Für die meisten Menschen sind Depressionen negativ und bedrohlich. Experten, die sich mit psychiatrischen Störungen aus evolutionärer Sicht befassen, haben einen anderen Blick darauf. So auch Martin Brüne, Psychiatrie-Professor an der Universität Bochum. Er betont: Einige Symptome dieser häufigsten psychischen Störung haben durchaus positive Aspekte. Sonst wäre die Krankheit der Menschheit wohl nicht erhalten geblieben.

Herr Professor Brüne, 30 bis 50 Prozent der Menschen erfüllen irgendwann während ihres Lebens die Kriterien einer klinischen Depression. Es gibt eindeutig erbliche Risikofaktoren, warum hat die Evolution diese Erkrankung nicht eliminiert?

Das ist in der Tat erstaunlich – andere schwere psychische Störungen wie etwa Schizophrenien kommen nur bei ein bis zwei Prozent der Menschen vor. Angesichts der Zahlen sollten wir uns davon verabschieden, dass depressionsähnliche Symptome nur negativ sind. Diejenigen Menschen, die sehr emotional reagieren, können dadurch auch Vorteile haben – etwa weil sie sich sehr anstrengen, um Positives zu erleben und Negatives zu vermeiden. Zum Beispiel hat eine Studie gezeigt, dass Studenten, die sich oft Sorgen machen, im Studium erfolgreicher sind als ihre unbeschwerteren Kommilitonen.

Depression als Schlüssel zum Erfolg?

Gerade unter den sehr erfolgreichen Menschen in Kunst, Kultur, Politik und Unternehmen ist die Anfälligkeit für psychische Störungen häufig. Es sieht so aus, als ob es besonders bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, positiv für den Erfolg sein kann, wenn sie zwar keine Manie im klinischen Sinne, aber manische Züge haben – etwa gehobene Stimmung, Geistesblitze, Spritzigkeit im Umgang mit anderen. Und Erfolg, das war schon immer so, macht sexy, was auch Fortpflanzungserfolg bedeutet. Dass die emotionale Anfälligkeit oft bei Menschen in Führungspositionen vorkommt, könnte auch ein Grund dafür sein, warum starke Stimmungsreaktionen in der Evolution nicht eliminiert wurden, obwohl daraus eine bipolare Depression werden kann.

Heute wird eher ein düsteres Bild gemalt. Die Depression sei die Epidemie des 21. Jahrhunderts, hört man immer wieder.

Dass die Anzahl der Erkrankten anscheinend zunimmt, könnte auch daran liegen, dass wir heute aufmerksamer für psychische Erkrankungen sind und viele neue Diagnosen eingeführt wurden. Untersuchungen in Gesellschaften, die als Jäger und Sammler lebten wie unsere Vorfahren, etwa die Aché in Paraguay, haben gezeigt: Auch bei diesen Menschen kamen und kommen Depressionen vor.

Das würde bedeuten: Depression ist keine Zivilisationskrankheit, wie man oft liest, sondern es gab sie von Anbeginn der Menschheit?

Dafür spricht, dass im Tierreich ähnliche Symptome vorkommen. Individuen, die bei Kämpfen um die Hierarchie in einer Gruppe unterliegen, sind offensichtlich niedergeschlagen. Sie signalisieren so, dass sie nicht mehr kämpfen wollen, sondern die Rangordnung akzeptieren. Unterlegene werden von Ranghöheren daraufhin nicht mehr attackiert. Analog könnten depressive Symptome dazu dienen, Menschen zu signalisieren, dass sie unerreichbare Ziele aufgeben müssen, um das eigene Leben nicht zu gefährden oder Energie zu sparen.

Zum Beispiel?

Nehmen wir den Liebeskummer. Das Ziel der Verliebtheit ist evolutionär gesehen die Fortpflanzung. Wenn sich die begehrte Frau für jemand anderen entscheidet und ich deshalb mit meinem Liebeskummer zurückbleibe, dann können Depressionssymptome ein nach innen gerichtetes Signal sein, innezuhalten und über den richtigen Weg nachzudenken.

Aber mit Depressionssymptomen erobert man den Ex-Partner nicht zurück. Und man ist auch nicht für andere potenzielle Partner attraktiv. Wie kann das im Sinne des evolutionären Erfolgs sein?

