Im März vor 18 Jahren ging es los in Deutschland, Wikipedia veröffentlichte seinen ersten Artikel. Was danach geschah, war eine Revolution: Bald blätterte kein Mensch mehr im Lexikon, die Nutzer fanden die Informationen im Netz. Viele Nachschlagewerke wie der Brockhaus wurden nicht mehr gedruckt. Wer etwas wissen wollte, schaute bei Wikipedia nach. Und so ist es geblieben.

Doch erstmals in der Geschichte des deutschen Ablegers wird es am Donnerstag keine Informationen von Wikipedia geben. Aus Protest gegen die EU-Urheberrechtsreform soll das Angebot für einen Tag vollständig abgeschaltet werden. „Blackout“, heißt das bei den Initiatoren.

Wikipedia ist von der Urheberrechtsreform ausgeschlossen und zeigt dennoch Solidarität

Verantwortlich für die Entscheidung ist die sogenannte Community, gemeint sind die aktiven Autoren. In Deutschland gibt es etwa 6000 sogenannte Wikipedianer, die regelmäßig Einträge verfassen oder kontrollieren. Rund 200 von ihnen nahmen an der Abstimmung teil, 146 sprachen sich für den „Blackout“ aus, 69 waren dagegen. Im Diskussionsforum lässt sich beobachten, wie kontrovers debattiert wurde.

Einige Wikipedianer beklagen, dass sie nichts gewusst haben von der Abstimmung, andere halten die Maßnahme für richtig. „Wir möchten, dass Kreativschaffende für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden. Wir möchten auch, dass qualitativ hochwertiger Journalismus weiterhin möglich ist. Was wir nicht möchten, ist ein Aufbruch in ein unfreies Internet“, schreibt ein Autor.

Wikipedia ist übrigens ausdrücklich ausgenommen von der geplanten Reform. „Unsere Solidarität gilt den vielen kleinen und mittelgroßen Foren, sozialen Netzwerken, Wissens- und Informationsplattformen.“ Damit ist die Frage verbunden, die die Netzgemeinschaft seit Monaten quält: Ist das von der EU geplante Urheberrecht gelungen oder nicht?

Autor der Online-Enzyklopädie kritisiert Wikipedia-Aktion: „Beispielloser Missbrauch“

Was die Wikipedia-Gemeinde noch quält, ist die Überlegung, ob Wikipedia mit dem Protest nicht seine neutrale Postion als Vermittler von Fakten gefährdet. „Es handelt sich um einen in seinem Ausmaß beispiellosen Missbrauch der Wikipedia für aktivistische Ziele“, schreibt ein Autor, der sich bei der Online-Enzyklopädie mit Urheberrecht beschäftigt.

Die Beiträge zeigen auch, dass diese Form des Protests neu ist. Bürger gehen auf die Straße, Gewerkschaften rufen zum Streik auf, Schüler protestieren in der Schulzeit – das gibt es schon länger. Aber einfach eine Webseite aus politischem Protest für einen Tag abschalten, das ist eher die Ausnahme. Tilman Santarius vom Berliner Einstein Center Digital Future vergleicht die Maßnahme mit einem Experiment.

„Wikipedia weiß selbst noch nicht, wie die Aktion ankommen wird“, sagt der Professor, der sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die gesellschaftliche Gestaltung beschäftigt. „Ob die Aktion die Debatte positiv beeinflusst, das ist noch nicht absehbar.“ Im Netz gibt es zumeist Zustimmung, aber dort sind auch die Gegner der Urheberrechtsreform besonders aktiv.

Wikipedia bietet Informationen werbefrei und kostenlos

Santarius verweist noch auf einen anderen Aspekt. Wikipedia ist eine der beliebtesten Webseiten in Deutschland, die Online-Enzyklopädie wird hinter Google, YouTube, Amazon, Facebook und Ebay auf Platz sieben geführt, 30 Millionen Mal werden Artikel von 2,3 Millionen Menschen aufgerufen. „Die Bürger“, sagt Santarius, „werden werbefrei jeden Tag mit Informationen versorgt und müssen nichts dafür zahlen, wir sollten Wikipedia vor allem dankbar sein.“ Bei Streamingdiensten wie Netflix, wo der Kunde monatlich zahlen muss, wäre das etwas anderes.

Und in der Tat ist Wikipedia das beste Beispiel dafür, was die Gemeinschaft der Nutzer leisten kann. Jeder kann dort mitmachen und seine Vorschläge unterbreiten, so ist eine Art Volkslexikon entstanden. Und das weltweit in vielen Sprachen. Bei Wikipedia in Deutschland sind es fast 6000 Menschen, die ständig dafür sorgen, dass die Online-Enzyklopädie auf dem neuesten Stand bleibt und Fehler möglichst vermieden werden.

Wikipedia-„Blackout“ findet auch in Dänemark und Tschechien statt

In den Anfangsjahren wurde die Fehlerquote mit klassischen Nachschlagewerken verglichen, Wikipedia schnitt besser ab – und bot den Vorteil, dass die Beiträge schnell aktualisiert und ergänzt werden konnten. 2,2 Millionen Einträge – das gibt es nicht in gedruckter Form. Von Schwarmintelligenz wurde in der Anfangszeit des Netzes oft gesprochen. Zuletzt wurde allerdings kritisiert, dass Artikel veralten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung spekulierte, dass Wikipedia die Mitarbeiter fehlten.

Die Aktion von Wikipedia zeigt aber auch die Macht der Anbieter, die aus Protest die Versorgung der Bevölkerung mit hilfreichen Informationen einfach einstellen können. Und das wird wohl nicht nur in Deutschland passieren, auch in Dänemark und Tschechien ist für den „Blackout“ gestimmt worden.