"Ich muss es doch genau wissen. Ich hab es schließlich selbst erlebt!“ Diese Sätze sind eines der stärksten Argument in einem Streit. Viele Menschen glauben, das  Gedächtnis sei so etwas wie ein Videofilm, unbestechlich und unveränderlich. Dabei gibt es kaum etwas Trügerischer und Beeinflussbareres als unsere Erinnerungen. „Wenn es um unser Gedächtnis geht, sind die Begriffe Wahrheit und Lüge nicht sehr hilfreich“, sagt der niederländische Gedächtnisforscher Douwe Draaisma.

Das beginnt schon bei Kleinigkeiten, die wohl jeder alltäglich erlebt. Ein Beispiel: Ein Paar geht spazieren. Bei der Rückkehr zu ihrem Haus merken beide, dass sie den Schlüssel vergessen haben. Und es beginnt ein Streit, bei dem Erinnerungen aufeinandertreffen, die gerade eben erst entstanden sind: „Ich hatte dir doch extra noch gesagt: Steck' den Schlüssel ein!“ – „Nein, hattest du nicht. Du wolltest ihn einstecken.“ – „Nein, ich weiß noch genau, dass ich hier an der Kommode stand, als ich das sagte ...“ So kann das stundenlang weitergehen, ohne dass beide das wirkliche Geschehen je rekonstruieren werden.

Und nicht nur das. Es ist sogar möglich, dem Gehirn Erinnerungen  an Ereignisse einzupflanzen, die nie passiert sind. Das behauptet die Londoner Kriminalpsychologin Julia Shaw. „Selbst die kostbarsten Erinnerungen an unsere Kindheit lassen sich formen und umformen wie eine Kugel aus Lehm“, sagte die 1987 in Köln geborene Autorin des jüngst erschienenen Buches „Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“ (Hanser-Verlag München).

Shaw berichtete über ihre eigenen Versuche, Gedächtnisse zu „hacken“. Bereits nach drei Sitzungen sei es ihr gelungen, im Gehirn von Probanden die Erinnerung zu verankern, dass sie einst in der Schule mit einem Stein auf eine Mitschülerin losgegangen seien. Um das zu erreichen, knüpft Shaw an Ereignissen aus der Jugend an, die sie etwa von den Eltern der Teilnehmer erfahren hat. Sie fügt schrittweise Erfundenes hinzu und fordert die Probanden auf, sich die angeblich erlebten Szenen immer wieder bildlich vorzustellen. Tatsächlich schreibt sich die scheinbare Erinnerung ins Gedächtnis der meisten ein, als hätten sie sie wirklich erlebt. Die Erfolgsquote soll bei 70 Prozent liegen.

Falsche Erinnerungen

Solche Pseudoerinnerungen hat wohl jeder Mensch.  Viele wahrscheinlich unbewusst. So erinnerte sich ein  Genfer Psychologe zum Beispiel daran, dass er als Kind beim Spaziergang mit seinem Kindermädchen beinahe von einem fremden Mann entführt wurde. Er sah die Szene direkt vor sich, bis ins Detail. Später gab das ehemalige Kindermädchen zu, die Geschichte nur erfunden zu haben, weil sie sich eines Tages sehr verspätet hatte, als sie mit dem Jungen nach Hause kam. Die  Erzählungen seiner Eltern über die scheinbare Entführung hatten diese falsche Erinnerung in dem Jungen ausgelöst.

Dass man Erinnerungen zu jeder Zeit fälschen kann, ist keine neue Erkenntnis. Bereits in den 1970er-Jahren erforschte die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus den sogenannten Fehlinformationseffekt (misinformation effect). „Setzt man die Zeugen eines Geschehens nachträglich neuen und irreführenden Schilderungen eines Ereignisses aus, so werden ihre Erinnerungen daran verzerrt“, schrieb sie 1998. Bis dahin hatte sie eigenen Aussagen zufolge mit ihren Studenten mehr als 200 Experimente mit 20.000 Teilnehmern durchgeführt. Bei vielen war es gelungen, nicht nur Erinnerungen zu verzerren, sondern sogar ganz neue einzupflanzen. Das gelingt besonders, wenn diese sich plausibel in den Rest der Lebensgeschichte einfügen lassen und dabei ein anderer – meist ein Familienmitglied – behauptet, das Ereignis habe wirklich stattgefunden.

