Berlin - Transparente Zahnspangen liegen im Trend: Sie sollen für gerade Zähne sorgen und dabei kaum sichtbar sein. Neben dem Start-up Dr. Smile ist auch PlusDental ganz vorne im Markt der transparenten Zahnschienen, den sogenannten Alignern, dabei. In das Berliner Start-up haben Investoren zuletzt Millionenbeträge investiert, darunter auch Fußballstar Mario Götze. PlusDental-Geschäftsführerin Eva-Maria Meijnen erzählt im Interview, warum die Nachfrage nach transparenten Zahnschienen in der Pandemie stark gestiegen ist, wie PlusDental das erste deutsche frauengeführte Milliarden-Start-up werden könnte und warum ihr bereits Femwashing vorgeworfen wurde. 

Berliner Zeitung: Frau Meijnen, Ihr Unternehmen ist seit der Gründung 2017 stark gewachsen. Warum sind die transparenten Zahnschienen so erfolgreich?

Eva-Maria Meijnen: Die Schienen waren bis vor drei Jahren in Deutschland noch gar nicht richtig bekannt. Zwar haben einige Kieferorthopäden Aligner-Behandlungen angeboten, die waren dann aber auch sehr teuer. Wir wollten die Behandlung zugänglich und bezahlbar machen und die Menschen scheinen darauf gewartet zu haben. Niemand zeigt sich gerne mit einer Zahnspange, und mit den transparenten Zahnschienen kann man diskret die Zähne korrigieren lassen. 

PlusDental setzt dabei auf Telemedizin. Wie kann man sich so eine Behandlung vorstellen?

Die Patienten müssen in der Regel nur einmal zu einem unserer niedergelassenen Zahnärzte gehen, um einen 3D-Scan und Fotos ihrer Zähne anfertigen zu lassen. Neben den Behandlungsplänen werden anschließend die Zahnschienen in unserem Berliner Labor von unseren 60 Zahntechnikern mit einem innovativen 3D-Druckverfahren  hergestellt. Die Schienen für die gesamte Behandlung werden dann in einer Box nach Hause geliefert. Im zweiwöchigen Rhythmus werden die Schienen gewechselt, jeden Tag soll man sie 22 Stunden lang tragen. Zwischendurch sollen die Patienten Fotos von ihren Zähnen machen, damit die Ärzte die Behandlung aus der Ferne bewerten können. Bis auf den Scan läuft also alles digital ab und die Patienten werden nur bei Bedarf noch einmal in die Praxis einbestellt.

Kann eine Telemedizin-Behandlung tatsächlich eine herkömmliche Behandlung beim Kieferorthopäden ersetzen? Es gab auch Kritik an der Methode.

Es geht hier nicht darum, dass das eine das andere ersetzt, sondern darum, Prozesse dort zu digitalisieren, wo es angebracht und sinnvoll ist. Wir sehen in der Digitalisierung und dem Einsatz modernster Technik enorme Chancen für die Zahnmedizin: Behandlungen können so weiterentwickelt und kosteneffizienter einer breiteren Zielgruppe angeboten werden. Die Kritik an unserem Modell kann ich nicht nachvollziehen. Wir arbeiten mit approbierten Zahnärzten zusammen, die die Behandlung von Anfang bis Ende begleiten und wir verstehen uns als Digitalisierungspartner für unsere Zahnärzte. Deutschlandweit haben wir 100 Partnerpraxen und bei PlusDental selbst beschäftigen wir fast 100 Zahnärzte, Kieferorthopäden und Zahntechniker, die höchste medizinische Standards sicherstellen.

Und warum ist die Nachfrage nach den Zahnschienen gerade in der Pandemie so stark gestiegen ?

Corona hat gezeigt, dass vieles digital möglich ist und das hat vielleicht auch die Skeptiker überzeugt, gerade in Hinblick auf Telemedizin. Corona hat uns bewiesen, dass man größer denken kann und es ein Vorteil für die Menschen und das Gesundheitssystem ist, von diesen digitalen Lösungen Gebrauch zu machen. Ich denke, dass Corona Dinge nachhaltig verändern wird. Wir merken das auch an unserem Unternehmen. Wir hatten schon immer eine kulante Homeoffice-Politik, aber dass das ganze Team verpflichtend im Homeoffice ist und es funktioniert, konnte sich vor anderthalb Jahren auch keiner vorstellen. 

Sie haben in einem Statement gesagt, dass PlusDental bis 2022 ein Unicorn in Deutschland werden soll, also ein Unternehmen mit einer Marktbewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Sind Sie davon noch immer überzeugt?

