Wir haben zu lange in der Psychiatrie nur kurativ gedacht, zu wenig an präventive Maßnahmen“, sagte jüngst in Berlin Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Dabei sei es besonders wichtig, vorzubeugen. Denn psychische Erkrankungen seien weit verbreitet. „Ungefähr jeder vierte Deutsche erkrankt in einem Jahr psychisch“, so Deister.

Oft trifft es die Jungen. Drei von vier psychischen Störungen brechen vor dem 24. Lebensjahr aus. Also in einer Zeit, in der Menschen sich entwickeln, eigenständig werden, einen Job antreten, erste Beziehungen eingehen. Es entstehen schwere Belastungen in der Familie und hohe Gesundheitskosten. Zumal seelische und körperliche Krankheiten eng zusammenhängen.

Präventionstherapie ist noch selten

Ansätze zur Vorbeugung werden auf vielen Ebenen gesucht: in Elternhaus, Genen, Denkmustern, Bildung oder Ernährung. Manche sind durchaus erfolgreich. Auch Präventionsprogramme an Schulen können wirken. Sie beschäftigen sich etwa mit dem Rauchen, mit Essstörungen oder der Förderung des Selbstbewusstseins. Die Programme sollen – lange bevor junge Menschen in psychische Krisen rutschen – ihr seelisches Rückgrat stärken. Die meisten der Angebote bringen zumindest kleine bis mittelgroße Erfolge, wie Übersichtsstudien zeigen. Einige Schüler profitieren tatsächlich von den Lehrstunden für die Psyche. Aber spätere psychische Erkrankungen können diese Projekte nur in geringem Maße verhindern.

Forscher und Mediziner spannen deshalb mittlerweile ein zweites Sicherheitsnetz – und zwar dort, wo sich erste Krisen abzeichnen und bereits eine Erkrankung droht. Im Kreuzberger Vivantes-Klinikum Am Urban steht zum Beispiel das Frühinterventions- und Therapiezentrum (Fritz) allen Menschen offen, die an sich erste Anzeichen einer psychischen Störung erkennen. Dazu gehört etwa das Gefühl, dass sich plötzlich alles auf sie bezieht, dass sie verfolgt werden, Stimmen hören, ihre Konzentration stark nachgelassen hat.

„Liegt zudem in der Familie schon eine Erkrankung vor, ist das Risiko erhöht. Wir können den Betroffenen dann eine vorbeugende Psychotherapie anbieten, bei größerer Belastung auch Medikamente“, sagt Andreas Bechdolf, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Klinikum Am Urban.

Die Hürde ist hoch, sich in Kliniken zu begeben 

Studien haben gezeigt, dass solch eine Präventionstherapie den Übergang von einer Krise in eine handfeste Psychose tatsächlich beeinflussen kann. Rutschten zwölf Monate nach einer vorbeugenden Psychotherapie nur noch acht von 100 Personen in eine Erkrankung, waren es unter jenen, die keine Behandlung erhielten, mehr als doppelt so viele. Das ergab jüngst eine Übersichtsarbeit mit etwa 1300 Risikopatienten.

Trotz dieser Erfolge sind Früherkennungszentren in Deutschland noch immer eine Rarität und finden sich vor allem in der Nähe von Universitätskliniken. Für Betroffene ist die Hürde meist hoch, sich in Kliniken zu begeben, vor allem wenn es erst einmal nur um einen Verdacht auf psychische Probleme geht.

In Berlin ist das Fritz daher in ein eigenständiges Gebäude in der Nähe der Klinik umgezogen, wo auch eine Beratungsstelle angesiedelt ist. „Für viele Betroffene ist es allerdings auch ein übermäßiges Hindernis, dass sie bei solchen Terminen ihren Namen angeben und die Chipkarte zeigen müssen“, sagt die Psychiatrieprofessorin Andrea Pfennig, die eine Präventionsambulanz und ein Früherkennungszentrum am Universitätsklinikum Dresden mit aufgebaut hat. In ihrer Einrichtung können sich Menschen deshalb anonym untersuchen lassen.

Sie weiß auch, dass frühe Hilfe einige Erkrankungen verhindern kann. „Zugleich fehlt es uns aber viel an Wissen“, sagt sie. „Wir mutmaßen nur, welche Faktoren die Psyche stärken oder welche biologischen Marker die psychische Gesundheit gefährden können.“

Unterstützung für depressiv Erkrankte 

Lücken sieht auch Ulrich Hegerl, Psychiater am Universitätsklinikum Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Wir können noch immer nicht genau sagen, was eine Depression auslöst. Wichtige Voraussetzungen sind eine genetische oder in der Kindheit erworbene Veranlagung, zugleich werden äußere Auslöser oft überschätzt“, sagt er.

Seine Stiftung versucht vor allem, die Zahl der Suizide und Suizidversuche einzudämmen, zum Beispiel, indem depressiv Erkrankte unterstützt werden, sich rascher Hilfe zu holen, und dann auch besser betreut werden. Zum Konzept der Stiftung gehören vier Aspekte: Aufklärung in der Bevölkerung, Kooperation mit Hausärzten, Fortbildung von Lehrern, Pflegekräften und anderen Berufsgruppen, die Kontakt mit vielen Menschen haben, sowie konkrete Angebote für Betroffene und ihre Angehörigen.

Studien zeigen, dass tatsächlich seltener Suizidhandlungen in Regionen vorkommen, wo es diese Angebote gibt. Mittlerweile wurde das Konzept von mehr als 100 Regionen in 20 Ländern in Europa und außerhalb kopiert. Auch dort sinkt die Zahl der Suizidopfer.

Katalog von Maßnahmen

Was bei Depressionen schwer möglich ist, haben Forscher bei der Demenz bereits erreicht: Sie können einen klaren Katalog an Präventionsmaßnahmen herausgeben. Ganz oben steht: Sport und körperliche Bewegung. „Sich regelmäßig zu bewegen, kann sogar ein genetisches Risiko ausgleichen. Das haben groß angelegte Langzeitstudien gezeigt“, sagt Steffi Riedel-Heller, Sozialmedizinerin und Professorin der Universität Leipzig.

Solche Untersuchungen zeigen auch, dass es förderlich ist, in seinem Alltag sozial eingebunden zu sein, Freunde und Familie um sich zu haben. „Ein Leben lang den Geist in Schwung zu halten, also zu lernen, eine stimulierende Umgebung zu schaffen, ist ebenso förderlich“, sagt Riedel-Heller.

Empfehlenswert sei zudem: Im Alter wenige oder keine anticholinergen Medikamente einzunehmen, wie etwa manche Schmerz- und Beruhigungsmittel oder Arzneien bei Blasenproblemen.

Studien legen zudem die Mittelmeerkost nahe sowie einen Rauchstopp und reduzierten Alkoholkonsum. Sie raten auch dazu, chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Depressionen ausreichend zu behandeln oder ihnen vorzubeugen. „Wenn all diese Maßnahmen beherzigt werden, können wir das Risiko für eine Demenz deutlich senken“, sagt Riedel-Heller. Die Prävention beginne aber nicht erst im Alter, sondern sei eine Aufgabe für die gesamte Lebensspanne.

Präventionsangebote: Fritz am Urban, Therapiezentrum für junge Erwachsene mit beginnenden psychischen Krisen, und Beratungsinitiative Soulspace für junge Menschen in Krisen (eröffnet am 16. Oktober). Zu erreichen im Internet unter:

fritz-am-urban.de; soulspace-berlin.de