihrer familiären Herkunft haben. Inzwischen schafften es auch mehr Kinder mit Migrationshintergrund aufs Gymnasium. Der Staat habe hier eine Verantwortung übernommen, sagte die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

Gründe für die Verbesserungen sehen die deutschen Bildungspolitiker in den Reformen seit der ersten Pisa-Studie. Stephan Dorgerloh (SPD), der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), betonte vor allem die bundesweit beschlossenen Bildungsstandards, die eingeführten Länder-Vergleichsarbeiten, die Leseförderung, die gezielte Hilfe für Lernschwache sowie das Ganztagschulprogramm.

Die Schwächsten gezielt fördern

Am Programme for International Student Assessment (Pisa) nahmen dieses Mal bundesweit 5000 Schüler teil, stellvertretende für fast 800.000 Jugendliche im Alter von 15 Jahren. Obwohl die Auswahl repräsentativ ist, lassen sich die Bundesländer untereinander nicht vergleichen. Man kann also nicht sehen, wie weit sich zum Beispiel Berlin oder Bremen verbessert haben. Dazu sei die Stichprobe zu klein, wie der Bildungsforscher Manfred Prenzel sagte. Der nationale Pisa-Projektmanager zog dennoch Schlüsse. So müsse man überall die Schwächsten gezielt fördern und den Anteil der Leistungsstärksten ausbauen. Der KMK-Präsident Dorgerloh visiert an der Spitze einen Anteil von weit über 20 Prozent an.

Kritik gab es dennoch. So hob die OECD-Vertreterin Barbara Ischinger hervor, dass vor allem Mädchen mit Mathe noch Schwierigkeiten hätten. So gehöre jeder fünfte Junge zur Leistungsspitze in Mathe, aber nur jedes siebte Mädchen. „Sogar wenn beide Geschlechter die gleichen Ergebnisse haben, sind bei Mädchen die Motivation und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geringer.“ Das sollte Deutschland Kopfzerbrechen bereiten. Hier gebe es ungenutzte Ressourcen. Manfred Prenzel ergänzte, dass man Mathe-Unterrichtsformen finden müsse, die Spaß und Freude machten. So müsse man spielerische Zugänge und die Anwendungsbezogenheit ausbauen.

Eine Art Fazit zog Barbara Ischinger mit Blick auf die nächste Pia-Studie, die 2015 erhoben werden soll: „Deutschland muss sich noch ein Stück bergauf kämpfen, um irgendwann mit dem Kopf über den Wolken zu sein.“