Wie gesagt: Wir sind in den vergangenen zwölf Monaten enorm gewachsen. Die Entwicklung ist noch längst nicht zu Ende. Ich bin mir sicher, dass wir die herkömmlichen kieferorthopädischen Methoden sinnvoll ergänzen können. Ob Unicorn oder nicht: Es geht darum, dass wir vorhaben, ein großartiges Unternehmen aufzubauen. Wir sind bereits in acht europäischen Ländern vertreten und wollen expandieren, wir haben mehr als 400 Mitarbeiter. Und dabei alles Made in Berlin, das kommt gut an, und das werden wird weiter vorantreiben.

Sie haben auch gesagt, dass PlusDental das erste frauengeführte Unicorn Deutschlands werden könnte. Stimmt das?

Ja, als mir ein Freund das erzählt hat, konnte ich es selbst kaum glauben. Ich habe das dann recherchiert, und tatsächlich gibt es kein einziges deutsches Unicorn, das von einer Frau geführt wird. Das ist sehr erschreckend. Es ist doch schade: Wir sind 50 Prozent der Gesellschaft, dann sollten wir auch zu 50 Prozent der verantwortungsvollen Positionen besetzen: in der Politik, in der Unternehmensgründung, in Vorständen. Es gründen viel weniger Frauen, und meistens bleiben Firmen, die von Frauen gegründet werden, klein. 

Für Ihre Aussage des ersten frauengeführten Unicorns wurden sie stark kritisiert, weil zwei Männer ebenfalls in der Geschäftsführung sitzen. Verstehen Sie die Kritik?

Ich fand es total okay, dass sich Leute kritisch dazu äußern. Für mich wurde allerdings die Grenze überschritten, als der Begriff „Femwashing“ fiel. Das hat mich emotional getriggert. 

„Femwashing“?

Ich kannte den Begriff vorher auch nicht. Femwashing bedeutet, dass Feminismus zum Marketinginstrument wird. Der Begriff hat für mich suggeriert, dass ich nicht wirklich diese Firma führe, sondern meine Rolle als PR-Gag abgetan wird. Das hat mich geärgert.

Verständlich. Aber neben Ihnen gibt es eben auch die zwei weiteren Geschäftsführer.

Ja, wir sind zu dritt. Dennoch beanspruche ich für mich, dass dieses Unternehmen von mir maßgeblich mitgestaltet wird. Ich färbe mit meinem Charakter, meinen Werten und meinem Führungsstil sehr aktiv ein und trage die Verantwortung für mehr als 65 Prozent unserer mittlerweile 450 Mitarbeiter. Ich möchte alle (insbesondere Frauen) ermutigen, die Verantwortung übernehmen und neue Firmen aufbauen wollen. Wir können uns auch gerne auf „mitgeführt“ einigen, wenn das weniger polarisiert. Für mich ist das nicht so relevant. Es gibt kein deutsches Unicorn, das von einer Frau geführt oder mitgeführt wird. Ich hoffe, dass sich das bald ändert.

Gab es denn in Ihrer Karriere viele Hürden auf dem Weg nach oben?

Ich war im Studium und bei der Arbeit oft die einzige Frau am Tisch. Ich musste mir schon das ein oder andere anhören. Als ich zum Beispiel als Managerin bei Porsche Consulting angefangen habe, hat mir ein Kollege am ersten Tag gesagt: „Frauen bei Porsche Consulting, da glaube ich nicht dran, da wirst du auf keinen Fall lange sein.“ Da hatte er unrecht. Heute gibt es in dem Bereich viele tolle Frauen. Er hat es auch nicht böse gemeint, er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die Kunden das akzeptieren würden. Auch wenn ich einen Raum mit zwölf männlichen Workshopteilnehmern betreten habe, fiel dem ein oder anderen schon die Kinnlade herunter. Ein Teilnehmer meinte sogar zu mir: „Da schickt uns Porsche Consulting also eine Praktikantin.“

Eva-Maria Meijnen mit einer Zahnschiene in der Hand. 
Zur Person

Eva-Maria Meijnen ist seit 2019 Co-CEO des Berliner Start-ups PlusDental. Zuvor arbeitete die 41-Jährige gut 14 Jahre lang in der Welt der Dax-Konzerne, unter anderem als Managerin bei Porsche Consulting, dem Industriekonzern Siemens und dem Luftfahrtunternehmen MTU. PlusDental gehört neben Biontech und Curevac zu den Top 4 der am besten finanzierten Med-Tech-Start-ups in Deutschland.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Da kann man nur die Zähne zusammenbeißen und sagen: Jetzt geht es an die Arbeit, und man kann dann mit Leistung überzeugen. Und das habe ich auch. Das ist jetzt auch schon zehn Jahre her, und es hat sich einiges verbessert. Am Anfang meiner Karriere wurde mir oft gesagt: „Ach, das ist jetzt unsere Quotenfrau.“ Der Begriff Quotenfrau störte mich. Er vermittelte mir, dass ich nicht dazugehöre. Heute denke ich anders darüber.

Inwiefern? 

