Auf der Weltkarte wird dem Spieler angezeigt, wo die lebensbedrohliche Krankeit sich bereits ausgebreitet hat. 
Foto: Studio Ndemic Creations

Hautausschlag oder doch lieber ein ansteckender Husten? Um solche Entscheidungen geht es in dem Computerspiel „Plaque Inc“. Und mehr noch: Der Spieler hat die Aufgabe, einen tödlichen Erreger zu erschaffen und weiterzuentwickeln, der die Menschheit ausrotten kann, bevor die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft eine Lösung gefunden hat.

Die Krankheit, um die es hier geht, kann über Tiere aus der Massenzucht kommen oder schlicht über Vögel und Insekten übertragen werden. Sie kann bei Kälte gut gedeihen – hat also im dicht besiedelten Europa kein Problem, sich zu verbreiten – und grassiert auch bei Hitze, was für den afrikanischen Kontinent keine gute Nachricht ist.

Spielerische Herausforderung

So medizinisch das alles klingt – bei „Plague Inc“ sind die Spielenden weder Ärzte noch Sanitäter. Im Gegenteil, man spielt die Krankheit. Es geht darum, eine Seuche zu formen, dann möglichst über die Welt zu verbreiten und am Ende die Menschheit auszurotten. Was der Reiz daran ist? Viele Menschen wollen begreifen, wie eine Seuche funktioniert, wie sie entsteht, was die Faktoren einer weltweiten Gesundheitskrise sein können. Und sie können dafür zu einem Videospiel greifen. In China stand „Plague Inc“ plötzlich auf Platz eins der Charts im App-Store, auch bei uns steigen die Download-Zahlen. Ein Kommentar in den sozialen Medien dazu lautete: „Der beste Weg, Angst zu beseitigen, ist es, der Gefahr direkt ins Auge zu sehen.“

Dabei ist das Spiel äußerlich recht simpel – man schaut auf eine Weltkarte, infizierte Gegenden werden rot und röter, Flugzeuge und Schiffe werden mit ihren Passagieren zu Transporteuren der Krankheit. Und irgendwann arbeiten die Menschen am Gegenmittel.

„Wir haben das Spiel so konzipiert, dass es realistisch und informativ ist, ohne ernsthafte Probleme der realen Welt zu verharmlosen. Dies wurde von der US-Gesundheitsbehörde und anderen führenden medizinischen Organisationen auf der ganzen Welt anerkannt“, sagte James Vaughan, Erfinder des Computerspiels der Webseite Gamespot.

„Plague Inc.

Das Spiel: „Plague Inc.“ ist in Großbritannien entwickelt und im Mai 2012 veröffentlicht worden. Es geht darum, die Menschheit mit einer unheilbaren Krankheit anzustecken. Das Spiel ist für iOS- und Android-Geräte geeignet.
Die Warnung: Die Entwickler des Spiels vom Studio Ndemic Creations wollten lieber auf Nummer sicher gehen und warnten die Spieler, dass der Ausbruch des Coronavirus eine reale Bedrohung sei, nicht nur eine spielerische Herausforderung.
Die Alternativen: Computerspiele, die sich mit dem Thema „Seuchen“ beschäftigen, gibt es seit den Kinderjahren der Gaming-Szene. „Epidemic!“, das erste, erschien Mitte der 80er-Jahre, später kamen „Pandemic“ und „Outbreak“ dazu.

Seuchen-Games gab es seit den Kinderjahren der Computerspiele immer wieder mal. „Epidemic!“, das erste, erschien Mitte der 80er-Jahre, später kamen „Pandemic“, „Outbreak“ und andere dazu. Einfach aussehende Games, meist von kleinen Teams entwickelt.

Und genau so eins ist der Welterfolg „Plague Inc“ nun eigentlich auch. Vaughan, der als Programmierer in Bristol lebt, wollte einfach auch mal ein Game schreiben. Es wurde sofort ein Erfolg und erhielt etliche Preise. Und immer, wenn Epidemien es in die Nachrichten schaffen, steigen die Downloadzahlen des Spiels stark an. Als im Jahr 2014 die Ebola-Krankeit in Westafrika ausbrach, luden sich in weniger als einem Monat eine Million Menschen das Spiel herunter. Die Entwickler nutzten diesen Schwung und sammelten mehr als 70.000 US-Dollar an Spenden bei ihren Kunden ein.

Nun ist es wieder soweit. Das Spiel wurde schon 120 Millionen Mal geladen, eine Brettspiel-Version verkaufte sich immerhin 35.000 Mal. Ein Text im Branchen-Fachmagazin Wired hatte unlängst die Überschrift: „Wie man reich wird, indem man den Tod von Milliarden Menschen simuliert.“

Widerstand der Gesellschaft

Das war etwas ungerecht. Denn vor allem simuliert das Spiel, wie komplex ein Vorgang wie eine Epidemie (örtlich begrenzt) oder womöglich Pandemie (weltweit) eigentlich ist. Zwar ist der Gedanke, dass man die Verbreitung einer Seuche aktiv beeinflussen will, weil es das Ziel des Spiels ist, die Menschheit zu vernichten, – zugegeben – etwas befremdlich. Das Spielen fühlt sich auch wirklich etwas unschön an, so packend es auch ist. Die Verstörung kann aber ein ästhetisches Mittel sein und sie funktioniert. Spielt man länger und probiert verschiedene Varianten aus, stellt sich vor allem ein Gefühl dafür ein, wie schwer es ist, die Menschheit zu besiegen.

Man verliert sozusagen gern – wer will schon die ganze Welt vernichten. Aber man verliert eben auch meistens. Damit ist das Game auch ein schönes Mittel gegen Panikmache. Und der Gemeinschaft im Netz gefällt das. „Das Corona-Virus ist so, als würde Gott gerade Plaque Inc. spielen“, schrieb eine Gamerin bei Twitter. Die Entwickler von Ndemic Creations wollten lieber auf Nummer sicher gehen und warnten die Spieler, dass der Ausbruch des Corona-Virus eine reale Bedrohung sei, nicht nur eine spielerische Herausforderung.