Schon seit zwei Tagen sind sie auf See, haben östlichen Kurs gehalten und waren bis nach Halmahera gefahren – ohne Fang. Doch heute scheinen die drei Fischer in ihrem kleinen Boot in der indonesischen Molukkensee endlich Glück zu haben. Das Netz ist so schwer, dass sie alle mit anfassen müssen, um es einzuholen. Aber dann, als sie es mühevoll über die Bordwand zerren, halten sie erschrocken inne. „Ein Ungeheuer“, stammelt Hartono. Die Last, die ihnen so sehr zu schaffen macht, sind nicht die wenigen Makrelen, die sich im Netz verfangen haben, es ist ein blass-rötliches Ungetüm von Qualle.

„Das wiegt mindestens 100 Pfund“, schätzt Hartono. Joko erhöht auf 200 Pfund. Ratlos starren sie auf ihren Fang. Der Körper umfasst sicherlich zwei Meter und die langen Tentakel suchen schlangengleich einen Ausgang aus den Maschen des Netzes. Kleinere Quallen finden sie schon seit Langem in großen Mengen in ihren Netzen. Sie ersetzen inzwischen die immer schmaler werdenden Einnahmen aus dem Verkauf von Fischen. Vor allem chinesische, aber auch japanische Restaurants sind gute Abnehmer. Ein solches Ungetüm ist ihnen allerdings noch nie ins Netz gegangen.

„Nicht anfassen“, warnt Hartono. „Wir lassen das Biest ins Meer zurück.“ Zwar bedauern die anderen, damit auch die Fische im Netz aufgeben zu müssen. Vielleicht lasse sich ja sogar diese Qualle an ein Restaurant verkaufen, debattieren sie noch kurz. Doch ihre Furcht vor den Tentakeln, die – wie sie wissen – schmerzhafte Verbrennungen auf der Haut, wenn nicht sogar Schlimmeres verursachen können, überwiegt den Wunsch nach Einnahmen aus dem Verkauf. Sie öffnen das Netz und langsam gleitet die glibberige Masse zusammen mit den silbrig glitzernden Fischen ins Meer zurück.

Immer häufiger tauchen diese Riesenquallen auf, die vor allem in den warmen Mündungsgebieten großer Flüsse wie Yangtse, Mississippi oder Kongo prächtig gedeihen, dort wo Fäkalien, Öle und andere Industrieabfälle das Wasser verschmutzen. Während Fische und Meeressäuger unter dem Klimawandel und der Erwärmung der Meere leiden, weil das Wasser von Jahr zu Jahr sauerstoffärmer wird, gedeihen Medusen prächtig in diesen toten Gewässern. Sie benötigen nämlich kaum Sauerstoff.

Fischer Hartono und seine Gefährten müssen sich also nicht wundern, dass diese Giganten unter den Quallen nun auch in indonesischen Meeren auftauchten. Dort leitet jede Ölbohranlage, jede Batik-Färberei, jede Tofuküche und jede Klitsche, die irgendetwas produziert, ihre Chemikalien und Öle in die Flüsse. Ebenso nutzt auch jede Familie, die sich in einer Hütte am Ufer niedergelassen hat, den Fluss als Abfalleimer. Indonesiens Flüsse und Kanäle sind wahre Müllhalden und Kloaken.

Stille Eroberer der Weltmeere

Das Ungetüm aus Hartonos Netz war eine Nomura-Qualle, benannt nach dem japanischen Entdecker des Tieres. Sie vermehren sich wie alle Quallen ungeheuer rasant. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 15 Milliarden dieser Ungeheuer in den Ozeanen treiben. Die weiblichen Quallen tragen Millionen Eier, und die männlichen Milliarden Spermazellen. Um das Überleben der Spezies zu sichern, stoßen sie ihre Eier und Spermazellen einfach aus, wenn sie angegriffen werden. Diese sinken dann auf den Meeresgrund, wo sie sich zu Polypen entwickeln. In dieser Lebensform können sie bis zu 50 Jahre lang regungslos verharren, ehe sie sich schließlich unter günstigen Umweltbedingungen zu Quallen fortentwickeln und in riesigen Schwärmen an die Oberfläche kommen, wo sie die Fischbestände gefährden. Lachse etwa verursachen in ihren Schwärmen einen Strudel, von dem die Quallen angesaugt werden. So können Quallen innerhalb von nur einer Minute durch ihre Stiche Tausende Lachse töten.

