Wer überlebt hat, erinnert sich auch heute, 80 Jahre später, noch sehr gut an Holodomor, den Mord durch Verhungern. Anfang der 1930er-Jahre ordnete Stalin die Ausrottung der ukrainischen Bevölkerung an. Er ließ ihre Ernte konfiszieren und schnitt sie von der Lebensmittelversorgung ab. Die Bürger der Ukraine sollten verhungern. Tatsächlich starben drei bis sechs Millionen Menschen. Überlebende berichten von Kannibalismus, von Leichenbergen aus Kindern und von vor Hunger aufgeschwemmten Körpern. Die Nachfahren wissen, ohne dabei gewesen zu sein, genauso wie die Alten davon zu erzählen. Und noch mehr: In ihnen lebt das Trauma scheinbar weiter.

Das zeigte 2015 eine kanadische Studie mit 15 Familien von Holodomor-Überlebenden. Kinder und Enkelkinder befinden sich innerlich im Überlebensmodus, als wäre die Hungersnot noch immer aktuell. Sie horten Lebensmittel und gärtnern, als stünde das nächste Versorgungsembargo bevor. Nicht wenige sind übergewichtig, überfressen sich regelmäßig, wurden von Eltern oder Großeltern zum Essen genötigt. Bloß nichts verschwenden. Bereit sein. Falls wieder ein Machthaber den Hungertod verhängt.

Dass traumatische Erlebnisse und ihre psychischen Folgen über Generationen hinweg weitergegeben werden, diskutieren Wissenschaftler nunmehr seit mehreren Jahrzehnten. Fallberichte von Psychotherapeuten über Holocaust-Überlebende und ihre Familien ebneten diesem Forschungsgebiet den Weg. Sie nahmen an, dass eine Traumatisierung sowie Erkrankung an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auch bei den Nachkommen psychische Probleme befördern und sogar ihr Risiko, selbst an der Trauma-Störung zu erkranken, erhöhen kann. Psychoanalytiker, Familienforscher und Soziologen versuchten die mögliche Übertragung zu erklären. Noch immer ist aber unklar, wie die seelische Last vererbt werden könnte. Aber auch, ob es die Weitergabe wirklich gibt.

Wirkung auf die Gen-Aktivität

Neuerdings suchen Forscher vermehrt auf biologischer Ebene nach der Verbindung zwischen den Generationen. Epigenetik könnte der Schlüssel sein. Dahinter steckt die Annahme, dass sich unser Lebensumfeld, was wir tun und erleben, auf unsere Gene auswirken kann. Ihre Aktivität wird etwa durch eine traumatische Erfahrung erhöht oder reduziert – und damit auch unser Verhalten, Denken und Fühlen beeinflusst. Diese Umbauten an der Erbsubstanz können theoretisch an Nachfahren weitergegeben werden.

Natan Kellermann vom National Israeli Center for Psychosocial Support of Holocaust Survivors erläutert den Vorgang mit einem Beispiel aus der Computerwelt: Die Gene der Betroffenen entsprächen dem Gerät, das Trauma einer virusinfizierten Software. „Obwohl der PC während der Befruchtung formatiert wurde, bleiben Spuren der alten schadhaften Software erhalten.“ Erinnerungen und Veränderungen an den Genen würden an die neue Generation weitergereicht.

Ein deutsch-amerikanisches Forscherteam entdeckte kürzlich tatsächlich Veränderungen an einem Gen, das bei Menschen mit PTBS oder Depression eher auffällig zu sein und die Reaktion auf Stress zu beeinflussen scheint. Die Mediziner und Biologen nahmen Genproben von 32 Holocaust-Überlebenden und 22 erwachsenen Nachkommen sowie von 17 Eltern und Kindern der gleichen Altersgruppen, aber ohne diesen Hintergrund. Tatsächlich unterschied sich die Ausgestaltung des einen Gens bei den Betroffenen und ihren Kindern im Vergleich zu den unbelasteten Studienteilnehmern.

Die Abweichung an diesem stressrelevanten Gen kann die körperliche Reaktion auf drastische Ereignisse verändern, etwa den Hormonhaushalt und damit auch, wie jemand sich künftig verhält. „Diese Veränderungen könnten zu einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen beitragen“, schlussfolgern die Forscher.

Nachkommen wiesen Depressionen auf

Erlebt die Mutter etwa während der Schwangerschaft eine oder mehrere traumatische Situationen, wird sie geschlagen oder Zeuge eines brutalen Übergriffes, kann das direkt aufs Kind wirken. Forscher sprechen von der fetalen Programmierung. Die Kinder leiden als Erwachsene eher unter Bluthochdruck, neigen zu Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie zu Selbstwertproblemen, Angst oder auch Aggression. Die Annahme: Der enorme Stress der Mutter schlägt sich zunächst in ihrem Körper nieder und folglich auch in dem des Kindes im Bauch. Vor allem das Stresshormon Kortisol scheint eine wichtige Rolle zu spielen.

