Was geht in diesen Menschen vor? Im Frankfurter Hauptbahnhof stößt ein 40 Jahre alter Mann einen wildfremden Jungen vom Bahnsteig vor einen einfahrenden ICE. Der Achtjährige stirbt. Wenige Tage später wirft ein 17-Jähriger in London einen Jungen von der Aussichtsplattform des Museums Tate Modern im zehnten Stock. Der 6-Jährige schlägt auf einem Vordach des fünften Stocks auf und überlebt schwer verletzt.

Gewalttaten sind oft auf Personen ohne psychische Krankheiten zurückzuführen 

Die beiden Fälle, die sich diesen Monat ereignet haben, verbindet, dass die Täter ihre Opfer nicht kannten. Und beide Männer hatten psychische Probleme. Der Tatverdächtige vom Frankfurter Hauptbahnhof war in psychiatrischer Behandlung und litt möglicherweise unter Verfolgungswahn. Ein psychiatrisches Gutachten dazu steht noch aus.

Taten wie diese verleiten zu der Annahme, dass schwer psychisch kranke Menschen gefährlicher als Gesunde sind. Aber das stimmt nicht. „Psychisch Kranke begehen nicht mehr Gewalttaten als der Rest der Bevölkerung“, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte in Berlin.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) weist auf ihrer Internetseite darauf hin, dass zwischenmenschliche Gewaltanwendungen ganz überwiegend auf Menschen zurückzuführen sind, die nicht an einer psychischen Erkrankung leiden. Dennoch würden Menschen mit psychischen Erkrankungen nach schweren Gewalttaten in der Öffentlichkeit immer wieder unter Generalverdacht geraten.

Aus einzelnen Gewalttaten lasse sich laut Isabella Heuser-Collier keine Regel ableiten 

Hinweise auf die Zahl von Gewalttaten, die durch psychisch Kranke verübt werden, können Daten zur Schuldunfähigkeit bei solchen Straftaten geben. Denn: Werden psychisch Kranke gewalttätig und ist die psychische Erkrankung massiv, werden sie vor Gericht oft als schuldunfähig eingestuft. Im Strafgesetzbuch unter Paragraf 20 heißt es dazu: Ohne Schuld handle, wer zum Tatzeitpunkt etwa wegen einer krankhaften seelischen Störung oder einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen.

Laut Strafverfolgungsstatistik wurden 2017 etwa 0,2 Prozent aller Gewalttaten von Menschen begangen, die später aufgrund einer psychischen Erkrankung als schuldunfähig eingestuft wurden, erläutert Hans-Ludwig Kröber vom Zentrum für Forensisch-Psychiatrische Begutachtung in Berlin. Bei den Tötungsdelikten machten Schuldunfähige gut 12 Prozent der Täter aus. „Lediglich in der kleinsten, aber schwersten Deliktgruppe haben wir einen überproportionalen Anteil von psychisch kranken Straftätern.“

Was geht in den Köpfen der Täter vor, was treibt sie an? Isabella Heuser-Collier, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin der Charité, betont die Seltenheit solcher Taten. „Weil es so selten ist, kann man eigentlich keine Regel aufstellen.“ Aus einzelnen Fällen von Gewalt gegen Fremde aus der Vergangenheit wisse man, dass die Täter an einer Psychose erkrankt waren und in akutem Wahn handelten, sagt die Psychiaterin. Sie fühlen sich zum Beispiel verfolgt. So wie der 29-Jährige, der im Januar 2016 in Berlin eine 20-Jährige vor eine einfahrende U-Bahn stieß. Die junge Frau war sofort tot.

Bei einer Psychose wird das Alltagswissen in Frage gestellt 

Im Wuppertaler Hauptbahnhof griff sich ein 23-Jähriger im April 2018 vor den Augen der Eltern und der zwei Geschwister einen fünfjährigen Jungen und sprang mit ihm vor einen Zug. Der Vater des Jungen lief auf die Gleise, entriss dem Mann sein Kind und rettete es. Bei dem Beschuldigten wird später eine Schizophrenie diagnostiziert. Er war bereits zuvor durch zahlreiche kleinere Delikte aufgefallen und hatte eine Psychose-Behandlung abgelehnt.

Verfolgungswahn kommt bei Psychosen vor. Aber was passiert dabei konkret in den Köpfen der Betroffenen? „Das Alltagswissen, das wir Menschen sonst alle ohne groß nachzufragen teilen, wird in Frage gestellt“, erklärt Heinz, der auch Präsident der DGPPN ist. Betroffene fingen dann oft an, ihre Umgebung auf Zeichen abzusuchen und darin Hinweise auf Gefahr, Bedrohung und Verfolgung zu finden.

„Die sehen etwas, zum Beispiel das Blinken der Überwachungskamera, und haben das Gefühl, das gibt ihnen ein Zeichen“, sagt Heinz. Oder die Betroffenen glaubten, ihre Mitmenschen seien allesamt Geheimagenten. Wenn immer mehr Alltagsselbstverständlichkeiten hinterfragbar werden, vielleicht noch Stimmen dazukommen, verstrickten sich die Betroffenen in den eigenen Erklärungsversuchen, sagt Heinz.

Psychosen führen oft zu Wahnwahrnehmungen 

Der Begriff Psychose wird häufig synonym mit Schizophrenie verwendet. Tatsächlich ist eine Schizophrenie aber eine Variante einer Psychose. Und anders als häufig angenommen habe Schizophrenie mit einer gespaltenen Persönlichkeit rein gar nichts zu tun, betont Julia Arnhold, Psychologin und Expertin für Psychosen beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Zu schizophrenen Erkrankungen gehöre, dass die psychischen Funktionen – also Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Handeln – für gewisse Zeit nicht mehr funktional ineinandergriffen, sagt Arnhold. Dadurch seien der Bezug des Betroffenen zur Realität und seine Interaktionen mit der sozialen Umwelt für die Dauer der akuten Psychose eingeschränkt.

Bei der Frage, ob Betroffene gewalttätig werden, komme es darauf an, wie bedroht sie sich durch Wahnwahrnehmungen oder Halluzinationen fühlen, sagt Heinz. „Meistens passiert es aber, dass die Leute sich selbst verletzen oder sich zurückziehen.“

Betroffene Menschen wollen sich verteidigen - selten kann es dabei zu Gewalttaten kommen 

Und es gibt weitere Faktoren, die das Gewaltrisiko bei Betroffenen erhöhen. An erster Stelle steht dabei ein äußerer Einfluss: Alkohol- und Drogenkonsum. Auch eine ausbleibende psychiatrische Behandlung, mangelnde Krankheitseinsicht, und Impulsivität erhöhen das Gewaltrisiko.

Generell führe psychotisches Erleben wie Verfolgungswahn zu starken Ängsten, erklärt Psychologin Arnhold. In äußerst seltenen Fällen können diese Ängste dazu führen, dass sich die Betroffenen verteidigen – und dabei Fremden gegenüber aggressiv werden. (dpa/fwt)