Nach meinem Studium habe ich gedacht: Quoten braucht doch keiner, aber da dachte ich eben auch, dass Frauen die gleichen Chancen wie Männer haben und sich Talent unabhängig vom Geschlecht durchsetzen wird. Mittlerweile bin ich großer Fan von der Quote und eigentlich ist es mir auch egal, wie wir es schaffen, dass wir mehr Parität in den Führungsebenen ermöglichen. Viele Unternehmen haben die Einstellung, dass man sowieso nichts ändern kann. Aber mit dieser Einstellung können wir es in den nächsten zehn Jahren nicht schaffen. Natürlich wäre es schöner, wenn es auch ohne Quote gehen würde. Aber das tut es nicht. Also: Ja, ich bin eine starke Befürworterin der Quote. 

Wie finden Sie es eigentlich, dass ich das Interview von dem eigentlichen Produkt, den Zahnschienen, auf Sie als Frau lenke? Männer würde man ja eher nicht fragen, wie sie es an die Spitze geschafft haben. 

Es stört mich nicht. Sowohl die Zahnschiene als auch meine Erfahrungen als Frau in dieser Branche sind beides Herzensthemen. Das eine ist das Produkt, für das ich brenne, und das andere ist eben, dass ich auch Vorbild in der Gesellschaft sein möchte. Vielleicht lesen dieses Interview ja junge Frauen, und ich kann sie anspornen und ihnen Mut machen. Traut euch, denkt größer, habt den Anspruch. Es ist nicht großspurig, wenn man eine große Vision hat. Nur wenn man sich Ziele setzt, kann man sie auch erreichen. Nach meinem Studium vor 15 Jahren dachte ich: Uns Frauen steht die Welt offen. Ich habe so viel Talent gesehen und dachte, dass sich das doch durchsetzen muss. Wenn man 15 Jahre später draufschaut, merkt man: An der Spitze, wo Entscheidungen getroffen werden, ist noch nicht genug passiert.

Woran liegt das?

Es ist eine Bandbreite an Ursachen. Wir haben noch nicht alle Stellschrauben so gestellt, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten wie Männer haben. Wir müssen mehr junge Frauen fördern, Vorbilder kreieren. Einer der wichtigsten Punkte ist die gleichmäßige Verteilung in den Familienaufgaben. Ich habe großes Glück, da mein Mann 50 Prozent der Arbeit übernimmt und mir so den Rücken freihält und mir ermöglicht, meine Karriere zu machen. In meinem Bekanntenkreis bin ich damit fast die Ausnahme – das ist problematisch. 

Versuchen Sie bei PlusDental, Frauen zu fördern?

Ja, ich bin da auch sehr stolz auf unser Unternehmen. Wir haben 50 Prozent Frauen in der Belegschaft und in den Führungspositionen. Außerdem arbeiten bei uns im Team 50 verschiedene Nationen. Mir ist Frauenförderung sehr wichtig. Wir helfen bei der Suche nach der Kinderbetreuung, gehen auf die Frauen zu. Medien fragen ja oft, ob Frauen die Karriere und die Familie vereinbaren können. Mich ärgert die Frage. Einer meiner Kollegen ist gerade Vater geworden. Keiner fragt, wie er das regelt, wenn das Kind krank ist, oder wie er es organisiert, wenn die Kita drei Wochen zu hat. Das zeigt wieder, dass Veränderungen im Kopf passieren müssen. 

Welche Ziele wollen Sie mit PlusDental auf jeden Fall noch erreichen?

Wir entwickeln die Schienen natürlich immer weiter. Wir wollen wachsen, die Marke aufbauen und uns im Dentalmarkt europaweit behaupten. Auch das Thema künstlicher Zahnersatz würden wir gerne angehen. Mein Vater hatte vor ein paar Jahren ein Angebot, weil er einen umfangreichen Zahnersatz benötigte. Er sollte 25.000 Euro zahlen, ich bin da fast vom Stuhl gefallen. Mit moderner Technik und digitalen Abläufen kann man zu günstigeren Konditionen eine Behandlung anbieten. Das ist auf jeden Fall ein spannendes Thema, das wir noch angehen wollen. Und wir wollen auch weiterhin als Unternehmen Vorbild sein, nicht nur was die Diversität und Frauenförderung angeht. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Seit Ende 2020 produzieren wir CO2-neutral, kompensieren unsere Emissionen und haben eine Vielzahl von Initiativen gestartet, um unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren

Haben Sie Ihren Wechsel von Dax-Konzernen zum Start-up jemals bereut?

Nein. Ich hatte Lust darauf, etwas Eigenes mit aufzubauen und ein Start-up zum Wachsen zu bringen. Unser Ziel ist es, die Zahnmedizin zu revolutionieren, und ich denke, wir sind auf einem guten Weg dorthin. 

Das Gespräch führte Elena Matera.