Revolverheld als Band vereint, so war das noch vor einem Jahr beim Auftritt in der Olympiahalle in München.
Foto: imago images/Stefan M. Prager

Berlin Weiterhin verlegen die meisten Menschen ihr Tun ins Internet und pendeln zwischen Schreckensnews-Updates, Bierabenden mit Freunden auf Zoom, bei denen nur über die Coronakrise geredet wird, und dem, was herkömmliche Kultur ersetzt – zum Beispiel Instagram-Konzerte.

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Zigtausend Insta-Herzen

So auch am Sonntag, als die zweite Ausgabe des „#wirbleibenzuhause“-Festivals stattfand. Nahmen beim ersten Mal dieser von Sony-Music angeregten Veranstaltung eine Woche zuvor noch acht Künstler teil, die je eine halbe Stunde spielten, konnte man diesmal zehn Stunden lang einige dieser acht, aber auch zahlreiche andere Singer-Songwriter beobachten. Da sich die meisten Teilnehmenden – unter anderem Max Giesinger, Lotte, LEA, Johannes Oerding, Clueso – einer Spielart zuordnen lassen, die ich mal als alltagsemotionales Popakademie-Crooning bezeichnen würde, wurden es im Großen und Ganzen zehn recht monothematische Stunden: viel Liedgut über Liebe, Gemeinschaft und Ausbrechen-Wollen, dazu viele Zigtausend Insta-Herzen, die wie Heliumballons übers Interface glitten.

Aus dem einheitlichen Entfremdungssound stachen aber dennoch zahlreiche Momente heraus; lobend erwähnt sei etwa der Auftritt des Erfurter Sympathieträgers Clueso, der seit jeher seine Stimme mit weniger Deutsch-Soul-Gepresse belegt als viele der anderen Acts – und der überdies seinen Mitmusiker Antonio Lucacio eingeladen hatte.

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Revolverheld experimentiert

Lucacio belegte in 150 Zentimeter Sicherheitsabstand zu seinem Arbeitgeber etwa den Clueso-Hit „Weil ich dich liebe“ mit Saxofoneinsätzen, die in ihren zärtlicheren Anfangsfiguren entfernt an die allseits beliebte „Ethiopique“-Serie erinnert und in einem fulminanten Sologegniedel mündete.

Des Weiteren tranken Clueso und sein Mitstreiter Rotwein – wie auch später am Abend Johannes Strate, der Sänger der Hamburger Band Revolverheld. Strate erhielt gegen Ende seiner Darbietung überdies Unterstützung vom Rest seiner Band, deren Mitglieder sich je einzeln ihren Part spielend aufgezeichnet hatten, was nun als synchronisiertes Videokonferenz-Playback im Hintergrund lief – in diese Richtung werden wir in den kommenden Wochen gewiss noch so manche Innovation an der Schnittstelle von produzierter Performance und Spontanität erleben.

Joahnnes Strate ließ sich im Hintergrund von seiner Band begleiten.
Foto: Instagram

Ein Hauch Alltagsesoterik

Apropos Spontanität: Die Sängerin LEA beschrieb, wie sie bei Konzerten im von ihr auch auf Instagram dargebotenen Stück „Applaus“ am Ende immer ganz doll schreie! Leider tat sie es hier nicht – und natürlich fehlte auch der Applaus.

In Ermangelung sicht- und hörbaren Publikums haben mir auch wieder einmal die gelegentlichen Einblicke in den Inneneinrichtungsgeschmack unserer Musikkünstler gut gefallen; schön, dass etwa die ursprünglich aus der Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ bekannte Sängerin und Musikern Janette Biedermann mitsamt ihrem Gitarre spielenden Gatten in, nun ja, leicht biederem, aber auch mit einem Hauch Alltagsesoterik behafteten Setting auftrat – und darin wohl auch lebt!

Weniger authentisch

Beim Stream von Johannes Oerding war der Sound übrigends besonders schlecht; mithin klang der in Hamburg lebende Münsteraner wie eine von einem besonders konzeptuell denkenden Elektronik-Produzenten erstellte Remix-Version seiner selbst. Was Oerding und einige seiner ähnlich auf Total-nett-und-geerdet-Rüberkommen spezialisierten Instagram-Mitstreiter schon in der Zeit vor Corona bei Live-Auftritten kaum vermochten, irgendeine Form von Authentizität zu vermitteln, gelang auch diesmal nicht, denn je geerdeter und unprätentiöser Popmusiker sich präsentieren, desto weniger authentisch wirken sie. Wie alle Kunstformen lebt der Pop primär von Verkleidung und Projektion, vom Spiel mit imaginären Identitäten.

Zusammengefasst: So richtige Konzertatmosphäre, wie wir sie kennen, stellt sich in den aktuellen Onlineformaten nicht ein, auch wenn bis zu 40.000 Menschen dabei sind, wie am Sonntagabend. Ich habe mal ein- und dann wieder abgeschaltet. Auch das Gefühl, den Künstlern näher zu sein als in einem Konzert, stellte sich nicht ein. Aber: Das geschieht bei herkömmlichen Live-Aufnahmen in der Regel auch nicht. Physische Nähe ist medial schwer replizierbar.