So erinnerten sich Menschen plötzlich bildhaft und mit allen Gefühlen, dass sie als Kind einmal in einem Einkaufszentrum verlorengingen. Das funktionierte bei etwa jedem dritten Probanden. In anderen Studien konnten sich Menschen plötzlich genau entsinnen, dass sie einst in einem Laden aus Versehen die Sprinkleranlage auslösten und alle Kunden fliehen mussten, oder dass sie bei einer Hochzeit die Punschschüssel umkippten.

Solche Gedächtnis-Manipulationen  sind gewiss umstritten. Obwohl die Versuchsteilnehmer am Ende über die Manipulation aufgeklärt werden, bleibt es doch dabei, dass Psychologen in die Erinnerungen von Menschen eingreifen. Aber der Psychologin Elizabeth Loftus ging es bei ihren Studien vor allem darum,  Augen zu öffnen. Sie wollte Fachleuten wie Kriminalisten und Psychologen zeigen, wie leicht sie selbst mit ihren Fragen  das Gedächtnis beeinflussen können. „Alles in allem beweisen diese Studien, dass Fehlinformation unsere Erinnerungen in gezielter und oft gründlicher Weise zu verzerren vermag – indem wir mit anderen Menschen darüber sprechen, suggestiv befragt werden oder in den Medien auf Berichte über ein Ereignis stoßen, das wir selbst miterlebt haben“, schreibt Loftus.

Sie warnte  unter anderem klinische Psychologen davor, ihre Patienten zu sehr anzuregen, „ihrer Phantasie völlig freien Lauf zu lassen“, um angeblich verdrängte Geschehnisse aus der Vergangenheit hervorzuholen. Auf diese Weise seien sogar vermeintliche Missbrauchsfälle „ans Tageslicht“ gekommen, die sich am Ende als unwahr herausstellten. Loftus ermahnte die Psychotherapeuten zur Zurückhaltung bei allen Manipulationen.

Studien und Publikationen über das trügerische und manipulierbare Gedächtnis scheinen genau einen Nerv dieser Zeit zu treffen, in der viel über Wahrheit und Unwahrheit von Aussagen diskutiert wird. Vor allem auch wegen der grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten im Internet. Wo früher Redakteure, Historiker oder Psychologen – sicher auch oft fehlerhaft –  eine gewisse Auswahl trafen oder Aussagen in größere Zusammenhänge einordneten, gibt es heute ein Flut von ungefilterten, nicht hinterfragten Schilderungen, die Beweiskraft für bestimmte Behauptungen haben sollen. Die Aussage „Genauso war’s, denn ich bin dabeigewesen und habe es mit eigenen Augen gesehen“ gilt auch hier als unschlagbares Argument.

Erinnerungen sind wie organisches Gewebe

Das Gedächtnis lässt sich aber nicht nur von außen beeinflussen. „Erinnerungen, wie wir alle wissen, verändern sich bei uns selbst“, sagte der Historiker Norbert Frei aus Jena in einem Radiointerview. Man erinnere sich zehn Jahre nach einem Ereignis anders als zwanzig oder dreißig Jahre danach. Dabei habe man noch in den 1930er-Jahren gedacht, Erinnerungen seien nahezu unverändert und ließen sich in winzig kleinen Gehirnspuren lokalisieren, erzählt der niederländische Gedächtnisforscher Douwe Draaisma. Doch sie sind etwas höchst Komplexes. „Erinnerungen haben assoziative Verbindungen mit Bildern, Geräuschen und Gerüchen irgendwo im Gehirn gespeichert“, sagt Draaisma. „Sie lassen, wiederum in anderen Teilen des Gehirns, Emotionen anklingen.“ Erinnerungen seien genauso organisch wie das Gewebe, in dem sie gespeichert sind. Douwe Draaisma, 1953 geboren und Professor an der Universität Groningen, veröffentlichte erst jüngst   beim Galiani-Verlag Berlin ein Buch mit dem Titel „Halbe Wahrheiten. Vom seltsamen Eigenleben unserer Erinnerung“.