Quallen gehören zu den frühesten höher entwickelten Lebensformen, sie treiben sich schon seit über 600 Millionen Jahren in den Ozeanen herum. Inzwischen stellen sie eine kaum zu unterschätzende Gefahr für die Meeresfauna und sogar für Maschinen dar. Die in Australien lebende Meeresbiologin Lisa-Ann Gershwin, die einige Hundert bis dato unbekannte Quallenarten identifiziert hat, schreibt in ihrem Buch „Stung! On Jellyfish Blooms and the Future of the Ocean“, dass die Zunahme der Quallen eine existenzielle Bedrohung für die gesamte Fischindustrie sei. Unersättliche Quallen könnten im Kampf um Nahrung Thun- oder Schwertfische, Haie und sogar die Pinguine der Antarktis derart verdrängen, dass sie eines Tages vom Aussterben bedroht seien.

Schon in der Vergangenheit haben die Glibbertiere so einiges anrichten können. Im November 2009 brachte ein mit riesigen Quallen gefülltes Netz einen japanischen Fischkutter zum Kentern – das größte Exemplar von ihnen wog über 200 Kilogramm. Japanische Kernkraftwerke werden schon seit den 60er-Jahren von Quallen attackiert, so dass täglich bis zu 150 Tonnen Quallen je Kraftwerk aus den Kühlsystemen entfernt werden müssen. Im indischen Madras mussten Arbeiter in nur drei Monaten vier Millionen Quallen von den Schutzschirmen entfernen, die über den Öffnungen der Kühlwasserrohre angebracht waren, das waren etwa 80 Tonnen Quallen.

Eine Quallenattacke wurde sogar schon einmal als Staatsstreich gedeutet. Als in der Nacht des 10. Dezember 1999 plötzlich die Lichter auf der philippinischen Insel Luzon ausgingen, glaubten die Einwohner, ihr unpopulärer Präsident Joseph Estrada werde gerade durch einen Putsch gestürzt. Weltweit berichtete die Presse vom Sturz des Präsidenten. 24?Stunden später wurde bekannt, dass in Wahrheit Quallen in den Größenordnung von fünfzig Lastwagenladungen das Kühlsystem eines Kohlekraftwerkes verstopft hatten. Die Anlage musste sofort abgeschaltet werden.

Eine kleine Qualle, „kaum größer als ein Hühnerei, ohne Hirn, ohne Rückgrat und ohne Augen“, berichtet Lisa-Ann Gershwin, sei sogar in der Lage gewesen, die Fischereiwirtschaft ganzer Länder lahmzulegen. Als die Meerwalnuss (Mnemiopsis leidyi), eine Spezies der Kammquallen, mit dem Seewasserballast eines US-Frachters ins Schwarze Meer geriet, gelang es ihr, in nur wenigen Jahren die Fischindustrie Bulgariens, Rumäniens und Georgiens zu zerstören. Es gab einfach kaum noch Fische. Das Gesamtgewicht der Meerwalnuss im Schwarzen Meer wurde nach einiger Zeit auf das Zehnfache des Gewichts aller in einem Jahr weltweit gefangenen Fische geschätzt. Glücklicherweise rettete dann eine andere, zufällig eingeführte Quallenart wiederum das Fischereiwesen am Schwarzen Meer. Die Melonenqualle (Beroe gracilis) verfügt über zahnähnliche Gebilde, die ihr erlauben, die Meerwalnuss zu verzehren. „Nur Quallen scheinen Quallen stoppen zu können“, schreibt Lisa-Ann Gershwin. Wie soll man sie auch aufhalten, angesichts des atemberaubenden Tempos, in dem sie sich vermehren?

