Er ist verantwortlich für die klügste Nacht des Jahres: Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität (FU) Berlin, hat in diesem Jahr den Vorsitz für die Lange Nacht der Wissenschaften (LNDW) inne. Der Literaturwissenschaftler ist überzeugt, dass selbst in digitalen Zeiten nichts einen Besuch auf dem Campus ersetzen kann.

Auf welche Veranstaltung freuen Sie sich am meisten?

Ich bin sehr neugierig auf das Memory-Quiz unseres Dahlem Humanities Center. Es steht für die international herausragenden Geisteswissenschaften der Freien Universität in ihrem breiten Spektrum von den Literaturwissenschaften bis zur Archäologie.

Wie würden Sie Menschen für die Lange Nacht begeistern, die dort noch nie waren?

Zunächst einmal sollte man sich von der Idee verabschieden, dass dort alles mit Arbeit und mit Prüfungen zu tun hat, streng oder vielleicht sogar elitär ist. Die Lange Nacht ist sinnlich, anschaulich und unterhaltsam. Deswegen lohnt sich der Besuch auch für Kinder. Wir bieten ein Programm, durch das man sich wunderbar treiben lassen kann – ohne dass man Angst haben müsste, überfordert zu werden.

Und warum würde sich ein Besuch vor Ort auch für diejenigen lohnen, die eher im Digitalen zu Hause sind?

Ich glaube, die Expansion der virtuellen Welt führt dazu, dass die reale Welt wieder an Bedeutung gewinnt. Wenn man sich anschaut, dass es viele Universitätsangebote online gibt, ist im Kontrast dazu eine wirkliche Hochschule mit Lehrenden, mit Experimentierenden, mit Vortragenden etwas ganz Besonderes. Die Anschaulichkeit dessen, was man sieht und hört, ist einfach größer als im digitalen Raum.

Also sind Universitäten in der Realität unersetzbar?

Ja, das sind sie. Wir werden wahrscheinlich in 20 Jahren einige Universitäten haben, die ihr Angebot nur noch online zur Verfügung stellen. Meine Hypothese war aber immer, dass die besten Universitäten der Welt ihren Unterricht weiterhin im Präsenzmodus betreiben, so dass man Lehrenden von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt.

Warum sind echte Lehrende so viel besser als eine Online-Vorlesung?

Ich glaube, dass es einen ganz großen Unterschied macht, ob ich mir Vorlesungen zu Hause am Schreibtisch ansehe oder ob ich mich auf einen Campus einlasse. Universitäten sind schon im Mittelalter ganz besondere Orte gewesen. Sie entstanden meist in ländlicher Umgebung wie die beiden großen Universitäten Oxford und Cambridge. Das schuf eine Lebensgemeinschaft von Lehre, Forschung und Alltag. Auch heute ist es etwas ganz Besonderes, in einer Gruppe zu studieren und zu forschen.

Aber ist nicht auch viel von dem Freiraum auf den Campi in den vergangenen Jahren verloren gegangen?

Das glaube ich nicht. Ich bin nicht unbedingt ein Befürworter aller Maßnahmen des Bologna-Prozesses und finde, dass die Tendenz zur Verschulung anfangs zu massiv war. Aber auch unsere heutigen Universitäten sind noch Orte, an denen das Gespräch eine wichtige Rolle spielt – das ist heute so wie vor 50 oder 500 Jahren. Gehen Sie mal über die Campi der Welt, dann sehen Sie Menschen, die miteinander diskutieren und eben nicht nur telefonieren. Es gibt immer noch die kleinen klassischen Gruppen, die beim Kaffee zusammensitzen und zum Beispiel über ein mathematisches Problem debattieren. Diese Möglichkeit, sich über Wissenschaftliches auszutauschen, macht eine Universität auch noch im 21. Jahrhundert aus.

Die LNDW stellt sich nach den Entwicklungen der vergangenen Monate auch die Frage, wie Wissenschaft trotz Faktenverleumdung gestärkt werden kann. Was denken Sie?

Das kann nicht dadurch gelingen, dass wir sagen: Hier sind die Lügen und da sind die Fakten. So einfach ist das nicht. Wir wissen, dass unsere Welt komplex ist. Die Wissenschaft zeigt, welche Möglichkeiten bestehen, ein Problem zu lösen. Sie eröffnet verschiedene Perspektiven und divergierende Wege, auf denen wir zum Ziel kommen können. Damit verleiht sie uns die Fähigkeit, ein eigenes Urteil zu bilden. Das ist manchmal unbequem, weil die Wissenschaft nicht sagt: Hier liegt der Königsweg zur Krebstherapie, und das ist die einzige Lösung zur Bewältigung der Klimasituation. Manche Menschen halten das nicht aus und leiden unter der Zumutung, die es bedeuten kann, sich zwischen mehreren Deutungsangeboten entscheiden zu müssen. Aber die Wissenschaft dokumentiert eben, wie wichtig es ist, die Welt differenziert zu sehen.

