Ein Schauspieler steht auf der Bühne, aber die stehenden Ovationen bleiben aus. Der Darsteller sollte das Ausbleiben des besonderen Lobs nicht unbedingt auf die eigene Leistung beziehen, denn der Beifall hat einer neuen Untersuchung zufolge nicht zwingend etwas mit dem Geschehen auf der Bühne zu tun. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin haben herausgefunden, dass die Stärke des Applauses mehr mit den Menschen vor der Bühne zu tun hat als mit den Protagonisten im Scheinwerferlicht. Klatschen ist nämlich ansteckend.

Die Forscher untersuchten das Phänomen der sozialen Ansteckung. Denn Menschen verändern ihr Verhalten häufig nur als Reaktion auf andere.

Übertragbar auf Facebook und Twitter

In einem Experiment wurde ein aus Studenten bestehendes Publikum per Videoaufzeichnung beobachtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Testpersonen zu klatschen begannen, stieg in Abhängigkeit von der Zahl der anderen Zuschauer, die schon sozial angesteckt waren, also bereits Beifall spendeten. Das Abflauen von Applaus ist ebenfalls sozial vermittelt, allerdings in einem geringeren Grad. Kontrolliert wird es nämlich von dem Widerstreben jedes Einzelnen, zu lange zu klatschen. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass es immer die gleichen Personen sind, die mit dem Beifall starten - oder erst später mitklatschen.

"Das soziale Ansteckungs-Modell sagt voraus, dass die Zeit, welche ein Publikum Applaus spendet, unabhängig von der Qualität der Präsentation deutlich variieren kann", berichten die Wissenschaftler im Journal of the Royal Society. Die soziale Ansteckung wurde durch das Verhalten der Masse im Raum angetrieben - also durch die Menschen, die direkt neben einem sitzen.

Diese Erkenntnis lässt sich möglicherweise auch auf andere Bereiche übertragen. Auf Facebook oder Twitter folgen Menschen womöglich eher einem Trend, wenn bereits viele andere Menschen im Internet darauf aufgesprungen sind.

Deutsche klatschen weltweit am längsten

Es gibt seit einiger Zeit eine Reihe von mathematischen Modellen, die versuchen, das Phänomen der sozialen Ansteckung zu beschreiben. Diese konnten bisher aber nicht in empirischen Studien – also durch Beobachtungen - belegt werden.

Schwedische Forscher konnten außerdem regionale Unterschiede des Applauses in einem Konzertsaal feststellen. So komme es in den USA häufiger zu stehenden Ovationen als in anderen Ländern. In Deutschland setze das Klatschen vergleichsweise spät einsetzen, nämlich genau fünf Sekunden nach dem letzten Ton - dafür aber hält es weltweit am längsten an.