Die Sonne verschwindet im Winter für Monate, die Temperaturen fallen unter minus 40 Grad Celsius, Winde und Strömungen türmen Eisschollen zu Barrieren, niemand weiß, ob dort Schiffe fahren können.

Irgendwo in dieser menschenfeindlichen, weitgehend unerforschten Welt aus Wasser und Eis im kanadisch-arktischen Archipel, einem Labyrinth aus Inseln, Landzungen und Felsküsten, gibt es einen Seeweg, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet.

Die britische Admiralität gibt im Februar 1845 Konteradmiral und Polarforscher Sir John Franklin die Order, an Grönland vorbei durch die Baffin Bay zu fahren, durch die Bering-Straße zu steuern und die „Nordwestpassage“ zu finden, nach der wagemutige Seeleute seit Jahrhunderten suchen.

Proviant für drei Jahre

Trotz aller Unwegsamkeiten sind alle Verantwortlichen überzeugt, dass die Expedition gelingen wird. Sir Franklin bekommt die eistauglichsten Schiffe seiner Zeit: die „HMS Erebus“ und die „HMS Terror“, zwei umgerüstete Kriegsschiffe, jedes ausgestattet mit einem kupfer- und eisenverstärkten Bug, der den hölzernen Rumpf schützen soll, und einer Dampfmaschine mit 25 PS Leistung, die eine Schiffsschraube antreibt, beide besetzt mit 134 Männern und beladen mit Proviant für exakt 1092 Tage, also drei Jahre.  

Franklins Schiffe stechen am 19. Mai 1845 von London aus in See. In der Discobucht vor der Westküste Grönlands teilen sie sich die Vorräte eines sie begleitenden Versorgungsschiffs, das daraufhin nach England zurückkehrt, mit fünf Expeditionsmitgliedern, die die Reise nicht fortsetzen können. Die beiden Dreimaster nehmen Kurs Richtung Norden, in den Lancaster Sound.

Irgendwo in dieser menschenfeindlichen, weitgehend unerforschten Welt aus Wasser und Eis verschwindet die John-Franklin-Expedition.

Das Schicksal von Franklin und seinen Männern beschäftigt Forscher noch heute. Was wir darüber wissen, hat das National Maritime Museum in London gesammelt und jüngst in einer Ausstellung gezeigt.

Die Expedition verläuft zunächst gut. Franklin stößt bis 77 Grad nördlicher Breite vor. Auftürmendes Packeis stoppt ihn. Er dreht nach Süden um, umrundet Cornwallis Island und überwintert vor Devon Island auf Beechey Island.  

Als das Eis 1846 taut, lässt Franklin Kurs Südwest setzen, Richtung King William’s Land (heute: King William Island). Er geht, wie damals alle Seefahrer, irrtümlich davon aus, dass  dessen Osten mit dem Festland verbunden ist. Also fährt er die Westküste entlang, direkt ins Eis, das sich dort in den schmalen fahrbaren Rinnen schon im Spätsommer bildet. Der Weg entlang der Ostküste, die erst 1854 entdeckt wird, ist im Sommer meist eisfrei.

Eine Insel mit drei Gräbern

Die „Erebus“ und die „Terror“ fahren sich im September 1846 vor der Nordwestküste von King William Island im Packeis fest. Der Sommer 1847 ist so eisig, dass die Schiffe nicht freikommen. Im April 1848 geben die Männer sie auf und versuchen, einen Außenposten der Hudson’s Bay Company zu erreichen.

Die britische Admiralität lässt da bereits nach der Franklin-Expedition suchen. Drei Mannschaften sind unterwegs; weitere folgen, einige auf Initiative von Lady Franklin, und weitere bis in die jüngste Gegenwart.

Im August 1850 finden sich erste Spuren der Expedition: auf Devon Island Kleiderfetzen und Konservendosen, auf Beechey Island drei Gräber.

Überlebende essen Tote

Der Arktisforscher und Arzt John Rae stößt 1854 in Pelly Bay auf Boothia, der nördlichsten Halbinsel Kanadas, auf Inuit; sie erzählen von einer Gruppe „Kablounans“ (Weißer), die „in einiger Entfernung westwärts“ verhungert sei, und dass sie verstümmelte Leichen gefunden hätten. Rae glaubt, „dass unsere unglücklichen Landsleute sich zum Äußersten gezwungen sahen: Kannibalismus“.

Dass dem so war, haben Wissenschaftler inzwischen bestätigt. Sie analysierten 35 Knochen, die von Männern der Franklin-Expedition stammen. Demnach haben Überlebende nicht nur das Fleisch ihrer gestorbenen Kameraden gegessen, sondern auch das Mark aus den Knochen gesaugt.

Nachricht aus dem Jenseits

Eine Suchmannschaft entdeckt im Mai 1859 an der Westküste von King William Island ein Steinmal. Schiffsöfen, Ruder, Segeltuch, Schaufeln, Eispickel, Kleidungsstücke liegen umher. Die größte Überraschung liegt unter den Steinen: ein Schriftstück.

Zwei Nachrichten enthält es. Die erste berichtet über den Verlauf der Expedition bis Ende Mai 1847, die zweite, auf den Rand des Papiers gekritzelt, über die Katastrophe danach: „25. April 1848 – HMS ,Terror’ und ,Erebus’ wurden am 22. April 1848 fünf Meilen NNW von diesem Platz entfernt aufgegeben, im Eis eingeschlossen seit dem 12. September 1846. Offiziere und Mannschaften, insgesamt 105 Seelen, unter dem Kommando von Kapitän F. R. M. Crozier, gingen hier an Land. Sir John Franklin starb am 11. Juni 1847, und der gesamte Verlust der Expedition durch Tod beträgt bis jetzt neun Offiziere und 15 Männer. Brechen morgen, 26., in Richtung Backs Fish River auf.“

Die Männer marschieren in ihren Tod.

Forscher haben lange gerätselt, warum niemand überlebte, gab es doch noch reichlich Lebensmittel. Erste Analysen machten eine Bleivergiftung durch Konserven verantwortlich. Hohe Konzentrationen des Schwermetalls fanden sich in den Haaren mehrerer Leichen.

Jüngste Analysen lassen darauf schließen, dass die Männer  (auch) unter extremem Zinkmangel litten. Zink stützt, wie Vitamin C, die Abwehrkräfte. Das Immunsystem war schließlich so geschwächt, dass der Tod leichtes Spiel hatte.

Das Wrack der „Erebus“, Franklins Flaggschiff, wurde 2014 entdeckt, das der „Terror“ 2016. Der Dreimaster liegt 24 Meter tief in einer Bucht von King William Islands. Es heißt, er sei so gut erhalten, dass er, wenn man ihn heben und das Eiswasser abpumpen würde, schwimmfähig wäre.

Irgendwo in dieser Welt aus Wasser und Eis dürften noch mehr Relikte der Expedition verborgen sein.