Studien haben gezeigt, dass das Denken während der Depression analytischer wird. Depressive schneiden zwar in manchen kognitiven Tests, etwa im Bereich Aufmerksamkeit, schlechter ab als Nicht-Depressive. Das liegt aber daran, dass sie über „ihr“ Problem nachdenken und unkonzentriert sind. Komplexe Probleme erfordern gründliches Nachdenken und die Symptome der Depression – sozialer Rückzug, fehlendes Interesse an vorher geschätzten Tätigkeiten, nachlassende Libido – erlauben, dass die Erkrankten nicht von anderen Aktivitäten abgelenkt werden. Depressive sind oft besser darin, soziale Probleme zu lösen als Nicht-Depressive. Zumindest dann, wenn die Symptome einen gewissen Schweregrad nicht überschreiten.

Aber warum treten Depressionen dann nach Ereignissen auf, die nichts mit Niederlagen zu tun haben, etwa bei einem Trauerfall?

Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass sich je nach Auslöser der Depression die Symptome unterscheiden. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit treten eher als Reaktion auf Misserfolg, Stress und Winterzeit auf – genau dann, wenn es sinnvoll ist, Ressourcen zu sparen. Dagegen weinen Menschen nach dem Tod eines geliebten Menschen. Das ist sinnvoll, weil es bewirken kann, dass andere Personen sich um einen kümmern. Trauerreaktionen sind vermutlich etwas ganz anderes als Depressionen.

Depression ist also ein Hilfeschrei?

Ich sehe Depression aus evolutionärer Sicht als zweifaches Signal – nach innen wie eben beschrieben, aber auch an das Umfeld. Denn die Depression zeigt den Mitmenschen, dass der Depressive Hilfe braucht. Wenn jemand große Probleme hat – bei der Arbeit, in der Beziehung oder im Aufziehen der Kinder – hat er eventuell nicht viel zu verlieren durch eine Depression.

Aber durch eine Selbsttötung verlieren Depressive ihr Leben – welchen Sinn sollte Suizidalität in der Evolution gehabt haben?

Suizidversuche können manchmal als Hilfeschrei interpretiert werden, der dem Umfeld unmissverständlich klarmacht, dass der Betroffene Unterstützung braucht. Menschen können Unterstützung durch einen Suizidversuch bekommen – und sterben wenn er „gelingt“. Allerdings ist das nur bei einem von 14 Suizidversuchen so, bei jungen Frauen in den USA bei einem von 100. Die schwere Depression, die mit Suizidalität einhergeht, ist aber sicher keine evolutionäre Anpassung. Sie könnte eine fehlgeleitete Form der Traurigkeit sein. Aber heute wird Traurigkeit oft als Depression diagnostiziert.

Warum sind manche Menschen erblich bedingt anfälliger für Depressionen als andere?

Menschen leben in hochkomplexen Sozialsystemen. Damit wir in diesen zurechtkommen, haben sich Emotionen entwickelt. Liebe sorgt dafür, dass wir uns fortpflanzen und Kinder großziehen können. Furcht bewirkt, dass wir uns von Gefahr fernhalten. Traurigkeit kann die beschriebenen Effekte haben. Individuen variieren allerdings darin, wie emotional sie reagieren. Gleiche Lebensereignisse verursachen bei Menschen ganz unterschiedliche Reaktionen. Der eine verarbeitet ein schreckliches Ereignis gut, der andere entwickelt eine Depression. Das ist zumindest zum Teil genetisch bedingt.

Warum sind beide Verarbeitungsmechanismen erhalten geblieben?

Die Psychiatrie übersieht bislang weitgehend, dass bei manchen Erkrankungen dieselben genetischen Varianten, die unter schlechten Umständen krank machen, unter günstigen Verhältnissen schützende Wirkung haben. Eine Variante des Serotonin-Transporter-Gens zum Beispiel kommt gehäuft bei Depressionspatienten vor, insbesondere dann, wenn ein Mensch früh in der Kindheit schwierige Erfahrungen wie Ablehnung oder Vernachlässigung gemacht hat. Aber was kaum beachtet wird, ist, dass Menschen, die dieselbe Variante tragen und viel emotionale Wärme und Zuwendung erfahren haben, ein geringeres Risiko für eine Depression haben als die Normalbevölkerung.

Welchen Unterschied macht das für den Patienten?

Es hilft gegen Stigmatisierung. Ein Mensch mit einer Depression hat nicht einfach Pech gehabt, weil er ein bestimmtes Gen besitzt. Vielleicht findet man in der Lebensgeschichte des Patienten Anhaltspunkte, dass genau diese Anlage auch einen positiven Effekt für dessen Leben haben könnte. Und für Erkrankte, die selbst Kinder haben oder haben werden, heißt es: Wenn sie sich liebevoll um die Kinder kümmern, kann das, was zur eigenen Krankheit beigetragen hat, die Kinder sogar davor schützen.