Biologen charakterisieren die Meerwalnuss als selbstbefruchtenden Hermaphroditen. Sie braucht also keinen Partner, muss auch nicht – wie manche andere Lebewesen – gelegentlich das Geschlecht wechseln, sondern kann männlich und weiblich gleichzeitig sein. Bereits im frühen Alter von 13 Tagen legt diese Qualle die ersten Eier, schon bald wird sie täglich 10.000 von ihnen produzieren. Zerschneidet man diese Organismen, regenerieren sich die Teile in zwei, drei Tagen. Anstatt sie etwa gevierteilt zu haben, machen sich fortan vier Quallen über das Nahrungsangebot der Meere her. „Sie können alles fressen, und tun das oft“, schreibt Lisa-Ann Gershwin. Sie sind Vielfraße und Verschwender. Nachdem etwa eine Meerwalnuss schon das Zehnfache ihres Körpergewichts verschlungen hat, um satt zu werden, verspeist sie weiter Beute, bis buchstäblich nichts mehr da ist.

Hinzu kommt, dass manche Arten von Quallen sozusagen unsterblich sind. Wenn eine Qualle der Spezies Turritopsis dohrnii stirbt, verwest sie wie alle Lebewesen. Doch dann ereignet sich Außergewöhnliches. Einige Zellen entfliehen dem verwesenden Körper und vereinigen sich, um fünf Tage nach dem Tod der Qualle einen Polypen zu bilden.

Ein weltweites Phänomen

Trotz all der Überlebenskünste konnte das komplexe Ökosystem der Meere die Zahl der Quallen über Jahrmillionen in Schach halten. Doch seit die Verschmutzung der großen Gewässer weltweit dramatisch zunimmt, geht es den Quallen immer besser. Auf dem Meeresgrund lagern riesige Mengen Industriemülls. Vergiftete Abwässer, Quecksilber, Kadmium, verchlorter Kohlenwasserstoff verseuchen die Ozeane. Zudem wurde erst vor knapp vierzig Jahren die Entsorgung radioaktiven Abfalls ins Meer von den Behörden untersagt. Bis dahin aber waren schon mehr als 140.000?Tonnen radioaktiven Materials im Nordatlantik entsorgt worden.

Russland hat nicht weniger als 17 ausrangierte Atomreaktoren in der arktischen See versenkt. Doch nicht Russland ist der größte Meeresverschmutzer, sondern Großbritannien. 90 Prozent aller Nuklearabfälle, die in die See eingeleitet wurden – Cäsium, Strontium, Ruthenium, Uran, Plutonium – stammen von der Insel. Fische und andere Meerestiere akkumulieren diese Metalle in ihren Körpern. In den Drüsen von Krabben fanden Wissenschaftler Polonium-210-Werte, die eine Million Mal über den Werten lagen, die im Meerwasser gemessen wurden. Und noch ein anderes Problem macht dem Meer zu schaffen. Noch bis vor 40 Jahren war es allgemein üblich, alte und unbrauchbare Munition in den offenen Gewässern zu versenken, einschließlich der chemischen Waffen. Auch hier spielt Großbritannien eine unrühmliche Rolle. Das Vereinigte Königreich hat 140.000 Tonnen an ausgemusterten chemischen Waffen im Ärmelkanal und in der Irischen See versenkt.

Doch die Vergiftung der Meere ist längst ein weltweites Phänomen. Fischer Hartono und seine Kollegen fahren zwar immer noch regelmäßig auf Fischfang, doch essen wollen sie ihren Fang schon heute höchstens nur noch einmal in der Woche. „Was meinst du, warum Frauen abgeraten wird, während der Schwangerschaft Fisch zu essen“, warnt Hartono. In den Fischen der indonesischen Meere seien hohe Quecksilberwerte nachgewiesen worden, eine Folge des Einsatzes von Quecksilber bei der landesweit betriebenen illegalen Goldsuche.