Wissenschaftler aus der Schweiz haben in Zusammenarbeit mit der Universität von Ruanda Überlebende des Völkermordes an den Tutsi sowie deren Kinder untersucht. Rund eine Million Menschen wurde zwischen April und Juni 1994 ermordet. Für die Erhebung nahmen die Forscher Genproben von 25 Witwen, die der Tutsi-Ethnie angehören, während des Genozids schwanger waren und mindestens eine lebensbedrohliche Situation miterlebt hatten, in der sie starke Angst und Hilflosigkeit empfanden.

Sowohl die Mütter als auch die Kinder zeigten im Vergleich zu Tutsi-Familien, die während des Völkermordes in Sicherheit im Ausland lebten, Veränderungen an einem Gen, das maßgeblich an der Verarbeitung von Stress beteiligt ist. Zudem konnten die Wissenschaftler auch ungünstige Werte des Stresshormons Kortisol bei den traumatisierten Müttern und ihren Kindern nachweisen. Die Nachkommen wiesen zudem stärkere Anzeichen von PTBS oder einer Depression auf.

Ergebnisse müssen kritisch betrachtet werden

Das Problem: „Obwohl wir die Weitergabe von PTBS und einer veränderten Funktion der sogenannten Stressachse im Körper zeigen konnten, bleibt es schwer zu beantworten, was die Mutter wirklich weitergegeben hat“, schreiben die Studienautoren. Die Frage sei, ob es nicht in erster Linie doch das Umfeld ist, das eine Mutter mit PTBS für ihr Kind schafft. Also wie sie mit Stress umgeht, ob sie ihr Kind überbehütet und eine übertriebene Obacht weiterreicht, so dass daraus dann eine PTBS und veränderte Stressachse entstehen kann. Eben solche Unsicherheit mache die bisherigen Befunde in diesem Forschungszweig unergiebig, meint der Psychologe Sebastian Burchert von der Freien Universität (FU) Berlin. „Es gibt kein Instrument, um die Transmission zu messen. Zugleich wird versucht, Prozesse abzubilden, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken und viele verschiedene Ebenen haben. Da fischt man doch eher im Trüben.“

Das sieht auch Heide Glaesmer von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig so: „Die bisherigen Befunde sollten wir kritisch sehen. Bei der Anzahl und dem Umfang der Kriege in den vergangenen Jahrzehnten müsste unsere Welt Kopf stehen, würden wirklich traumabezogene psychische Erkrankungen einfach so über Generationen weitergegeben.“ Hat eine junge Frau eine Depression, weil die Oma im Krieg Schlimmes erlebt hat? Oder liegt es an der psychischen Erkrankung der Mutter?

Glaesmer zufolge können unzählige Einflüsse zu der Erkrankung beigetragen. „In Einzelfällen ist es sicherlich möglich, dass das Schicksal der Großeltern sich bis ins eigene Leben durchzieht und uns belastet, aber von einem generellen Zusammenhang auszugehen, halte ich für gewagt“, sagt die Psychologin. Sie und auch Burchert vermuten, dass eine Art Verletzlichkeit für eine psychische Störung weitergereicht wird, nicht eine Erkrankung selbst.

Seelische Verletzlichkeit

Das zeigt auch eine Studie in Kambodscha, an der Burchert gemeinsam mit anderen Forschern arbeitete. Sie untersuchten dort rund 400 Überlebende des Regimes der Roten Khmer und deren Kinder psychologisch. Unter der Gewaltherrschaft starben in den 1970er-Jahren etwa zwei Millionen Menschen. Jeder Zehnte, der damals mindestens im Kindesalter war, hat heute eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Per se sind deren Nachkommen aber nicht genauso psychisch belastet wie sie, so ein Ergebnis der Studie. Eine direkte Weitergabe der Trauma-Störung konnten die Forscher nicht feststellen. Doch die seelische Pein der Eltern machte die Kinder verletzlicher. Die Kinder von Eltern, die kritische Erfahrungen unter den Roten Khmer gemacht haben und psychisch gestört sind, erkranken zwar nicht generell häufiger. „Erleben die Kinder aber selbst eine traumatische Situation, erkranken sie eher als Kinder unbelasteter Eltern“, sagt Burchert.

Auch wenn es Zweifel gibt: Den Fokus auf die Epigenetik hält der Psychologe für interessant. „Allerdings sind die Stichproben der Studien meist zu klein und die Befunde insgesamt noch nicht zahlreich genug, um verbindlich sagen zu können, Epigenetik ist der Übertragungsmechanismus“, sagt Burchert. Die Untersuchungsmethoden würden auch weiterhin nicht der Komplexität des Themas gerecht.

Bislang sind sich Forscher scheinbar nur einig, dass es da etwa gibt – und nichts spurlos an Menschen und ihren Familien vorbeigeht. „Jede Hungersnot, jeder Krieg, jede Verfolgung oder Massenmord“, sagt der israelische Psychologe Kellermann, „kann Narben hinterlassen, auch bei den nachfolgenden Generationen.“