Emotionen spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Erinnerungen. Der Psychologe Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld fasste zusammen: „Ohne Gefühle gibt es keine Erinnerung.“  Denn im Gehirn bestehen zwischen dem für die emotionale Bewertung von Reizen zuständigen Mandelkern (Amygdala) und dem für die Einspeicherung neuer Gedächtnisinhalte wichtigen Hippocampus enge Verbindungen. Bei emotionalen Ereignissen werden Botenstoffe ausgeschüttet, vor allem Noradrenalin. Sie fördern die Neubildung und Stärkung von Nervenzellverbindungen, auf denen das Gedächtnis beruht.
Jedes Mal, wenn eine Erinnerung aufgerufen werde, erfolge ein neuer Speicherprozess, erklärte Daniela  Schiller, Hirnforscherin an der Mount Sinai School of Medicine in New York, im Fachjournal Technology Review. Erinnerungen befänden sich also ständig in einem instabilen Zustand, und sie würden immer wieder neu geschrieben und umgeformt. Das bedeutet, dass sich über einen biochemischen Prozess auch die Verbindungen zwischen den Gehirnzellen verändern. „Wir erinnern uns nicht an die Originalversion, sondern an deren Überarbeitung durch das Gehirn.“

So erzählte eine Frau zum Beispiel, dass ihr einmal beim Geschirr-Abwaschen ein Erlebnis aus ihrer Kindheit eingefallen sei. Dieses hätte gar nicht mit der Situation des Abwaschens zu tun gehabt. Und dennoch falle ihr dieses Erlebnis von nun an immer ein, wenn sie abwasche. Was bewirkte diese neue Verknüpfung im Gehirn? Vielleicht hat ein bestimmter  Sinneseindruck ganz unbewusst die Erinnerung an das Kindheitserlebnis hervorgerufen. Vielleicht spielte ein bestimmter Geruch dabei eine Rolle. Welche intensiven Gefühle Gerüche aus der Vergangenheit auslösen können, weiß jeder, der sich einmal tief in eine Wohnung zurückdenkt, in der er früher gelebt hat. Wie roch es bei der Oma, wie in der Schule, wie in der Straße vor dem Haus? Vor einigen Jahren wies die amerikanische Geruchsforscherin Rachel Herz bei Probanden anhand von Hirnmessungen nach, dass bei vertrauten Gerüchen der Vergangenheit die für Emotionen zuständigen Hirnbereiche – unter anderem die Amygdala – besonders intensiv reagieren.

Doch so intensiv Erinnerungen sein können – es sind immer Momentaufnahmen, höchst subjektiv. Das Gedächtnis arbeitet eben nicht wie eine Filmkamera. Erinnerungen bestehen eher aus Schnappschüssen, verbunden mit Sinneseindrücken und Gefühlen. Die extremste Form sind sogenannte Blitzlichterinnerungen (flashbulb memories) an dramatische, mitunter traumatische Momente. Wohl viele Menschen haben plastisch die Situation abgespeichert, in der sie waren, als am 11. September 2011 die Flugzeuge ins World Trade Center flogen oder ein naher Freund verunglückte. „In einer Blitzlichterinnerung kann gespeichert sein, wer einem eine schockierende Nachricht erzählte, aber auch, dass der linke Bügel seiner Brille von Klebeband zusammengehalten wurde“, sagt Draaisma.