Im zweiten Teil ihres Buches, „Jellyfish, Planetary Doom, and Other Trivia“, beschreibt Lisa-Ann Gershwin weitere Gründe für das gefährliche Anwachsen der Quallenpopulation. Die Wissenschaftlerin verwundert nicht, dass ausgerechnet vor Südafrika und im Schwarzen Meer diese ungeheuerlichen Quallenschwärme auftauchten. Die Meere seien inzwischen dermaßen überfischt, dass viele Ökosysteme längst kollabiert seien. Dies habe den Quallen weitreichende, neue Ressourcen verschafft. Einst hätte es in diesen Meeren von Anchovis gewimmelt, die mit den Quallen um die gleiche Nahrung konkurrierten. Durch das Überfischen verschwanden die Anchovis jedoch, sodass die Medusen die ganze Nahrung für sich alleine hatten. So konnten sie sich derart vermehren.

Der ganz alltägliche Hausmüll, zum Beispiel in Form von Plastiktüten, sowie bestimmte Fangmethoden mit Schleppnetzen und langen Leinen, mit denen man auch in großer Tiefe fischen kann, zerstören auch noch die letzten Feinde der Quallen: etwa die Schildkröten. „Wir schaffen die großartigsten Brutstätten für Quallen. Von Öl- und Gasplattformen kommt der industrielle Abfall und anderer schwimmender Müll, wir übersäen die Ozeane mit jener Art von hartem Grund, den die Quallenpolypen lieben,“ schreibt Lisa-Ann Gershwin.

Die großen Mengen von Phosphor und Nitrogen, die aus der Landwirtschaft und Industrie ins Meer gelangen – zum Beispiel durch Dünger von den Feldern – verringern darüber hinaus den Sauerstoffgehalt des Wassers. In Flussmündungen oder weitgehend geschlossenen Wassersystemen wie der Ostsee, dem Schwarzen Meer oder dem Golf von Mexiko wachsen diese sauerstoffarmen Zonen in beängstigendem Ausmaß. Dort kann nichts, was auch nur ein bisschen Sauerstoff benötigt, überleben. Das gilt zum Beispiel für Fische, Schalentiere, Krebse oder Krabben. Quallen aber wachsen und gedeihen dort hervorragend.

Den Quallen kann noch nicht einmal die Übersäuerung der Meere etwas anhaben. Diese ist eine Folge des erhöhten Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2 ) in die Atmosphäre. Die Ozeane entziehen der Luft jährlich etwa ein Viertel des Kohlendioxids, das Menschen in die Atmosphäre einleiten. Ohne diesen natürlichen Speicher wäre es auf der Erde bereits noch wärmer. Im Wasser reagiert das Kohlendioxid zu Kohlensäure, der pH-Wert des Wassers sinkt, die Meere werden saurer. Heute schon sind die Ozeane 30 Mal säurehaltiger als noch vor 30 Jahren. Schalentiere leiden darunter gewaltig. Im Nordwesten Nordamerikas brach die Austernzucht ein. Den winzigen Schnecken der arktischen und antarktischen Ozeane frisst die Säure die Gehäuse weg. Da Quallen jedoch keine harten Teile aufweisen, bleiben sie von der Übersäuerung unberührt.

Lisa-Ann Gershwin beendet ihr Buch mit einer deprimierenden Prognose: „Ich denke, wir unterschätzen, wie viel Schaden wir unseren Ozeanen und ihren Bewohnern zugefügt haben. Ich glaube heute, dass wir zu weit gegangen sind, dass alles unumkehrbar ist. Ich glaube wirklich, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, ehe die Ozeane, wie wir sie kennen und brauchen, sehr andere Orte sein werden. Ohne Korallenriffe, die von Leben wimmeln. Ohne riesige Wale oder watschelnde Pinguine. Ohne Hummer oder Austern. “

Quallen werden bleiben.