Wie schätzen Sie die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein? Hakt es da?

Man könnte eigentlich sagen: Es ist alles besser denn je. Wir haben in den Universitäten Pressestellen geschaffen und wir vermitteln der Öffentlichkeit umfänglicher als je zuvor die Ergebnisse unserer Arbeit. So erfahren die Menschen sehr viel über Wissenschaft. Aber, und hier liegt das Problem: Das erleichtert ihnen nicht die Orientierung. Die wissenschaftliche Haltung vermittelt vielfältige Ambivalenzen und keine einfachen Glaubenssätze. Wissenschaftlich informierte Menschen gehen davon aus, dass sich Erkenntnisse immer wieder ändern und dass auch vermeintlich klare Fakten der Deutung bedürfen. Wir sollten uns verstärkt bemühen, nicht nur Ergebnisse zu vermitteln, sondern der Öffentlichkeit zu erklären, worin eine wissenschaftliche Haltung besteht. Denn diese Haltung ist es, die durch Offenheit, Skepsis und Kritikfähigkeit zu einer demokratischen Gesellschaft passt.

Die FU ist historisch eng mit den USA verbunden. Hat sich seit der Präsidentschaft von Donald Trump etwas daran geändert?

Es gab US-Präsidenten, die der Freien Universität durch ihre eigenen Werte näherstanden. Aber ich glaube nicht, dass das Verhältnis zu den USA dadurch gelitten hat, dass eine knappe Mehrheit diesen Präsidenten gewählt hat. Wir tauschen uns nach wie vor intensiv mit den US-Kollegen aus. Im Alltag spüren wir noch keine Konsequenzen. Allerdings wird die Einreise für Nicht-US-Bürger, die in Amerika forschen, schwieriger. Ein Fellow des Wissenschaftskollegs hat seinen Forschungsaufenthalt abgebrochen, weil er fürchtete, als Nicht-Amerikaner nach Trumps Gesetz an der Rückkehr in die USA gehindert zu werden. Das zeigt, dass die Politik in die Wissenschaft hineinwirkt, und das können wir nicht ignorieren.

Finden Sie es wichtig, dass sich Forscher in den letzten Wochen öffentlich dagegen positioniert haben?

Dass die Wissenschaft sich wieder stärker als gesellschaftliche Kraft begreift, ist sinnvoll. Das war schon einmal in den 60er- und 70er-Jahren so. Damals wollten junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Beitrag leisten, um Missstände zu beheben und die Welt zu verändern. Zuletzt hatte man oft den Eindruck, dass der Nachwuchs allein auf seine Karriere schaut – das kann ich prinzipiell verstehen, ich war auch ehrgeizig. Ich freue mich aber auch, dass sich die Situation zu ändern beginnt und die Wissenschaft sich wieder auf ihre soziale Mission besinnt.

Die FU ist am Einstein Center Digital Future und dem Deutschen Internet-Institut beteiligt. Denken Sie, dass Berlin zum digitalen Hotspot wird?

Vielleicht nicht der Hotspot, aber einer. Wir haben jetzt einen wichtigen Schritt getan, indem wir eine Wissenschaft etabliert haben, die über die Konsequenzen der Digitalisierung forscht. Dringend geboten ist es, die digitale Infrastruktur zu verbessern. Es ist bekannt, dass Berlin in der Hinsicht Nachholbedarf hat. Wichtig bleibt außerdem, dass wir die Kooperation von digital gestützter Wissenschaft und von Firmenausgründungen verstärken. Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen, dass Berlin eine so junge dynamische Stadt ist, in die alle smarten jungen Unternehmerinnen und Unternehmer kommen. Wir müssen die Gründer nachhaltig unterstützen.

Wie kann das gelingen?

Die Firmen brauchen Standorte, die auch zu ihren Ideen passen. Junge Start-ups finden zum Beispiel Platz in Adlershof oder demnächst auf unserem Dahlemer Campus. Aber wenn Unternehmen mehr als 40 Leute beschäftigen, dann brauchen sie auch größere Räume. Da müssen Stadt und Politik flexibel sein, damit die Gründer nicht in eine andere Stadt gehen und sich hier trauen, zu wachsen.